07. Oktober 2026 06:00

Ökonomie Das Märchen von der drittgrößten Volkswirtschaft

Warum Deutschlands Wirtschaft kleiner ist, als Politiker es sich erzählen

von Oliver Gorus drucken

Wirtschaftsstandort: Zwischen industrieller Substanz, Staatsapparat und technologischer Konkurrenz.
Bildquelle: Redaktion Wirtschaftsstandort: Zwischen industrieller Substanz, Staatsapparat und technologischer Konkurrenz.

In Berlin plappern es Politiker und ihre Freunde in den Mittelstrahlmedien gern und oft nach: Deutschland, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. – Die Wendung steht in Reden, in Standortbroschüren und in fast jedem Interview, in dem ein Minister die eigene Bedeutung frisieren möchte.

Gemeint ist damit immer das Bruttoinlandsprodukt zu Marktwechselkursen. Nach dieser Rechnung liegen die USA vorn, China dahinter, Deutschland mit rund 5,5 Billionen Dollar auf Platz drei. Die Zahl misst, was die deutsche Produktion an den Devisenmärkten wert ist. Um Schulden und Finanzmacht einzuschätzen, ist das zwar eine gewohnte, kaum je hinterfragte Größe. Aber die Behauptung, man gehöre zu den drei Schwergewichten der Welt, ist in Wahrheit Augenwischerei.

Schon die Summe selbst ist geschönt. Das Bruttoinlandsprodukt zählt privaten Konsum, Investitionen, Staatsverbrauch und den Außenbeitrag zusammen. Der Staatsverbrauch, also Gehälter im öffentlichen Dienst, Sachaufwand der Behörden, öffentlich bereitgestellte Bildung und Gesundheit, geht mit dem Betrag ein, den er kostet. Ein Euro mehr davon hebt die gemessene Produktion um einen Euro, auch wenn private Investitionen und privater Konsum in derselben Periode fallen beziehungsweise verdrängt werden. Schrumpft die Privatwirtschaft um 40 Milliarden und legt der Staatsapparat um 50 Milliarden zu, nennt die Statistik das: Wachstum.

Öffentliche Leistung wird dabei zu Herstellungskosten bewertet, nicht zu einem Marktpreis. Eine Behörde, die nichts Zusätzliches hervorbringt, erscheint trotzdem in voller Höhe ihrer Gehaltsliste. Die Staatsquote, also alle öffentlichen Ausgaben im Verhältnis zur Produktion, liegt in Deutschland bei etwa 52 Prozent. Transfers wie Rente und Bürgergeld zählen nicht selbst als Produktion, der Apparat, der sie verwaltet, schon.

Hinzu kommt: Kaufkraft misst, welches Volumen an Gütern und Dienstleistungen eine Volkswirtschaft tatsächlich hervorbringt, während der Wechselkurs des nominalen Bruttoinlandsprodukts nur angibt, was dieses Volumen an den Devisenmärkten gerade wert ist. Korrigiert man das Bruttoinlandsprodukt also um den Faktor der Kaufkraft und zieht man den erwähnten Staatsverbrauch heraus, sieht Deutschland aus wie eine Perserkatze, die in die Badewanne gefallen ist.

Die Weltbank setzt den Staatsverbrauch für Deutschland 2025 bei 22,5 Prozent der Produktion an, für die USA bei 13,6, für China bei 16,7, für Indien bei 10,8, für Japan bei 20,1, für Indonesien bei 7,5. Auf die Kaufkraftzahlen von 2026 gelegt, bilden China, die USA, Indien, Russland und Japan die Top fünf, in dieser Reihenfolge. Deutschland fällt von 6,4 auf knapp fünf Billionen internationale Dollar. Indonesien, das nur einen kleinen Apparat abrechnet, bleibt bei rund fünf Billionen und liegt damit sogar knapp vor Deutschland, das Siebter ist statt Dritter.

An Stärke und Leistungsfähigkeit liegt Deutschland also hinter einem Land, das im Berliner Märchen gar nicht vorkommt, hinter zwei Ländern, die in Berliner Reden lediglich überheblich als Rohstofflieferant oder als „Aufholer“ vorkommen, und hinter einem Land, das man aus dem Kreis der großen Industrieländer politisch gern ganz heraushalten möchte und es darum kleinredet.

