Hegemonialmacht: Sozialdarwinismus und der Aufstieg Chinas
Was der Westen während des kommenden, chinesischen Jahrhunderts wird lernen müssen
Während der Niedergang des „Westens“ sich beschleunigt, staunt die Welt über das Phänomen China. Nordamerika und Europa – insbesondere die westliche Hälfte des alten Kontinents – versinken in ein selbstverschuldetes Chaos. Der Selbsthass auf den von den Vorfahren erbauten Wohlstand, den Frieden und die höchste Lebensqualität, die die Menschheit je hervorgebracht hat, hat sich inzwischen so weit in so viele Winkel aller westlichen Gesellschaften eingefressen, dass selbst eine mittelfristige Umkehr ausgeschlossen erscheint.
Im Gegenteil. Die Klimakleberbewegung zum Beispiel ist, wenig überraschend, zu einer Ökoterrorgruppe mutiert. Wie viele andere auch ist dieses Symptom ein Ergebnis des miserablen Zustands der – staatlich reglementierten, wo nicht unmittelbar geführten – Bildung. Welche uns entsprechende Wähler und Gewählte hervorbringt. Auf deren Grundlage es bösartigen Menschen gelingt, unter dem Banner „unserer“ Demokratie nicht nur unseren Wohlstand zu vernichten, sondern auch, um sicherzugehen, dass ein Wiederaufbau möglichst nicht gelingt, unsere Kultur gleich mit. Eben diese Un- und Antibildung ermöglicht es den Bösartigen, uns mit Propaganda einzulullen und unsere schwindenden Ressourcen in einem nicht gewinnbaren Krieg nach dem anderen zu verbraten. Was übrig bleibt, wird für Radwege in Peru und Kühlschränke in Kolumbien verschleudert.
Wer diese Zusammenhänge erkennt, wundert sich vielleicht ein wenig über den wahrlich glänzenden Erfolg Chinas, welches parallel zum Niedergang des Westens seinen präzedenzlos rapiden Aufstieg vollzog. Und das, ganz ohne andere Länder mit Kriegen zu überziehen. Korrektur: Nicht ganz. 1979 gab es einen kurzlebigen militärischen Überfall auf das angrenzende Vietnam. Aus dem verlustreichen Scheitern dieser Expedition scheinen die Chinesen jedoch, im Gegensatz zum Westen nach seinen unendlichen Abenteuern in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg, den richtigen Schluss gezogen zu haben: Direktinvestitionen im und Handel mit dem Ausland sind schlauer, weil ergiebiger.
„Schlauer“ ist genau das richtige Stichwort. „They’re wise and they‘re witty and they’re ready to please“, heißt es, reimend auf die Zeile „I like Chinese“ in einem augenzwinkernden – heute also politisch inkorrekten – Song aus den 1970er Jahren der britischen Komikergruppe „Monty Python“.
Warum sind die Chinesen so intelligent, dass sie trotz Kommunismus und eigener kopfloser Kulturrevolution in den vergangenen vier Jahrzehnten, genauer seit den marktwirtschaftlichen Reformen von 1978 unter Deng Xiao Ping, so gut wie alles „richtig“ gemacht haben? Wenn man das heutige Ergebnis betrachtet, meine ich. Warum dagegen sind die Abendländler so dumm, dass sie, um nur ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit zu nehmen, erst eine kaum noch sprechende Mumie zum „Kaiser“ wählen, um sich dann mit der Wahl zwischen einer endlos plappernden Sprechpuppe und einem unberechenbaren, narzisstischen, wenn auch sehr unterhaltsamen, Blasebalg zufriedenzugeben?
Eine interessante Antwort auf diese Frage veröffentlichte vor etwa einem halben Jahr die britische Libertarian Alliance in einem Artikel unter dem Titel: „How Social Darwinism Made China the Most Successful Country on Earth—and Why the West Can’t Keep Up“, also: „Wie Sozialdarwinismus China zum erfolgreichsten Land der Welt machte – und warum der Westen nicht mithalten kann“.
Dort schreibt der Autor Len D. Pozeram, dass seit der Tang-Dynastie (die mit kurzer Unterbrechung zwischen 615 und 907 n. Chr. regierte), sowie institutionalisiert in der Song-Dynastie (960 bis 1279 n. Chr.), in China für angehende Bürokraten und Ministerialbeamte ein „kaiserliches Prüfungssystem“ entwickelt wurde, welches „das meritokratischste System“ war, „das die Welt je gesehen hatte“.
Pozeram weiter: „Über ein Jahrtausend lang konnte jeder Junge – egal wie bescheiden seine Herkunft auch war – an die Macht gelangen, wenn er die konfuzianischen Klassiker beherrschte und eine Prüfung bestand. Dabei ging es nicht nur um Bildung. Es ging um eine Massenauswahl nach Intelligenz, Disziplin und Fleiß.“ Das Ergebnis: „In der Ming- und Qing-Dynastie stammten über 30 Prozent der hochrangigen Beamten aus Familien, die zuvor keinen elitären Status hatten.“
Mit anderen Worten: Im Gegensatz zum Westen und anderen Regionen gab es in China über viele Generationen echte und gewollte soziale Mobilität. Das hatte enorme Konsequenzen zur Folge: „Familien gaben ihr ganzes Geld aus, um ihren Sohn auf die Prüfungen vorzubereiten. Die meisten scheiterten. Nur die Klügsten und Ehrgeizigsten schafften es. Dieses System prägte nicht nur die sozialen Verhältnisse. Es veränderte auch den Genpool.“
Das Ergebnis heute? Pozeram weiter: „Eine langsame, aber unerbittliche Selektion hinsichtlich kognitiver Fähigkeiten und Durchhaltevermögen. Sie glauben das nicht? Schauen Sie sich einfach an, wo chinesische Bevölkerungsgruppen erfolgreich sind – überall. In den USA machen chinesischstämmige Amerikaner 1,5 Prozent der Bevölkerung aus, stellen aber regelmäßig 15 bis 20 Prozent der Studenten an Spitzenuniversitäten wie Harvard und dem MIT. Das gleiche Muster gilt für Kanada, Australien und Großbritannien. Überall, wo sie hingehen, übertreffen Chinesen andere. Nicht nur in der Schule, sondern auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik.“
Während das Abendland in absehbarer Zeit die globale Vorherrschaft verliert und zum Teil an das Reich der Mitte abgeben wird, wird die westliche Bevölkerung genug Zeit – wenn auch nicht allzu viel Muße – haben, darüber nachzudenken, was sie versäumt hat. Sie wäre allerdings schlecht beraten, das eben beschriebene chinesische Auslesesystem zu übernehmen. Es ist, wie Pozeram betont, bestens geeignet für einen „staatlich gelenkten Kapitalismus“ oder für das vom amerikanischen Autor James Burnham zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vorhergesagten „Regimes der Manager“.
