Frankismus und antinomistisches Denken: Erlösung durch Sünde
Der Frankismus als Musterfall radikaler Normauflösung und antinomistischen Denkens
Erlösung durch Sünde
Der Frankismus als Musterfall radikaler Normauflösung und antinomistischen Denkens
Eine der extremsten historischen Ausprägungen antinomistischen Denkens findet sich im Frankismus – einer messianischen Bewegung des 18. Jahrhunderts, deren zentrale Lehre darin bestand, Erlösung durch bewusste Übertretung religiöser und moralischer Normen zu erreichen. Die Geschichte des Frankismus zeigt eindrucksvoll, wie leicht Heilsversprechen in destruktive Dynamiken umschlagen können, wenn moralische Grenzen grundsätzlich infrage gestellt werden.
Die Doktrin der „Erlösung durch Sünde“ geht auf Jakob Frank (1726–1791) zurück, der zeitweise eine Massenbewegung hervorrief, die weite Teile Osteuropas erschütterte, heute jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Ideengeschichtlich lässt sich der Frankismus als frühes Beispiel eines Denkmodells interpretieren, das auch in späteren revolutionären Bewegungen strukturelle Parallelen aufweist – ohne dass damit direkte historische Kontinuitäten behauptet werden.
Viele antinomische Weltanschauungen neigen dazu, sich als Ideologien zu präsentieren, die im Namen einer angeblich höheren Wahrheit die Grundlagen von Recht, Moral und gesellschaftlicher Ordnung infrage stellen. Wenn moralische Grenzüberschreitungen als notwendige Vorstufe einer besseren Welt gerechtfertigt werden, verliert ihr Einsatz häufig jede Begrenzung.
Besonders in Zeiten gesellschaftlicher Krisen gewinnen Bewegungen an Einfluss, die nicht Reform, sondern vollständige Erlösung versprechen. Sie treten mit dem Anspruch auf, bestehende moralische, religiöse oder politische Ordnungen grundsätzlich zu überwinden. Solche Bewegungen verbinden häufig den Glauben an eine radikale Erneuerung der Welt mit der Vorstellung, dass bestehende Normen selbst das eigentliche Hindernis für Freiheit und Heil darstellen.
Der Frankismus gilt in der religionshistorischen Forschung als radikalste Ausprägung des sogenannten Sabbatianismus. Seine ideengeschichtliche Bedeutung liegt weniger in seiner gesellschaftlichen Reichweite als in der konsequenten Ausformulierung eines antinomistischen Erlösungsmodells. Der Religionshistoriker Gershom Scholem charakterisierte diese Denkfigur prägnant als „Erlösung durch Sünde“.
Im Zentrum der frankistischen Lehre steht die Überzeugung, dass Erlösung nicht durch moralische Reinheit, sondern durch bewusste Übertretung erreicht werden könne. Diese Umkehr traditioneller religiöser Ethik basiert auf einer doppelten Negation: Die bestehende Weltordnung wird als grundsätzlich verdorben betrachtet, und ihre Überwindung verlangt die radikale Ablehnung aller geltenden Normen.
Die Übertretung etablierter Normen gilt dabei als Akt der Reinigung. Die Entweihung heiliger Texte, die Missachtung religiöser Gebote sowie rituelle Tabubrüche wurden nicht als Sünde im herkömmlichen Sinn verstanden, sondern als notwendige Schritte einer kosmischen Erneuerung. Durch die Steigerung moralischer Grenzüberschreitungen sollte – so die Vorstellung – ein Eingreifen Gottes in die Geschichte herbeigeführt werden.
Diese Denkweise folgt einer paradoxen Heilslogik: Erst dort, wo das Böse seinen Höhepunkt erreicht, könne das Gute entstehen. Der Abstieg in den Abgrund wird zur Voraussetzung eines späteren Aufstiegs. Anhänger sollten traditionelle Werte untergraben und durch symbolische Umkehrungen delegitimieren. Chaos erschien nicht als politischer Protest, sondern als metaphysisches Heilsprinzip. Für Jakob Frank bedeutete Erlösung nicht Reform, sondern die vollständige Aufhebung aller bestehenden Gesetze und Bräuche.
Der Frankismus ist ohne den Sabbatianismus des 17. Jahrhunderts nicht zu verstehen. Sabbatai Zwi (1626–1676), ein jüdischer Mystiker aus Smyrna, erklärte sich selbst zum Messias und löste eine der größten messianischen Bewegungen der jüdischen Geschichte aus. Seine Botschaft fand rasch Anhänger in weiten Teilen der jüdischen Diaspora. Der dramatische Zusammenbruch der Bewegung erfolgte 1666, als Sabbatai Zwi zum Islam übertrat. Diese Konversion hätte das Ende der Bewegung bedeuten können. Stattdessen entwickelten Teile seiner Anhängerschaft eine neue theologische Deutung: Der Abfall vom Glauben wurde als notwendiger Bestandteil eines verborgenen Erlösungsplans interpretiert. Diese Neuinterpretation bereitete den ideologischen Boden für spätere radikale Strömungen wie den Frankismus.
