Politik/Entertainment: Friedrich Merz ist nicht Stromberg, er ist Al Bundy
Wir wissen noch, bevor wir „Love and Marriage“ hören, dass Merz scheitern wird.
Friedrich Merz: Er ist nicht Stromberg, er ist Al Bundy.
Man stelle sich vor: Ein Mann, der jahrzehntelang in der Reserve hockte, den großen Wurf predigte und dann endlich den Ball bekommt – nur, um ihn spektakulär in den eigenen Korb zu werfen. Willkommen in der Ära Friedrich Merz, Bundeskanzler seit dem 6. Mai 2025. Was für eine Show! Während andere Länder sich über erfolgreiche Reformen freuen (Argentinien, USA) oder wenigstens über eine durchschnittlich laufende Verwaltung, hat Deutschland den Jackpot gezogen: einen Kanzler, dessen Regierung so stabil läuft wie Al Bundys Ehe. Jeder Tag bringt neue Folgen von „Married… with Coalition“ und bringt uns als Publikum zum Lachen – bitter, hämisch und mit einem Hauch von Verzweiflung. Die optische Nähe zu Stromberg sorgt dafür, dass wir in der Regel eben diesen aus der Kiste holen, um Merz zu vergleichen, aber Tatsache ist: Stromberg kommt mit seinen Fehlern oft durch. Diese glücklichen Fügungen werden weder Al Bundy noch Merz zuteil.
Merz wollte der starke Mann sein. Der Wirtschaftsliberale, der den Karren aus dem Dreck zieht, den „Wumms“ liefert, die Zeitenwende einleitet und Deutschland wieder stolz macht. Er wollte, dass man seinen Namen in einem Atemzug mit Adenauer & Erhard nennt. Dies passiert zwar oft, aber nur, weil er es selbst tut. Auf den Rest der Deutschen wirkt er stattdessen wie ein Verlierer, der bereits abgeschrieben ist. Die Koalition mit der SPD? Ein Meisterstück der Selbstkasteiung. Die Sozialdemokraten, die nach der Scholz-Ära eigentlich am Boden lagen, haben den alten Hasen aus dem Sauerland so elegant vorgeführt, dass man fast Mitleid hätte – wenn es nicht so verdammt unterhaltsam wäre und Merz nicht so unangenehm als Typ wäre.
Nehmen wir die Regierungsbildung. Schon die Kanzlerwahl: Erster Wahlgang verfehlt. Historisch. Peinlich. Die eigenen Leute und die SPD-Abgeordneten haben ihm gezeigt, wo der Hammer hängt. Zweiter Anlauf, mühsam über die Hürde. Und dann das Kabinett: CDU-CSU-SPD. Merz als Kanzler, aber die SPD sitzt am Tisch und diktiert den Ton. Jedes Mal, wenn er „Reform“ sagt, antwortet die SPD mit „sozialer Gerechtigkeit“. Jedes Mal, wenn er Steuerentlastungen andeutet, kommt der Hinweis auf die Schuldenbremse, und dann werden neue Steuern geschaffen. Die SPD lächelt milde und lässt ihn laufen, wie man einen Labrador an der Leine führt, der denkt, er sei ein Wolf. Erst diese Woche hat er sich bei der SPD für das Beibehalten der Koalition bedankt, die einen Tag später öffentlich und ohne Absprache weitere seiner „Reformen“ abräumte.
Die Wirtschaft? Ein Klassiker. Merz predigte Wettbewerbsfähigkeit, Industriestandort, „Wir müssen Industrieland bleiben“. Und was passiert? Nun, nichts, zumindest nichts, das ein Ludwig Erhard zugelassen hätte. Ein Umstand, den er noch zu erkennen in der Lage war, weshalb er relativ schnell nicht mehr Wirtschaftskanzler sein wollte, sondern Außenkanzler.
