25. Januar 2026 06:00

Sicherheitspolitik Strategische Rivalität als Dauerzustand: Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie und ihre globalen Implikationen

Die National Security Strategy 2025 der USA und ihre Auswirkungen auf Deutschland und Europa

von Antony P. Mueller drucken

National Security Strategy: Globale Macht und Rivalität
Bildquelle: e-Redaktion National Security Strategy: Globale Macht und Rivalität

Die im November 2025 veröffentlichte National Security Strategy der Vereinigten Staaten stellt keinen bloßen sicherheitspolitischen Lagebericht dar, sondern ein umfassendes politisches Programm. Wie alle Papiere zur amerikanischen nationalen Sicherheitsstrategie seit dem Ende des Kalten Krieges verbindet auch dieses Dokument militärische, ökonomische, technologische und ideologische Zielsetzungen zu einer kohärenten Vorstellung über die Rolle, die die USA in der globalen Ordnung zu spielen gedenken.

Neu ist dabei nicht der Anspruch auf eine globale Führungsrolle, sondern die Offenheit, mit der Sicherheit nun als übergeordnete Kategorie staatlichen Handelns definiert wird. Der maßgebliche Leitgedanke ist das nationale Interesse der USA.

„In everything we do, we are putting America First.“

Das Dokument dient als „road map“, um sicherzustellen, dass die Vereinigten Staaten die „größte und erfolgreichste Zivilisation der Welt bleiben“.

Das Papier kündigt einen grundlegenden Paradigmenwechsel an: weg von einer primär global orientierten Rolle, hin zur konsequenten Ausrichtung auf nationale Interessen. In diesem Zusammenhang heißt es:

„Unsere Eliten haben Amerikas Bereitschaft, dauerhaft globale Lasten zu tragen, die das amerikanische Volk in keinem Zusammenhang mit dem nationalen Interesse sah, völlig falsch eingeschätzt. Sie überschätzten Amerikas Fähigkeit, gleichzeitig einen massiven Wohlfahrts-, Regulierungs- und Verwaltungsstaat sowie einen massiven Militär-, Diplomatie-, Geheimdienst- und Entwicklungshilfekomplex zu finanzieren. Sie setzten auf völlig verfehlte und zerstörerische Weise auf Globalisierung und den sogenannten ‚Freihandel‘, wodurch die Mittelschicht und die industrielle Basis, auf denen Amerikas wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung beruht, ausgehöhlt wurden“ (S. 1).

Um die nationalen Interessen der USA zu schützen, sollen „die weltweit mächtigsten, tödlichsten und technologisch fortschrittlichsten Streitkräfte rekrutiert, ausgebildet, ausgerüstet und eingesetzt werden“ (S. 3). Auch die Wirtschaft wird sicherheitspolitisch funktionalisiert. Eine „robuste industrielle Basis“ gilt als unabdingbar zur Sicherung der „nationalen Stärke“ Amerikas. Sicherheit dient dabei nicht mehr ausschließlich dem Schutz vor militärischen Bedrohungen, sondern legitimiert Industriepolitik, Handelsbeschränkungen, technologische Kontrolle und geopolitische Einflussnahme. Diese Verschiebung hat erhebliche Konsequenzen – insbesondere für Europa und Deutschland.

Außenpolitisch fordert das Papier die Wiederbelebung der „Monroe-Doktrin“ von 1823, die außeramerikanische Einflüsse in der „Western Hemisphere“ ausschließen soll. Das sogenannte „Trump Corollary“ verlangt, dass dieser Teil der Welt – von Alaska bis Feuerland – frei von „fremden Eindringlingen oder dem Besitz wichtiger Vermögenswerte“ bleibt und dass die USA weiterhin „Zugang zu wichtigen strategischen Standorten“ besitzen. Unmissverständlich wird erklärt:

„Wir werden Wettbewerbern außerhalb der Hemisphäre die Möglichkeit verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Fähigkeiten in unserer Hemisphäre zu stationieren oder strategisch wichtige Anlagen zu besitzen oder zu kontrollieren“ (S. 15).