Der Westen hat einen anderen Weg gewählt, um reich und mächtig zu werden: den des klassischen Liberalismus. Dieser benötigt ebenfalls intelligente Menschen. Allerdings nicht, um den Kapitalismus staatlich zu lenken, sondern um auf den eigenen zwei Beinen zu stehen. Dazu gleich mehr. Zunächst weiter mit Pozeram:
Soziale Mobilität sei im Westen durch das Erstgeburtsrecht gebremst worden, denn es habe die Macht und den Reichtum des Adels (später: des Geldadels) erhalten. Unfähige, aber erbende Erstgeborene konnten ohne persönliche Anstrengung wohlhabend bleiben. Eine Ausnahme mögen die am Ende erfolgreichen Proteste in England gegen die „Corn Laws“ andeuten. Die Abschaffung der hohen Einfuhrzölle für Getreide war Mitte des 19. Jahrhunderts ein herber Schlag gegen den englischen Landadel und läutete den Beginn des sogenannten „Manchesterkapitalismus“ ein. Dieser beschleunigte die auf der Insel schon etwa ein Jahrhundert zuvor eingeleitete Industrielle Revolution. Diese erlaubte es findigen und geschickten Zeitgenossen, reich zu werden, wenn sie der Allgemeinheit etwas Nutzbringendes anzubieten hatten.
Zu den institutionellen Voraussetzungen dieses bis dahin präzedenzlosen wirtschaftlichen Aufstiegs einer Nation gehörte die Verhinderung einer absolutistischen Monarchie und eine jahrhundertelange fast ungebrochene Tradition – zumindest auf dem Papier, wenn nicht immer in der Tat – der Herrschaft des Rechts. Diese wiederum lebte vom kulturellen Humus des Christentums, welches im Individuum – oder, präzisiert durch die Puritaner: dem individuellen Schöpfer von Neuem und Besserem – ein Abbild des Schöpfers der Welt sah.
Es war dieser Individualismus, der jene Spezialisierung und den Wettbewerb beförderte, den Adam Smith korrekterweise als Treibmittel des „Wohlstands der Nationen“ identifizierte. Die Besten gewannen, weil sie jene waren, die der Allgemeinheit, ihren Kunden, am besten zu dienen verstanden. Im Abendland war es also das Christentum, welches über Jahrhunderte die Voraussetzungen für einen auf individuelle Freiheit basierenden allgemeinen Wohlstand schuf. Der chinesische Intelligenzwettbewerb um die bestbezahlten Plätze in der kaiserlichen Bürokratie dagegen hat im Verlauf eines Jahrtausends Menschen hervorgebracht, die der Allgemeinheit unter dem Umstand eines staatlich gelenkten Kapitalismus am besten dienen.
Aber: Ökonomen, die nicht direkt oder indirekt von Steuergeld leben, zum Beispiel Ludwig von Mises (1881 – 1973), lehren uns, dass staatlich gelenkter Kapitalismus über kurz oder lang unweigerlich zu Sozialismus führt und somit krachend scheitert. Höhere Intelligenz der Lenkungsbeamten kann dieses Endergebnis nur hinauszögern, nicht aber vermeiden. „Der Markt“ ist am Ende intelligenter selbst als jede zahlenmäßig beschränkte Gruppe der intelligentesten Menschen der Welt.
Man beachte auch: China war lange Zeit die wohlhabendste Nation der Welt – bis der Westen ihm mit seiner auf der Basis individueller Freiheit erlangten überlegenen Technologie im 18. und 19. Jahrhundert den Rang ablief, auch wenn es Letzterem nie gelang, das Riesenreich zu verwestlichen oder gar zu kolonisieren. Jetzt ist es das chinesische „Regime der Manager“, das einem Westen den Rang abläuft, der entweder vergessen hat oder gar verachtet, was ihn stark gemacht hat. Vergessen, weil es ihm nicht mehr beigebracht wird. Verachtet, weil es das befreite Individuum zur Bescheidenheit aufruft.
Fazit: Wenn der Westen Glück hat, wird er in seiner kommenden Nachsitzphase im chinesischen Jahrhundert darüber nachdenken können, wie es so weit kommen konnte, dass der Spieß jetzt umgedreht ist. Die Geschichte wird zeigen, ob er daraus den Schluss zieht, China nachahmen zu müssen, um bessere Manager eines staatlich gelenkten Kapitalismus zu sein, oder ob er, bevor es gänzlich zu spät ist, zu seinen christlich-individualistischen Wurzeln zurückkehrt.
Quellen:
Monty Python - I Like Chinese (Official Lyric Video)
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.
Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.