Jakob Frank, geboren 1726 als Jakub Lejbowicz in Podolien, entwickelte den Sabbatianismus zu einer eigenständigen messianischen Lehre weiter. Während seiner Handelsreisen im Osmanischen Reich kam Frank mit den sogenannten Dönmeh in Kontakt – einer Gruppe sabbatianischer Anhänger, die formal zum Islam übergetreten waren, ihre messianischen Überzeugungen jedoch im Verborgenen weiterpflegten. Diese Erfahrungen prägten Franks religiöses Denken nachhaltig. Er entwickelte die Überzeugung, dass Erlösung nur durch das bewusste Überschreiten religiöser und moralischer Grenzen möglich sei.
Ab den 1750er Jahren gewann Franks Lehre zahlreiche Anhänger, insbesondere unter sozial marginalisierten Gruppen, die unter wirtschaftlicher Unsicherheit und religiösem Autoritätsdruck litten. Die Bewegung geriet rasch in Konflikt mit rabbinischen Autoritäten. 1756 wurde Frank exkommuniziert. 1759 ließ er sich gemeinsam mit mehreren tausend Anhängern katholisch taufen. Historiker interpretieren diese Konversion weniger als theologischen Übertritt, sondern als symbolischen Schritt innerhalb eines umfassenden Erlösungsprozesses.
Ein zentrales Element der frankistischen Weltanschauung war die Pflicht zur Verstellung. Anhänger sollten ihre Überzeugungen nach außen verbergen und sich äußerlich an bestehende religiöse und soziale Ordnungen anpassen. Täuschung wurde zu einer religiösen Tugend erhoben. Diese Strategie verlieh der Bewegung eine konspirative Organisationsform.
Nach seiner Freilassung aus der Haft gründete Frank in Offenbach am Main eine streng hierarchisch organisierte Gemeinschaft mit quasi-höfischen Strukturen. Nach seinem Tod übernahm seine Tochter zeitweise die Führung der Bewegung, die zunehmend aristokratisch-mystische Züge annahm.
Die Bedeutung des Frankismus liegt in der konsequenten Ausformulierung eines Erlösungsmodells, das moralische Normen grundsätzlich relativiert. Religionshistoriker betrachten den Frankismus daher als Extremform messianischer Radikalität. Ideengeschichtlich lässt sich der Frankismus als frühe Manifestation eines Denkmodells interpretieren, das gesellschaftliche Erlösung durch radikale Transformation bestehender Ordnungen verspricht.
Strukturelle Parallelen lassen sich zu späteren politischen Heilsutopien erkennen, in denen die Zerstörung des Alten als Voraussetzung einer besseren Zukunft verstanden wird. Ein direkter Einfluss des Frankismus auf die großen Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist historisch nicht belegbar. Gleichwohl zeigt der Vergleich, dass antinomische Denkfiguren – also die bewusste Aufhebung moralischer Normen im Namen einer höheren Wahrheit – wiederholt in ideengeschichtlichen Kontexten auftreten, in denen umfassende gesellschaftliche Umgestaltung angestrebt wird.
In vielerlei Hinsicht stellen totalitäre Ideologien säkularisierte Formen religiöser Heilslehren dar, die den Anspruch erheben, eine vollkommen neue Weltordnung zu schaffen. In diesem Sinne lässt sich der Frankismus als besonders radikale Ausprägung eines Musters lesen, das Erlösung nicht durch Reform, sondern durch Negation und Überschreitung der bestehenden Ordnung erwartet.
Gerade aus libertärer Perspektive besitzt diese historische Erfahrung bleibende Aktualität. Freiheitsordnungen beruhen auf stabilen Normen, individuellen Rechten und der Begrenzung politischer Macht. Bewegungen, die im Namen einer angeblich höheren Wahrheit moralische Regeln relativieren oder ihre Aufhebung als Voraussetzung einer besseren Welt darstellen, tragen regelmäßig das Risiko autoritärer Entwicklungen in sich.
Der Frankismus ist historisch abgeschlossen, doch die Denkfigur der „Erlösung durch Normauflösung“ ist es nicht. Immer wieder taucht sie in ideologischen Bewegungen auf, die im Namen einer höheren Wahrheit die Umkehr aller Werte fordern. Wer Geschichte ernst nimmt, sollte deshalb weniger nach verborgenen Netzwerken suchen als nach den wiederkehrenden Ideen, die solche Bewegungen tragen. Nicht geheime Bündnisse, sondern die sie leitenden Denkmodelle führen Gesellschaften in den Abgrund.
Radikale Heilsversprechen üben eine besondere Faszination aus, gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung. Doch die Geschichte zeigt, dass Bewegungen, die Erlösung durch moralische Grenzüberschreitung versprechen, selten Freiheit hervorbringen. Häufig hinterlassen sie eine Spur von Zerstörung, Entwurzelung und neuer Abhängigkeit. Die frankistische Bewegung erinnert daran, dass Freiheit nicht im Abstieg in den Abgrund entsteht, sondern im verantwortlichen Umgang mit gesellschaftlicher Ordnung und ethischen Grundlagen. Nicht die Umkehr aller Werte, sondern systematische Machtbegrenzung ist das richtige Ziel. Diese Lektion bleibt zeitlos – und aktueller, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Quellen:
Judaica V: Erlösung durch Sünde (Bibliothek Suhrkamp)
The Mixed Multitude: Jacob Frank and the Frankist Movement, 1755-1816 (Jewish Culture and Contexts)
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