Wie jüngst in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum am 21. Januar 2026 erneut betont, betrachtet Präsident Trump Grönland als Teil des amerikanischen Kontinents und hat sogar angedeutet, dass er möglicherweise das in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Island dazu zählt. Dass der amerikanische Anspruch auf Dominanz nicht nur Worte sind, hat die Aktion gegen Venezuela zur Jahreswende 2025/26 gezeigt.

Gemäß dem Strategiepapier wollen die USA die „größte und innovativste Volkswirtschaft der Welt“ bleiben sowie das „weltweit führende Finanzsystem und die führenden Kapitalmärkte, einschließlich des Status des Dollars als globale Reservewährung“, bewahren. Der amerikanische Technologiesektor soll der „fortschrittlichste, innovativste und profitabelste der Welt“ bleiben, dem Militär einen qualitativen Vorsprung verschaffen und sicherstellen, dass die Vereinigten Staaten über das mächtigste und leistungsfähigste Militär der Welt verfügen (S. 4).

Wie das Strategiepapier zeigt, geht es in der Konsequenz darum, staatliche Macht auszuweiten, Marktprozesse zu politisieren und Freiheit, Wohlstand und Frieden geopolitischen Zielsetzungen unterzuordnen. Die National Security Strategy ist zwar kein Gesetz, fungiert jedoch als strategischer Orientierungsrahmen für Regierung, Militär, Geheimdienste, Diplomatie und verbündete Staaten. Die neue US-Strategie betrifft damit nicht nur die Rolle der USA in der Welt, sondern auch die Legitimation staatlicher Machtmittel.

„Die Vereinigten Staaten können nicht zulassen, dass irgendeine Nation so dominant wird, dass sie unsere Interessen gefährden könnte“ (S. 10). Die NSS 2025 positioniert die USA explizit als führende Ordnungsmacht in einer Welt systemischer Rivalität. Freiheit wird dabei primär als geopolitisches Attribut verstanden, nicht als individuelle Kategorie.

Im Zentrum der Strategie steht die Annahme einer dauerhaften strategischen Konkurrenz gegen andere Großmächte, insbesondere China und Russland, und eingeschränkt auch mit der Europäischen Union. Diese Rivalität wird nicht als temporär, sondern als strukturell und langfristig beschrieben.

Ein zentraler Neuerungspunkt der NSS 2025 ist die Verschmelzung von Sicherheits- und Wirtschaftspolitik.

Lieferketten, Industrieproduktion, Technologieentwicklung und Finanzströme werden explizit als sicherheitsrelevant definiert. Wirtschaftspolitisch fordert die neue US-Strategie einen weitreichenden Interventionismus. Sie setzt auf strategische Autarkie in Schlüsselindustrien, staatlich gelenkte Technologieentwicklung und die Begrenzung wirtschaftlicher Abhängigkeiten von anderen geopolitischen Akteuren. Der Markt wird nicht länger als Entdeckungsprozess verstanden, sondern als Instrument geopolitischer Steuerung. Die Wirtschaft wird damit zum verlängerten Arm der Sicherheitspolitik.

„Die Vereinigten Staaten dürfen niemals von einer ausländischen Macht für Kernkomponenten – von Rohstoffen über Bauteile bis hin zu Fertigprodukten – abhängig sein, die für die Landesverteidigung oder Wirtschaft unerlässlich sind“ (S. 13).

Konkret betont die NSS 2025 die Schlüsselrolle von Künstlicher Intelligenz, Halbleitern, Biotechnologie und Cyberfähigkeiten. Technologischer Fortschritt soll nicht primär dem zivilen Wohlstand dienen, sondern militärischer Überlegenheit und strategischer Kontrolle. Staatliche Förderung, Regulierung und Zugangsbeschränkungen werden als notwendig dargestellt, während Freiheit des Wissens und offener Wettbewerb in den Hintergrund treten.

Die NSS 2025 formuliert zudem klare Erwartungen an europäische Verbündete, insbesondere an Deutschland. Berlin soll als Juniorpartner der USA höhere Militärausgaben leisten, seine Rüstungsproduktion ausbauen und sich gemäß den Vorgaben aus Washington an amerikanischen Abschreckungsstrategien beteiligen. Deutschland erscheint dabei weniger als souveräner Akteur denn als funktionaler Bestandteil einer US-geführten Sicherheitsarchitektur. Die vielbeschworene „Zeitenwende“ wirkt aus dieser Perspektive eher als strategische Anpassung denn als eigenständige politische Entscheidung.

