28. Februar 2026 21:00

Politikverdrossenheit und gesellschaftliche Reaktionen Zwischen Politikverdrossenheit und Skandal

Mein persönlicher Blick auf die Epstein-Akten

von Anne-Sophie Chrobok drucken

Politikskandal: Fassade und Wahrheit
Bildquelle: e-Redaktion Politikskandal: Fassade und Wahrheit

Was hatten Sie sich für das Jahr 2026 vorgenommen?

Nach zwei Monaten kann man wohl erlauben, einen Zwischenstand zu erheben. Wie sieht dieser bei Ihnen aus? Knabbern Sie doch wieder die fiesen Chips und trinken Alkohol statt Karotten und Smoothies? Fläzen Sie sich auf der Couch statt im Fitnessstudio zu schwitzen? Scrollen Sie weniger? Schlafen Sie acht Stunden täglich? Was immer es auch war: Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?

Nach dieser (zugegeben) fiesen Stichelei von mir fragen Sie sich wahrscheinlich, was ich mir für das Jahr 2026 vorgenommen hatte. Und ob ich schon gescheitert bin.

Tja, was soll ich sagen? Ich hatte mir im eigentlichen Sinne nichts vorgenommen für 2026. Stattdessen hatte sich seit mehreren Wochen etwas in mir eingeschlichen. Eine Stimmung. Erst nur leicht fühlbar, später immer deutlicher. Zunächst konnte ich es gar nicht richtig in Worte fassen. Dann doch eindeutig. Anfangs war es mir fast ein wenig peinlich. Aber nun möchte ich mitteilen, wie es mir zum Ende vom Jahr 2025 ging: Ich hatte Politikverdrossenheit.

Ja, Sie haben richtig gelesen: politikverdrossen. Nun denken Sie vielleicht: „Hey, das sind wir Libertäre doch alle.“ Tja, was soll ich sagen: ja und nein. Denn meine Politikverdrossenheit war fatal. Mich interessierte es schlicht nicht mehr, was irgendwo beschlossen wurde. Was in der Welt passierte. Die AfD – mal wieder ein Verbotsverfahren? Gähn. Der öffentliche Rundfunk macht sich zum Affen? Schnarch. Trump – Retter oder Untergang? „Wie lange kann ich eigentlich die Luft anhalten?“

Über den Jahreswechsel hatte ich bewusst gemerkt, dass mich dieser ganze Zirkus nicht mehr interessiert. Es langweilte mich. Irgendwie widerte es mich sogar an. Also beschloss ich, das Jahr 2026 zu starten mit „Scheiß auf jede Politik“ – und willkommen, coole unpolitische Dinge. Opern. Ballette. Zehnstündige Dokumentationen über Hannibal (nicht den Kannibalen, sondern den mit den Elefanten) oder Michelangelo (nicht der von den „Turtles“, sondern der Maler). Endlich alle Sinfonien von Beethoven gehört. Mehrmals. Bücher über die Romantik gelesen (nicht die romantische Liebe – nur ein Spaß, ich weiß, das nervt). „Algebra für Dummies“ studiert – wobei ich vermutlich eher „für Super-Dummies“ gebraucht hätte. Mein Kinderbuch fast fertig geschrieben.

Großartige Zeit. Sie sehen: Ich gehöre zu den richtig coolen Kids. Mit vielen Freunden und voll coolen Hobbys. Ähem. Nicht.

Doch dann wurde ich aus meinem wundervollen Zustand der Politikverdrossenheit herausgerissen. Denn dann kamen sie … die Epstein-Files. Und bähm – schon war ich wieder mittendrin. Im Zirkus.

Bitte halten Sie mich jetzt nicht für jemanden, der sich an widerwärtigen Details aufgeilt, nur um überhaupt etwas zu spüren. Im Wesentlichen geht es mir gar nicht so sehr um den Inhalt. Nein, ich bin fasziniert von den Reaktionen.