Der Außenkanzler
Die Außenpolitik: Merz als „Außenkanzler“, der mit den Großen telefoniert. Trump hier, Selenskyj da, Macron und Tusk. Die wohl glücklichsten 2 oder 3 Monate seiner Kanzlerschaft. Trump war lieb zu ihm, und die Präsidenten, denen er Millionen an deutschem Steuergeld in den Rachen warf, waren es ja ohnehin. Das größte Problem seinerseits war, dass er nicht so ganz versteht, wie das Internet funktioniert, und dass, wenn du dich in einem Raum mit 100 Leuten befindest, da wahrscheinlich auch 100 Kameras sind. In irgendeiner Sporthalle verspottete er den US-Präsidenten und dessen Außenpolitik. Seitdem versteckt er sich wieder in Deutschland. Doch zu Hause läuft es auch nicht besser. Die Umfragen rauschen in den Keller, eine Mehrheit will seinen Rücktritt, und die AfD feiert große Erfolge. Er droht der Opposition vom Pult des Bundestags, spricht von einem Auftrag aus dem Grundgesetz und stilisiert Kritiker zu Feinden der Freiheit. Das ist keine Staatsmännlichkeit, das ist die Verzweiflung eines Mannes, der merkt, dass die Show ihm entgleitet. Wenn Weidel ihn nicht gerade so aus dem Konzept bringt, dass er seine gesamte Redezeit der AfD widmet, dann versucht er gerne, in Richtung der Bierdeckel-Rede zu manövrieren. Seine 2004 gehaltene Rede wurde inhaltlich oft gelobt und auch in seinem Wahlkampf immer wieder erwähnt. Die Bierdeckel-Rede ist seine 4 Touchdowns in einem Spiel.
Der Höhepunkt der jüngsten Folge? Der Heulausbruch an einer Schule. Deutscher Schulpreis 2026 in Berlin: Die Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf gewinnt. Merz steht da, redet von Lehrern als der wichtigsten Berufsgruppe, erzählt, er habe als Kind „selten Lust“ auf Schule gehabt – und greift zum Taschentuch. Tränen in den Augen. Brille ab. „Selbst der Bundeskanzler hat Tränen in den Augen“, kommentiert die Moderatorin gut gelaunt. Was für ein Bild! Der harte Kerl aus dem Sauerland, der mal als Chaot in der Schule galt und jetzt vor lauter Rührung zerfließt. Nicht, weil die Schule so grandios ist, sondern weil der Druck, die Enttäuschung und die eigene Unzulänglichkeit ihn überrollen. Nie zuvor habe ich einen Kanzler weinen sehen. Das gehört sich auch in dieser Position nicht, aber als gescheiterter Schuhverkäufer kann man gerne weinen. Welt titelte übrigens: „Selbst der Kanzler hat Tränen in den Augen“ – Merz zeigt sich bei Schulpreis sichtlich gerührt. Er ist keine 2 Jahre Kanzler, und ich bringe ihn mehr mit Weinen in Verbindung als den französischen Präsidenten. Das sollte so nicht sein.
Kein roter Faden
Wir haben inzwischen verschiedene Merz-Puppen gesehen, es ist ein wenig wie bei Barbie, die es auch in verschiedenen beruflichen Varianten gibt. Wir sind mit dem Wirtschafts-Merz gestartet, der gescheitert ist, dann kam der Außen-Merz, der ebenfalls gescheitert ist. Nach der Sommerpause gab es dann den Klima-Merz, der niemanden interessiert hat, und nun spielen alle Kinder nur noch mit der Reform-Merz-Puppe, die gerade scheitert. Wenn ich ihm so zuhöre und seinen stetigen Verfall beobachte, würde ich darauf tippen, dass wir als Nächstes den totalitären Merz bekommen, bei dem nur zu hoffen bleibt, dass dieser wie alle anderen Varianten und wie sein mediales Vorbild Al Bundy auch an dieser Selbstdarstellung scheitert.
Fazit
Die bitterhumoristische Wahrheit: Deutschland hat keinen starken Kanzler bekommen, sondern den ultimativen Sitcom-Loser. Friedrich Merz liefert Drama, Tränen, Peinlichkeiten und das unbeständige Scheitern eines Mannes, der zu lange auf diesen Moment gewartet hat und ihn nun verbrät. Nicht mal er selbst ist von der Realität entkoppelt genug, um noch an Merz zu glauben, um noch zu glauben, dass da mehr auf ihn wartet als der Job als Damenschuhverkäufer. Es ist vorbei, und alle wissen es. Wir alle wissen noch, bevor wir „Love and Marriage“ von Frank Sinatra hören, dass Bundy (Merz) scheitern wird. Natürlich ist der hier gezogene Vergleich etwas unfair, denn Al Bundy hat 1966 4 Touchdowns in einem Spiel gemacht und ist auch irgendwo sympathisch, was ihn von Merz deutlich unterscheidet. Der wichtigste Unterschied aber ist der, der Merz am meisten wurmen dürfte, und zwar, dass wir uns auch x Jahre nach Eine schrecklich nette Familie an Bundy erinnern, während wir Merz bereits vergessen.
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