Mit der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der USA geht eine Einschränkung demokratischer Selbstbestimmung zugunsten geopolitischer Bündnislogiken einher. Die sicherheitspolitische Neudefinition von Handel und Industrie dürfte Deutschland besonders hart treffen. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wird zunehmend geopolitischer Loyalität untergeordnet. Gelingt es der US-Regierung, ihre Strategie vollständig durchzusetzen, gerät die deutsche Wirtschaft weiter unter Druck: Der Welthandel wird eingeschränkt, Energie-, Rohstoff- und Lieferkettenpolitik politisiert und wirtschaftliche Dynamik durch Subventionen und Regulierung verzerrt.

Doch nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa ist eine Einschränkung von Souveränität absehbar. Aus US-amerikanischer Sicht wird Europa primär als sicherheitspolitischer Raum betrachtet; Fragen von Wohlstand, Eigenständigkeit und politischer Autonomie treten in den Hintergrund. Europa wird im Interesse strategischer Ziele funktionalisiert. Dabei geht es den USA nicht nur um unzureichende Militärausgaben oder wirtschaftliche Stagnation. Die Probleme Europas reichen tiefer, so das Papier:

„Der wirtschaftliche Niedergang wird von der realen und viel düstereren Aussicht auf den Verlust der Zivilisation überschattet … Sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, wird der Kontinent in 20 Jahren oder weniger nicht wiederzuerkennen sein“ (S. 25).

Der Tenor der NSS 2025 fordert eine permanente sicherheitspolitische Mobilisierung und lehnt Entspannung oder friedliche Koexistenz dezidiert ab. Sicherheit dient als Vorwand für Machtakkumulation. Wenn jedoch alles sicherheitsrelevant ist, bleibt letztlich nichts mehr frei. Sicherheit wird zur universellen Legitimation staatlicher Eingriffe – von Industriepolitik bis hin zur Meinungsregulierung.

Im Namen militärischer Sicherheit soll die Wirtschaft in Richtung einer Kriegsökonomie transformiert werden. Hohe Militärausgaben, Rüstungsförderung und technologische Militarisierung werden normalisiert. Diese Entwicklung lenkt Investitionen in den Rüstungssektor zulasten allgemeinen Wohlstands. Freier Handel wird durch gezielten Protektionismus ersetzt, Eigentumsrechte durch strategische Vorgaben eingeschränkt.

Kriegswirtschaft bedeutet die Aufhebung von Konsumentensouveränität. Die dezentrale marktwirtschaftliche Steuerung von Produktion und Konsum wird zugunsten politischer Zentralisierung eingeschränkt. Der Staatsanteil wächst, die Steuerlast steigt, und individuelle Freiheit wird geopolitischen Zielsetzungen untergeordnet.

Insgesamt ist die National Security Strategy 2025 weniger ein Verteidigungsdokument als ein globales Ordnungsmanifest. Sie erhebt Sicherheit zum höchsten politischen Wert und öffnet damit der Ausweitung staatlicher Macht Tür und Tor. Das Dokument weist in eine problematische Richtung. Sicherheit entsteht nicht durch Blockbildung, Zentralisierung und Militarisierung, sondern durch Handel, Offenheit und freiwillige Kooperation.

Wird sich Deutschland in die neue Strategie einfügen und machtpolitische Zurückhaltung und weltoffene Wirtschaftsbeziehungen aufgeben? Wäre es nicht rationaler, sich nicht tiefer in geopolitische Machtspiele hineinziehen zu lassen, sondern auf wirtschaftliche Verflechtung, Neutralität und Zurückhaltung zu setzen? Das Streben nach Freiheit darf nicht einer falschen Vorstellung von Sicherheit weichen und die Marktwirtschaft nicht auf dem Altar vorgeschobener militärischer Notwendigkeiten geopfert werden.

Quellen:

2025-National-Security-Strategy


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