Diese sogenannte Elite demaskiert sich – und hält den normalen Bürger offenbar für den dümmsten Trottel der Welt. Und wissen Sie was? Es klappt. Sie spucken uns ins Gesicht, und wir sagen noch Danke dafür. Der letzte Monat war ein Lehrstück über das Stockholm-Syndrom. Sie glauben mir nicht? Nun dann lassen Sie uns eintauchen in die wundervolle Welt der „Nein-es-gibt-überhaupt-nichts-zu-sehen-in-den-Epstein-Akten-und-wenn-ich-stehe-nicht-drauf-und-wenn-doch-dann-hat-das-überhaupt-nichts-zu-bedeuten“.

Fangen wir an mit Pam Bondi. Justizministerin der USA. Auf Fragen zu den Epstein-Files antwortete sie sinngemäß: „Ja, aber der Dollar steht bei 50.000 Punkten!“ – Wow. Das ist doch mal eine Aussage. So relevant. Und natürlich.

„Mama, ich habe zwar die Küche zerstört, nur Sechsen geschrieben und den Hamster getötet – aber der Dollar steht bei 50.000 Punkten!“

„Schatz, ich habe unser ganzes Geld für Nutten und Crack verzockt – aber hey, der Dollar steht bei 50.000 Punkten!“

Die Botschaft von Pam Bondi: Konzentrieren Sie sich bitte auf die wirklich wichtigen Zahlen – und ignorieren Sie die dreckige Falltür. Ich möchte bitte wieder etwas subtiler belehrt werden.

Als Nächstes widmen wir uns der schauspielerischen Meisterleistung von Les Wexner. Multimillionär. Gründer von Victoria’s Secret – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn man Epstein in der Nähe von jungen Supermodels verorten kann. Nun zurück zu unserem Freund Wexner. Ein Mann mit Vermögen, Erfahrung, Alter. Kompetenz. Man sollte meinen, er wisse, wie der Hase läuft. Aber nein. Er erteilt einem Mann, den er angeblich kaum kennt, eine Vollmacht über sein gesamtes Vermögen. Warum? Weiß er nicht mehr so genau. Ach doch – Epstein habe ihm einmal eine Haushälterin vermittelt, die zuvor für die Botschaft in Rom gearbeitet habe. Das muss eine fantastische Haushälterin gewesen sein, wenn man danach gleich die komplette Vermögensverwaltung überträgt.

Und dann dieses entsetzte Gesicht, als man ihm sagt, was für ein Mensch Epstein gewesen sei. Oscar-reif. Sein Anwalt war offenbar so begeistert von der Darbietung, dass er ihm zuraunte – für alle hörbar –, er möge bitte keine Antworten mit mehr als fünf Wörtern geben. Sonst würde er ihn töten.

Und dann kam der Moment, auf den ich insgeheim hingefiebert hatte: Hillary Clinton.

Mein kleines dramatisches Gehirn hatte sich die schnuckeligste Szenerie ausgemalt, zu der es fähig war. Spoileralarm: Es kam leider nicht so. Aber lassen Sie mich Sie kurz mitnehmen in mein wundervolles Gedankenspiel.

Versetzen wir uns einmal in Hillary Clinton. Es gibt eine Sache, die wir wirklich wollten: Macht. Sehr viel Macht. Präsidentin der Vereinigten Staaten werden. Die erste Frau im Amt. Dafür halten wir einen Ehemann aus, der jedem Rock hinterherhechelt. Dafür lächeln wir dabei in die Kameras. Treffen die richtigen Leute. Bauen Netzwerke auf. Halten Reden. Ignorieren, dass man uns Barack Obama vorsetzt, obwohl es unser Moment war. Wir spielen das Spiel. Jahre, Jahrzehnte.

Und eigentlich läuft fast alles nach Plan. Kontakte? Vorhanden. Intelligenz? Unbestreitbar. Geld? Genug. Erfahrung? Mehr als genug. 2016 sollte unser großer Moment kommen.

Und dann kommt dieser orangefarbene Außenseiter. Mit der intellektuellen Tiefe eines Regenwurms. Anfangs denken wir noch: Das wird ein Spaziergang. Ein Geschenk. Doch dann passiert das Undenkbare. Die Wähler (diese Trottel) entscheiden anders. Und plötzlich ist da diese Demütigung.

