Krieg: Warum Krieg?
Die Antwort lautet: Angst und Macht als Wesen der Politik
Die Frage nach den Ursachen des Krieges gehört zu den ältesten und zugleich bedrückendsten Problemen der Menschheitsgeschichte. Nahezu alle Menschen streben nach Freiheit, Wohlstand und einem möglichst friedlichen Leben. Und doch ist die Geschichte der Zivilisation durchzogen von bewaffneten Konflikten, Massengewalt und systematischer Zerstörung. Wie ist es möglich, dass Gesellschaften immer wieder Kriege hervorbringen – und dass diese von breiten Teilen der Bevölkerung getragen oder zumindest hingenommen werden?
Diese Frage ist nicht allein psychologischer oder moralischer Natur. Sie verweist auf tieferliegende strukturelle, institutionelle und ideologische Bedingungen, die Krieg nicht nur ermöglichen, sondern oft als notwendig oder unausweichlich erscheinen lassen. Auffällig ist dabei, dass Kriege selten als das dargestellt werden, was sie faktisch sind – organisierte Massentötungen –, sondern als Verteidigung, Befreiung, Prävention oder moralische Pflicht legitimiert werden.
Von der Antike bis zur Moderne lassen sich immer wieder ähnliche Muster erkennen. Bereits die griechischen Stadtstaaten nutzten äußere Kriege zur Kanalisierung innerer Spannungen. Im 20. Jahrhundert führten Nationalismus, Bündnissysteme und staatliche Mobilisierung im Ersten Weltkrieg zu einer Katastrophe, deren Ausmaß kaum jemand vorhersehen wollte – oder konnte. Krieg erscheint so weniger als Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Produkt bestimmter sozialer Ordnungen.
Die Rechtfertigungen für Krieg sind vielfältig. Religiöse Narrative deuten ihn als göttliche Prüfung oder als Mittel zur Durchsetzung höherer Werte. Psychologische Erklärungen verweisen auf Gehorsam, Gruppendruck und Autoritätsgläubigkeit – eindrucksvoll belegt durch Stanley Milgrams Experimente. Ökonomische Ansätze wiederum betonen materielle Interessen, etwa den militärisch-industriellen Komplex, vor dem US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1961 warnte.
Populäre Verschwörungstheorien erklären Kriege durch geheime Eliten oder verborgene Strippenzieher. Solche Deutungen greifen jedoch oft zu kurz, weil sie die systemischen Zwänge ausblenden, unter denen politische Akteure handeln. Genau hier setzt die realistische Theorie der internationalen Politik an.
Der sogenannte „politische Realismus“ gehört zu den einflussreichsten Denkschulen der internationalen Beziehungen. Seine Ursprünge reichen zurück bis zu Thukydides’ Analyse des Peloponnesischen Krieges, in der Machtverschiebungen und Sicherheitsängste als zentrale Konfliktursachen erscheinen. Im 20. Jahrhundert wurde der Realismus durch Denker wie Hans Morgenthau, John Mearsheimer und Kenneth Waltz systematisch ausgearbeitet.
Die klassische Theorie des Realismus betont das Streben nach Macht als inhärentes Wesen der Politik. Dieses Streben nach Macht hat Angst als Grundlage. Im Geflecht der internationalen Politik wird Angst zum Kennzeichen des Staatsverhaltens. In diesem Kontext erhält Carl von Clausewitz’ berühmtes Diktum an Gewicht, dass der Krieg eine Fortsetzung der Politik sei. Die These vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln lautet in ihrer ursprünglichen Form bei Clausewitz so:
„Wir sehen also, daß der Krieg nicht bloß ein politischer Akt, sondern ein wahres politisches Instrument ist, eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durchführen desselben mit anderen Mitteln. Was dem Kriege eigentümlich bleibt, bezieht sich bloß auf die eigentümliche Natur seiner Mittel. Daß die politischen Absichten die Endursache des Krieges sind, daß sie also das Maß für die Gewalt geben, die man anzuwenden hat, ebenso wie für die Größe der Opfer, die man dafür bringen muß, versteht sich von selbst. Denn sobald die politische Absicht den Krieg hervorgerufen hat, wird sie ihn durch alle seine Phasen begleiten, und je energischer diese Absicht ist, desto mehr wird sie den Krieg dem äußersten Grade der Gewalt nähern“ (Buch I, Kapitel 1, § 24).
Krieg erscheint hier nicht als irrationaler Ausbruch, sondern als kalkuliertes Instrument. Gleichzeitig warnte Clausewitz vor der Eskalationslogik bewaffneter Konflikte: Jede Seite reagiert auf die andere, was zu einer Dynamik führt, die sich der Kontrolle entziehen kann.
Ein Krieg entfaltet automatisch die Dynamik von Gewalt und Gegengewalt:
„Die Gewalt kennt keine Grenzen in der Anwendung ihrer Stärke, daher fordert der Gegner mit Notwendigkeit dasselbe von uns; so entsteht eine Wechselwirkung, die ihrem Begriffe nach zum Äußersten führen muß“ (ebd.
Ein zentrales Konzept des Realismus ist das Sicherheitsdilemma. Es beschreibt die paradoxe Situation, dass Maßnahmen zur eigenen Verteidigung – etwa Aufrüstung – von anderen als Bedrohung wahrgenommen werden. Das Resultat ist eine Spirale aus Misstrauen und Eskalation.
Historisch ist dieses Muster gut belegt: Das deutsch-britische Wettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg oder das nukleare Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg beruhen auf gegenseitiger Angst vor Verwundbarkeit. Beide Seiten wollten Sicherheit – und erzeugten dennoch eine permanente Kriegsgefahr. Am Ende standen dann, realistisch betrachtet, beide Kontrahenten als Verlierer der beiden Weltkriege dar.
