Filmkritik: Warum „ES“ von 1990 bis heute wirkt
Tim Currys Pennywise setzt auf psychologische Bedrohung
IT 1990
Was macht den Clown Pennywise aus dem Jahr 1990 bis heute so unvergesslich? Wie konnte ein Fernsehfilm unter den engen Fesseln des amerikanischen Network-Fernsehens – ohne explizites Blut und ohne die direkte Darstellung getöteter Kinder – eine ganze Generation mit einer Geschichte in den Bann ziehen, in der es im Grunde um tote Kinder geht? Warum halten viele diese Version für stimmiger und menschlicher als die opulenten Kinoremakes von 2017 und 2019? Und was verspricht die neue Serie „IT: Welcome to Derry“, die das Universum weiter ausdehnt?
Diese Fragen führen uns mitten in Stephen Kings Monumentalwerk und seine erste große Verfilmung. Wir blicken auf die Handlung, die Produktionsgeschichte unter den Zwängen des Fernsehens und den Vergleich mit den späteren Filmen. Außerdem werfen wir einen kurzen Blick auf die aktuelle Serie. Denn ES von 1990 ist weit mehr als Horror: ES ist ein Klassiker.
Die Handlung
Im Zentrum steht der Losers Club – sieben Außenseiterkinder in der fiktiven Kleinstadt Derry, Maine, im Jahr 1960. Bill Denbrough ist der stotternde Anführer, gezeichnet vom Verlust seines kleinen Bruders Georgie und von einem tiefen Schuldgefühl. Beverly Marsh kämpft gegen die häusliche Gewalt ihres Vaters und sucht nach Zugehörigkeit. Ben Hanscom, der übergewichtige Neue, bringt Wissen und eine stille Stärke mit. Eddie Kaspbrak lebt in der überbehüteten Welt seiner hypochondrischen Mutter und kämpft mit seiner eigenen Angst vor Krankheit. Richie Tozier ist der Lautsprecher der Gruppe, der mit Stimmen und Witzen die Spannung bricht. Stanley Uris, der Rationale und oft Skeptische, will die Welt logisch erklären. Mike Hanlon, der einzige Schwarze in ihrem Kreis, kennt die dunkle Geschichte Derrys und wird zum Chronisten des Unheils.
Eine Reihe von Vermisstenfällen unter Kindern erschüttert die scheinbar idyllische Stadt. Georgie Denbrough jagt an einem regnerischen Tag seinem Papierboot hinterher und begegnet im Gully dem Clown Pennywise, der sich als freundlich und verlockend tarnt – mit Ballons, Süßigkeiten und dem Versprechen, dass „alle schweben“. Der Clown reißt ihm den Arm ab und tötet ihn. Die Kinder merken bald, dass dasselbe Wesen, das sie „Es“ nennen, die Gestalt ihrer tiefsten Ängste annimmt: für den einen als Werwolf, für den anderen als Aussätziger, als toter Bruder, als blutende Leiche oder in anderen Schreckensgestalten. Pennywise ist keine menschliche Figur, sondern ein uraltes, interdimensionales Wesen, das alle 27 bis 30 Jahre erwacht, um sich von der Angst und dem Leid der Kinder zu ernähren. Es nährt sich von Furcht und kehrt dann in den Schlaf zurück – bis der nächste Zyklus beginnt.
Die sieben Außenseiter schließen sich zusammen. Sie widerstehen dem örtlichen Schläger Henry Bowers und seiner Gang, die selbst von Es beeinflusst werden. Sie erforschen die Geschichte Derrys und erkennen das Muster der Katastrophen. Schließlich steigen sie in die Kanalisation hinab, das Reich von Es. Dort stellen sie sich dem Wesen und verletzen es schwer durch den Glauben an ihre eigene Kraft und ihren Zusammenhalt. Sie schwören, zurückzukehren, falls es je wiederkehrt. Henry wird in eine Anstalt gesteckt, nachdem er die Morde gestanden hat – ein Opfer der Verdrängung der Stadt.
