06. Oktober 2026 18:00

Filmkritik Das Schweigen der Lämmer

Fünf Oscars und ein faszinierendes Spiel mit Abgründen

von Sascha Blöcker drucken

Hannibal im Anarcho-Late-Night-Stil
Bildquelle: Eigenes Bild Hannibal im Anarcho-Late-Night-Stil

Das Schweigen der Lämmer

Im Oktober mühe ich mich, Halloween-taugliche Filme in den Vordergrund zu rücken. Das Schweigen der Lämmer ist ein solcher Film, aber auch noch so viel mehr. Die Preise, die er gewann, sprechen für sich, aber ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der ihn nicht gut findet. Bei Kritikern und Publikum beliebt. Nur die Woken mögen ihn nicht. Die Gründe dafür dürften klar sein, auch wenn sie es nicht sind. Aber dazu später mehr. Das Schweigen der Lämmer war der eine Film, den meine Eltern als VHS-Kassette zu Hause hatten und den ich absolut nicht sehen durfte. Auch andere Filme waren mir untersagt, aber dieser Film war auf andere Weise verboten und wurde gehütet wie ein Schatz. Er wurde vor mir versteckt. Nur selten bekam ich das ikonische Cover zu Gesicht. Versuche, mir eine eigene Kopie in der Videothek zu leihen, scheiterten, und selbst mein Cousin wurde so eindringlich instruiert, dass auch er mir nicht weiterhalf. Ich glaube, ich sah ihn dann mit 16 zum ersten Mal und seitdem immer wieder. Er ist einer der Filme, die so groß und wichtig sind, dass ich fürchte, dem Material nicht gerecht zu werden. Ich versuche es dennoch.

Die Handlung von Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ aus dem Jahr 1991 beginnt mit Clarice Starling, einer ambitionierten FBI-Anwärterin an der Quantico-Akademie. Jack Crawford, Leiter der Behavioral-Science-Unit, schickt die junge Agentin zu einem besonderen Auftrag: Sie soll den inhaftierten Psychiater und Kannibalen Doktor Hannibal Lecter interviewen. Lecter sitzt in einer Hochsicherheitsanstalt unter der Aufsicht des eitlen Doktor Frederick Chilton. Crawford hofft, dass Lecter Hinweise zum Serienmörder „Buffalo Bill“ liefern kann – einem Killer, der junge Frauen entführt, aushungert und ihnen die Haut abzieht, um daraus einen „Frauenanzug“ zu fertigen. Clarice betritt die Welt hinter den Gittern. Lecter empfängt sie höflich, durchschaut sie aber gnadenlos. Er erkennt sofort ihren Hintergrund – die Tochter eines Polizisten aus dem ländlichen Westen, die sich durch Fleiß und Intelligenz nach oben kämpft. Zwischen den beiden entsteht ein gefährliches Quidproquo: Lecter gibt Informationen über Buffalo Bill, verlangt dafür aber Einblicke in Clarices Seele. Sie erzählt von ihrem Kindheitstrauma: Nach dem Tod des Vaters lebte sie auf dem Hof von Verwandten. Eines Nachts hörte sie die Frühlingslämmer schreien, die geschlachtet werden sollten. Sie versuchte, eines zu retten, scheiterte und hört die Schreie seither in ihren Träumen. Lecter analysiert kalt: Clarice jagt Buffalo Bill, um die Lämmer endlich zum Schweigen zu bringen. Der Fall eskaliert, als Buffalo Bill Catherine Martin entführt, die Tochter einer US-Senatorin. Die Zeit drängt. Clarice folgt Lecters kryptischen Hinweisen – „Look deep within yourself“ – und Andeutungen über die Fundorte der Leichen. Sie entdeckt, dass der erste Opferfundort den Schlüssel birgt, und stößt in Belvedere, Ohio, auf die Spur von Fredrica Bimmel, dem ersten Opfer. Im Haus des Mörders Jame Gumb alias Buffalo Bill kommt es zum Showdown im dunklen Keller. Clarice, mithilfe eines Nachtsichtgeräts gejagt, orientiert sich am Klicken der Waffe und erschießt den Killer. Catherine wird gerettet. Parallel gelingt Lecter eine spektakuläre Flucht aus Memphis. Er tötet Wärter, wechselt die Identität und verschwindet. Am Ende ruft er Clarice an: Er werde sie nicht jagen, die Welt sei mit ihr interessanter. Er habe noch ein Abendessen mit einem alten Freund – und fragt, ob die Lämmer nun schweigen.