Die G7 selbst ist keine Rangliste. Sie ist ein Club von 1975: USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada. Heute aber, 50 Jahre später, sieht es so aus: Indien produziert nach Kaufkraft fast dreimal so viel wie Deutschland und mehr als Frankreich, Großbritannien und Italien zusammen. Indonesien und Brasilien liegen deutlich über Frankreich. Am Tisch der G7 sitzt, wer damals in den Siebzigern reich und westlich genug war. Aber das ist heute zunehmend irrelevant.

Aber nicht nur die Gegenwart ist eine ganz andere, als das Narrativ ständig wiederkäut: Was der Kapitalmarkt für die nächste Runde zahlt, nämlich die nahe Zukunft, ist noch unfreundlicher. Nvidia, ein einziger amerikanischer Chipdesigner, steht Anfang Oktober bei rund 5,6 Billionen Dollar Börsenwert. Alle an deutschen Börsen notierten Aktien zusammen kommen lediglich auf unter drei Billionen, gut die Hälfte, nach einer Rechnung, die 2020 noch ungefähr das Neunfache ergab. SAP, das noch teuerste deutsche Papier, liegt bei knapp 200 Milliarden Euro.

Der Einwand, der deutsche Mittelstand sei großteils nicht börsennotiert, stimmt zwar, ändert aber die Pointe nicht: Die Marktkapitalisierung ist der Preis für die erwarteten Gewinne und ein einziges Unternehmen in Santa Clara verspricht dem Markt mehr als der komplette Aktienmarkt Deutschlands.

Die Zukunft wird nicht in Deutschland gebaut. Die KI-Modelle, an denen die nächste Softwaregeneration hängt, trainieren nicht in Stuttgart. Die Chips dafür kommen nicht aus Erlangen, auch wenn Infineon noch immer ein ordentliches Geschäft mit Leistungshalbleitern macht. Kommerzielle Raumfahrt? Nicht in München, nicht in Deutschland, nicht in Europa. Und die Kernkraft, die den Stromhunger der Rechenzentren decken soll, hat Deutschland abgeschaltet, während andere Regierungen wieder in die Kernkraft einsteigen oder Reaktoren in Privatunternehmen genehmigen.

Ein Land, das sich wirtschaftlich als drittgrößtes verkauft, während der hypertrophierende Apparat sich selbst in die Summe schreibt, während es kaufkraftbereinigt und ohne diesen Apparat hinter Indonesien auf Platz sieben liegt, während eine einzige Auslandsaktie den ganzen notierten Standort aufwiegt, während es dem nächsten Technologiezyklus freiwillig aus dem Abseits hinterherschaut, ist ein Scheinriese, ein Aufschneider, ein Gernegroß.

Die Größe, die „die Kaste der tödlich arroganten Parasiten“, wie Javier Milei sie nennt, sich selbst erzählt, ist jedenfalls keine, in die die Kapitalmärkte freiwillig investieren: An Auslandsinvestitionen flossen 2025 nur etwa 86 Milliarden Dollar nach Deutschland, während sogar mehr Investitionen in die Gegenrichtung aus Deutschland ins Ausland abflossen, nämlich etwa 98 Milliarden Dollar. Katastrophal.

Und der Abstieg ist noch nicht zu Ende. Kaufkraftbereinigt und ohne Staatsapparat liegt Brasiliens Wirtschaft knapp hinter der deutschen auf Platz acht. Aber gerade hat das brasilianische Wahlvolk im ersten Wahlgang zur Präsidentschaft den freiheitlichen Kandidaten Bolsonaro Junior auf Platz eins gewählt, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wählen sich die Brasilianer Ende Oktober aus dem Sozialismus heraus: Bolsonaro Junior setzt auf einen schlankeren Staat, Ausgabenkürzungen, Schuldenbremse, Überprüfung der Sozialleistungen. Also das, was die deutschen Regierungen aus ideologischen Gründen nicht einmal versuchen: Mehr Freiheit. Mehr Wohlstand für alle.

Drittgrößte Wirtschaftsmacht? Lächerlich …


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