Dreißig Jahre später, 1990, erwacht Es erneut. Ein kleines Mädchen wird getötet, und Mike Hanlon, der einzige, der in Derry geblieben ist und als Bibliothekar die Erinnerung wachhält, ruft die anderen zurück. Die Erwachsenen haben die Ereignisse weitgehend verdrängt. Sie leben verstreut: Bill ist erfolgreicher Horrorautor, Beverly Designerin in einer von Missbrauch geprägten Beziehung, Ben Architekt, Eddie betreibt einen Limousinenservice und ist immer noch an seine Mutter gebunden, Richie ist Comedian. Stanley nimmt sich das Leben, als er den Anruf erhält – die Angst ist zu groß. Die Übrigen kehren widerwillig zurück. Sie werden erneut von ihren alten und neuen Ängsten heimgesucht, müssen sich ihrer Vergangenheit stellen und steigen wieder in die Tiefen hinab. Dort treffen sie auf die wahre Form von Es – eine riesige, monströse Spinne – und besiegen sie endgültig, allerdings unter Opfern. Eddie stirbt heroisch. Die Überlebenden gehen auseinander, die Erinnerungen verblassen allmählich, doch die Freundschaft hat ihren Preis gefordert und ihre Kraft bewiesen.
Es ist eine Geschichte von Zusammenhalt gegen eine übermächtige, formlose Bedrohung. Die Kinder und später die Erwachsenen lernen, dass wahre Freiheit darin liegt, der Angst nicht zu weichen, sondern ihr gemeinsam entgegenzutreten. Die Stadt Derry vergisst, verdrängt und lässt das Übel gedeihen. Der Losers Club steht für den Widerstand des Individuums und der Gemeinschaft gegen diese kollektive Feigheit.
Produktionsgeschichte – Fernsehfilm, kein Blut, keine Kinder töten
Stephen Kings „It“ entstand als zweiteiliger Fernsehfilm für den Sender ABC und wurde am 18. und 20. November 1990 ausgestrahlt. Regie führte Tommy Lee Wallace, das Drehbuch stammte von Lawrence D. Cohen, der bereits die erfolgreiche Carrie-Verfilmung geschrieben hatte. Ursprünglich war eine deutlich längere Fassung geplant – zeitweise sogar bis zu zehn Stunden – und George A. Romero war als Regisseur im Gespräch. Budget-, Sendeplatz- und vor allem Zensurgründe führten dazu, dass das Projekt auf etwa drei Stunden und zwölf Minuten zusammengeschrumpft wurde. Gedreht wurde in Vancouver und Umgebung – vor allem New Westminster – mit einem für damalige Fernsehverhältnisse stattlichen Budget von rund zwölf Millionen Dollar.
Als Network-Produktion unterlag der Film den strengen Standards der damaligen amerikanischen Fernsehlandschaft. Explizite Darstellungen von Blut und Gewalt mussten stark zurückgefahren werden. Der berühmte Armabriss bei Georgie wird angedeutet, aber nicht in voller Härte gezeigt. Tötungen von Kindern geschehen weitgehend außerhalb des Bildes oder werden nur angedeutet – ein bewusster Verzicht, der in deutlichem Gegensatz zum Buch und den späteren Kinofassungen steht. Die Angst entsteht hier vor allem durch Atmosphäre, Timing, die Leistung der Darsteller und die psychologische Bedrohung. Tim Curry als Pennywise ist das Herzstück: charmant, boshaft, unberechenbar und zugleich verstörend menschlich. Seine Darstellung mischt Clown-Humor mit purer Bosheit und hat Generationen nachhaltig geprägt.