Ursprung

Der Film, basierend auf Thomas Harris’ Roman, ist sehr viel mehr als ein Thriller. Er ist ein Porträt zweier Außenseiter: Clarice, die sich gegen ihr Trauma stemmt, und Lecter, der geniale Individualist, der die Regeln der Gesellschaft mit chirurgischer Präzision verhöhnt. Auf der anderen Seite haben wir Buffalo Bill, gespielt von Ted Levine, der noch mal knapp fünf Minuten weniger Screen-Time hat als Anthony Hopkins und dennoch mit seiner Performance brilliert. Er ist eine Bedrohung und wir können ihn nicht durchschauen, ihn nicht verstehen. Er widert uns an und sorgt dafür, dass wir Hannibal fast als eine Art sicheren Hafen verstehen. Ted Levine, der immer ein wenig vergessen wird, wenn wir über Das Schweigen der Lämmer sprechen, macht einen sehr guten und wichtigen Job. Buffalo Bill ist eine Komposition aus drei realen Serienmördern: Ed Gein, der Häute und Lampenschirme aus Menschenhaut machte, Gary Heidnik, der Frauen in einem Kellerloch gefangen hielt, und Ted Bundy, der mit einem gefälschten Gipsarm Opfer anlockte. Ted Levine studierte Interviews mit Serienmördern. Die Woken hassen den Film und sie hassen Buffalo Bill, weil dieser als Transe auch gleich ein Mörder ist. Aber tatsächlich hat Ted Levine Bill weder als schwul noch als trans gespielt. Er hat ihn gestört gespielt. Eine Figur, die sich aus Selbsthass verändern will, nicht aus sexuellen Motiven. Er ist ein Charakter, der stark unter seiner Mutter zu leiden hatte und deshalb weder Selbstvertrauen noch Selbstliebe empfindet.

Außerdem mag ich ihn in Monk.

Fun-Facts: Hinter den Kulissen eines Klassikers

Anthony Hopkins ist nur etwa 16 Minuten auf der Leinwand zu sehen – und gewann trotzdem den Oscar als Bester Hauptdarsteller. Das ist eine der kürzesten Oscar-prämierten Hauptrollen der Geschichte. Seine Präsenz füllt den gesamten Film. Das Monster, welches wir nicht sehen, ist erschreckender als alles, was sie uns zeigen könnten.

Hopkins improvisierte das berühmte „th-th-th“-Zischen nach den Fava-Bohnen und dem Chianti – inspiriert von Bela Lugosi in „Dracula“. Jonathan Demme soll später zugegeben haben, dass er das Geräusch selbst nie ganz verstanden hat – es funktionierte einfach.

Hopkins und Jodie Foster sprachen während der Dreharbeiten außerhalb der Szenen kaum miteinander, um die Spannung zu erhalten. Für Lecters Stimme orientierte sich Hopkins an einer Mischung aus Truman Capote und dem Computer HAL aus „2001: Odyssee im Weltraum“. Er blinzelte bewusst extrem selten, um reptilienhafte Kälte zu erzeugen.

Das Totenkopf-Motiv auf dem Filmplakat ist kein natürlicher Falter: Der Schädel setzt sich aus sieben nackten Frauenkörpern zusammen, ein Zitat von Salvador Dalís und Philippe Halsmans Foto „In Voluptas Mors“.

Gene Hackman hatte ursprünglich die Rechte am Roman erworben und wollte selbst Regie führen und Lecter spielen. Nach „Mississippi Burning“ distanzierte er sich von zu viel Gewalt. Die Rechte an Lecter selbst wurden von Dino De Laurentiis gratis abgegeben, nachdem „Manhunter“ aus dem Jahr 1986 floppte. Der Film startete am Valentinstag 1991 – und wurde ein riesiger Erfolg: Bei einem Budget von etwa 19 Millionen Dollar erzielte er über 270 Millionen Dollar Einspielergebnis. Er ist einer von nur drei Filmen, die die „Big Five“-Oscars gewannen: Bester Film, Regie, adaptiertes Drehbuch, Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin.

Die Kamera

Die Kameraführung von Tak Fujimoto ist einer der stillen Helden dieses Films. Sie arbeitet nie laut, nie auf Effekt, sondern mit einer fast unheimlichen Präzision. Oft steht die Kamera dort, wo Clarice steht – nah, subjektiv, manchmal sogar leicht von unten, sodass wir ihre Verletzlichkeit und ihren Mut gleichzeitig spüren. Die vielen Nahaufnahmen von Anthony Hopkins, bei denen er das gesamte Bild einnimmt, sind einer der Gründe dafür, warum er so präsent im Film wirkt, obwohl er doch so wenig zu sehen ist. Ein weiterer Trick ist, dass Clarice immer an der Kamera vorbeischaut, aber die anderen sehen direkt hinein. Die Gespräche wirken so, als würden sie mit uns geführt werden. Da wir Clarice sind, sprechen wir natürlich nicht direkt zu uns. Ich könnte noch stundenlang nur über die Kamera schreiben, aber das soll erst mal reichen.

Fazit

„Das Schweigen der Lämmer“ ist und bleibt ein Meisterwerk der psychologischen Spannung – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Unbequemlichkeit. Es ist der seltene Film, der Kritik und Publikum gleichermaßen begeistert, Oscars in den großen Kategorien abräumt und trotzdem nie den Hauch von behäbiger Prestige-Ware annimmt. Er bleibt scharf, intelligent und unnachgiebig. Mit Hannibal gab er uns eine der größten Filmfiguren aller Zeiten und wir gehen ihm auf den Leim. Hannibal ist ein verfluchtes Monster, aber wir alle mögen ihn. Wir verurteilen gar die Bedingungen, unter denen er eingesperrt ist, weil er uns vergessen lässt, wer er ist. Genial. Allein Hannibal mit seinen 16 Minuten im Film ist reines Kinogold.


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