Aus realistischer Sicht lässt sich Krieg daher auf die Formel bringen: Die zentrale Ursache des Krieges ist Angst, eingebettet in ein System ohne verbindliche Durchsetzungsinstanz. Aus diesen Überlegungen lässt sich die Behauptung aufstellen, dass Krieg nur scheinbar ein rationales Mittel ist, dessen Beweggrund die Angst als irrationales Motiv bleibt.
So treffend das Analysemodell der realistischen Theorie der internationalen Politik mit seinen Kernprinzipien in manchen Aspekten ist, so fragwürdig sind die Folgerungen, die daraus gezogen werden. Aus den Thesen, dass das internationale System ein Nullsummenspiel sei, bei dem die einzelnen Staaten als rational handelnde Einheiten nach Macht streben und ohne monopolistischen Hegemonen in einem beständigen Sicherheitsdilemma gefangen sind, wird die Forderung nach einer Weltregierung abgeleitet.
Prominente Vertreter der realistischen Theorie meinen in der anarchistischen Struktur der internationalen Staatenwelt den Kern des Übels zu sehen, sodass ein Weltstaat geschaffen werden müsse, um Kriege zu bannen. Eine solche Scheinlösung würde vielleicht Frieden unter den Staaten schaffen, dabei aber zugleich einer weltumspannenden Tyrannei Tür und Tor öffnen. Wie schon Immanuel Kant (1724–1804) erkannte, muss der Weg zum Frieden zwar die Staatenwelt als einen Naturzustand der Angst und des Misstrauens anerkennen, aber permanenter Frieden ist nicht in einer Hegemonialordnung zu finden, sondern in der schrittweisen Überwindung des Krieges durch eine institutionelle Ordnung, die die Macht des Staates zähmt.
In seiner Schrift Zum ewigen Frieden (1795) lehnt Kant einen Weltstaat explizit ab, da er in ihm die Gefahr eines globalen Despotismus sah. Stattdessen fordert er republikanische Verfassungen, föderale Strukturen und einen freiwilligen Völkerbund. Bürger, die über Krieg entscheiden müssen und seine Kosten tragen, so Kant, würden ihn weit seltener befürworten. Bereits allein eine rechtliche Festlegung, dass Regierungen keine Kredite aufnehmen dürfen, würde die Gefahr drastisch verringern, dass Staaten leichtfertig Kriege beginnen.
Kants Ansatz zielt auf Machtbegrenzung, nicht auf Machtausweitung. Frieden entsteht nicht durch moralische Appelle, sondern durch Institutionen, die die Kapazitäten zur Kriegsführung begrenzen. Die europäische Integration nach 1945 lässt sich – trotz aller Defizite – als partieller Erfolg dieser Logik interpretieren. Frieden entstand hier nicht durch globale Zentralisierung, sondern durch Dezentralisierung, Wettbewerb und Freiwilligkeit. Freier Handel, individuelle Rechte und polyzentrische Ordnungssysteme erhöhen die Kosten von Gewalt und senken ihre politische Attraktivität.
Doch mit dieser Friedensordnung ist es anscheinend nun auch vorbei. Kriegstreiberei ist wieder voll im Gange. Umso dringender ist es, die libertäre Perspektive zur Geltung zu bringen, wonach der Krieg ein Produkt staatlicher Zentralisierung ist und im Politischen selbst ihre hauptsächliche Ursache gefunden werden muss.
Der Staat selbst ist die entscheidende Ursache moderner Kriege. Nur ein zentralisierter Machtstaat ist überhaupt im Stande, über die Mittel zu verfügen und Kriege in industriellem Maßstab zu führen: Zwangssteuern, Wehrpflicht, Propaganda und Rechtsmonopole.
Aus libertärer Sicht ist Krieg kein Versagen der Politik, sondern ihre logische Folge. Je stärker Macht konzentriert ist, desto geringer sind die Hemmungen, sie auch gewaltsam einzusetzen. Historische Beispiele – von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts bis zu modernen Interventionskriegen – stützen diese Diagnose.
Gerade im Zeitalter nuklearer Waffen, autonomer Waffensysteme und künstlicher Intelligenz wird die Frage der Machtkonzentration existenziell. Ein zentraler Akteur mit globaler Reichweite kann durch Fehlentscheidungen katastrophale Schäden verursachen – ein Risiko, das in dezentralen Strukturen deutlich geringer ausfällt.
Der politische Realismus erklärt Krieg durch Angst, Clausewitz durch strategische Rationalität, Kant durch institutionelle Defizite und libertäre Theorien durch Machtkonzentration. Jede dieser Perspektiven beleuchtet einen Teil der Wahrheit. Der libertäre Ansatz erkennt in der Politik selbst die Ursache.
Letztlich entscheidet nicht die Existenz von Staaten über Krieg und Frieden, sondern ihr Machtumfang. Je stärker Politik entmachtet und Verantwortung auf freie Individuen verteilt wird, desto geringer wird die strukturelle Neigung zum Krieg.
Frieden ist möglich – nicht durch moralische Appelle, sondern durch die konsequente Begrenzung jeglicher Anmaßung von Macht. Die libertäre Gegnerschaft zur staatlichen Machtausweitung ist deshalb nicht nur ein Ringen um Freiheit und Wohlstand, sondern auch ein Streben nach Frieden.
Quellen:
The Project Gutenberg eBook of Zum Ewigen Frieden, by Immanuel Kant.
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