Die Spezialeffekte wirken aus heutiger Sicht oft holzhammerartig – die finale Spinne ist legendär umstritten und wird gerne belächelt. Doch genau diese handwerkliche Begrenzung und der Fokus auf die Charaktere haben dem Film seinen besonderen Charme und seine nachhaltige Wirkung verliehen. Die Kinderschauspieler – darunter Jonathan Brandis als Bill und Emily Perkins als Beverly – und die erwachsenen Darsteller – Richard Thomas, John Ritter, Annette O’Toole, Tim Reid und andere – schaffen glaubwürdige, berührende Figuren. Über 30 Millionen Zuschauer sahen die Ausstrahlung. Die Musik von Richard Bellis gewann einen Emmy. Stephen King selbst äußerte sich weitgehend positiv – für einen Mann, der Fernsehadaptionen seiner Werke oft skeptisch gegenüberstand, kein kleines Lob.
Die Produktionsgeschichte zeigt, wie Kreativität unter Restriktionen blühen kann. Weniger Blut bedeutete mehr Raum für Freundschaft, Charakterentwicklung und den stillen Horror der Verdrängung. In einer Welt, in der heute oft maximaler Schock und visuelle Überwältigung dominieren, wirkt diese Zurückhaltung wie ein Akt der Freiheit: die Freiheit, dem Zuschauer zuzutrauen, dass er selbst fühlen und denken kann, statt ihn mit Effekten zu erschlagen.
Vergleich mit den zwei Remake-Filmen
Die Kinofassungen von Andrés Muschietti – It von 2017 und It Chapter Two von 2019 – profitierten von deutlich größeren Budgets, modernen computergenerierten Effekten und der Freiheit des Kinos. Der erste Teil konzentriert sich fast ausschließlich auf die Kinderjahre, die hier in die späten 1980er verlegt wurden, der zweite auf die Erwachsenen. Bill Skarsgård spielt einen Pennywise, der deutlich fremdartiger, animalischer und optisch verstörender wirkt als Tim Currys eher menschlich-charismatischer Clown. Die Gewalt ist expliziter, die Schockmomente zahlreicher, die Effekte spektakulärer. Die Filme wurden zu enormen Kassenerfolgen und brachten das Thema einer neuen Generation nahe.
Wo die 1990er-Version oft mit ruhigem Aufbau, Charakterfokus und atmosphärischer Spannung arbeitet, setzen die Remakes stärker auf Jump-Scares, visuelle Opulenz und eine modernere, schnellere Erzählweise. Die Freundschaft der Losers kommt in beiden Versionen stark zur Geltung, doch die Miniserie bindet Kindheit und Erwachsenenleben enger zusammen und lässt die Verdrängung der Erinnerungen stärker spürbar werden. In den Kinofilmen wirkt die Erwachsenen-Hälfte manchen Zuschauern dünner und weniger emotional verankert. Die 1990er-Fassung hat eine intimere, manchmal fast märchenhafte Qualität. Tim Currys Pennywise bleibt für viele unübertroffen – gerade weil er so nahbar und doch so böse ist.
Technisch sind die Remakes klar überlegen. Inhaltlich und atmosphärisch hat die Fernsehfassung für viele den größeren emotionalen Kern. Beide Versionen haben ihre Stärken: Die eine lebt von Beschränkung, Atmosphäre und dem Glauben an die Kraft der Freundschaft, die andere von Freiheit, Spektakel und zeitgemäßer Grausamkeit. Wer das Buch kennt, merkt, dass jede Adaption eigene Akzente setzt – keine ist die „einzig wahre“. Die 1990er-Version erinnert daran, dass echter Horror oft im Kopf entsteht und dass Freiheit auch bedeutet, mit weniger mehr zu erreichen.
Fazit
ES von 1990 ist und bleibt ein Meilenstein: ein Fernsehfilm, der unter Fesseln entstand und gerade deshalb so frei und nachhaltig wirkt. Freundschaft als Waffe gegen die Angst, der Mut, dem Unsichtbaren entgegenzutreten, und die Weigerung, zu vergessen – das sind Freiheitsfunken, die bis heute leuchten. In einer Welt, die oft von Angst und Verdrängung geprägt ist, erinnert uns dieser Film daran, dass wahre Stärke aus dem Zusammenhalt und dem klaren Blick auf das Böse entsteht.
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