Wir schlucken es herunter. Bewahren Haltung. Wir waren Außenministerin, wir wissen, wie man Fassung wahrt. Aber irgendwo bleibt dieser Stachel. Dieses Wissen: Es hätte unser Moment sein sollen. Und er wurde uns genommen.

Und nun – Jahre später – tauchen Akten auf. Der eigene Mann wird im Zusammenhang mit Epstein genannt. Flüge. Kontakte. Bilder. Namen. Und man lädt uns vor, um Stellung zu beziehen.

Was tut man in so einer Situation?

Es gibt die klassische Variante. Das alte, bewährte Spiel:

„Ihr Mann ist über 30 Mal mit Epstein geflogen?“

– „Für wohltätige Zwecke.“

„Was sagen Sie zu den Bildern?“

– „Aus dem Kontext gerissen.“

„Seine Komplizin war auf der Hochzeit Ihrer Tochter?“

– „Als Gast eines Gastes.“

„Und die Fotos von Ihnen und Maxwell?“

– „Mein Mann und ich werden ständig fotografiert. Wenn wir für jedes Foto einen Penny bekämen, wären wir reich – was wir natürlich nicht sind.“

Die routinierten Antworten. Kühl. Technisch korrekt. Juristisch wasserdicht. Mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Empörung und Überlegenheit pendelt. Der Pöbel wagt es, Fragen zu stellen.

Aber – und hier kam mein dramatisches Wunschdenken ins Spiel – es gäbe noch eine zweite Möglichkeit.

Die Möglichkeit der totalen Eskalation.

Stellen Sie sich vor, wir säßen dort. Ruhig. Gefasst. Blicken in die Kameras. Und sagen: „Es ist alles wahr. Und noch viel schlimmer, als ihr denkt.“

Bähm. Die Stille nach unseren Worten. Und das Wissen, dass wir das totale Chaos erzeugt haben. Wir hatten die totale Macht und reißen alle mit uns. Die Vorstellung allein hat etwas Opernhaftes. Tragisch. Grandios. Selbstzerstörerisch.

Doch natürlich ist es nicht so gekommen. Es blieb beim ersten Drehbuch. Kontrolle. Schadensbegrenzung. Business as usual. Und genau das ist vielleicht das eigentlich Frustrierende. Nicht die Skandale selbst. Sondern die absolute Vorhersehbarkeit der Reaktion. Niemand bricht aus. Niemand sprengt das Spiel. Alle bleiben in ihren Rollen. Und wir schauen zu.

Bill Gates wird sogar schon Opfer genannt. Und natürlich ist er ein Opfer, denn man hat ihn ja „gezwungen“, Sex mit Russinnen zu haben und Geschlechtskrankheiten an seine Frau weiterzugeben. Vielleicht bekommt er noch einen Orden dafür. Oder gründet eine Stiftung. Der Staat subventioniert diese bestimmt auch gerne.

Tja, was bleibt zusammenfassend?

Epstein schrieb sehr viel über „Snacks“ – natürlich kein Codewort. Er plante bizarre genetische Fantasien. Sprach über Missbrauch und übernatürliche Fähigkeiten. Wollte Kopf und Genitalien einfrieren lassen. Bestellte riesige Mengen Schwefelsäure – er muss seine Insel wirklich gut gedüngt haben. Versendete Foltervideos – jedenfalls wurde sich bedankt dafür. Ganz normaler Smalltalk unter Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Prominenten.

Und das Erstaunlichste: Wir lesen es. Und es passiert nichts. Ein paar Posten wackeln. Ein Prinz wird gesellschaftlich isoliert. Aber das System bleibt. Vielleicht hätte selbst das offenste Geständnis nichts geändert. Und die bitterste Erkenntnis:

Warum sollten Sklaven sich auch gegen ihre Herren erheben – wenn sie gleichzeitig mit Unterhaltung versorgt werden? Ein bisschen AfD. Ein bisschen Iran-Krieg. Ein bisschen Dschungelcamp.

Und so spüre ich sie wieder, diese wundervolle Welle der Politikverdrossenheit.

Also zurück zu Opern. Zu Ballett. Zu Beethoven. Und vielleicht ist das am Ende die radikalste Form des Widerstands: sich zu verweigern.


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.