Medienkritik: Die entlarvende Mimik des „Volksverpetzers“
Ein Vertreter der Herrscherklasse fühlt sich zu Unrecht noch immer auf der Siegerstraße
Unsere Körpersprache ist etwas Wunderbares. In ihr, und nicht etwa im Wein, steckt die Wahrheit. Der Wein hilft lediglich bei ihrer Verbalisierung. Zur Körpersprache gehört die Mimik. Etwa das Grinsen. In einem aktuellen Youtube-Video können wir ein Grinsen beobachten, das uns eine Wahrheit vermittelt, die der Träger aus verständlichen Gründen nicht verbalisiert. Würde er sie verbalisieren, würden wir sehr wahrscheinlich Worte wie diese hören: Ich bin auf der Siegerseite der Geschichte; ich fühle mich unangreifbar; ich fühle, dass ich die Staatsmacht Deutschlands und die Superstaatsmacht der EU auf meiner Seite habe; ich denke also, dass ich mit praktisch allem davonkommen kann; erst recht mit simplen Tricks und Täuschungen; denn meine Gegner empfinde ich als einfach gestrickt; meine Anhänger ebenso, auch die merken nichts.
So jedenfalls lese ich die im besagten Video zu sehende Mimik. Sie stammt von Thomas Laschyk, seines Zeichens Gründer und Leiter des sogenannten Faktencheckerblogs „Volksverpetzer“. Das Video, von dem ich rede, ist ein Beitrag des „Clownswelt“-Influencers Clownie. Dieser, der populistischen pro-AfD-Szene zuzuordnende Satiriker kommentiert in seinem jüngsten Video ein anderes Video. Nämlich eines von jenem Laschyk. Letzterer hatte darin versucht, die ganze Aufregung um das Doxen von Clownie als „rechte Hetze“ zu „entlarven“ und zu behaupten, nichts am Verhalten der Gegner Clownies sei falsch gewesen.
Wir erinnern uns: Jan Böhmermann von der ZDF-Late-Night-Show „Magazin Royale“ hatte im Zusammenspiel mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ im vergangenen Mai persönliche Daten des „rechten“ Influencers veröffentlicht. Nicht genug, um selbst des Doxens beschuldigt werden zu können, aber sattsam genug, um es jedem Zuschauer und Leser möglich zu machen, den Klarnamen und die Adresse des Youtubers herauszufinden.
Laschyk grinst immer wieder während seiner Vorstellung. Es ist jedoch nicht irgendein Grinsen. Es ist das, was ich ein „Krokodilsgrinsen“ nenne. Und zwar aus Gründen, zu denen ich weiter unten komme. Zunächst ein paar Beispiele. Im Video von Clownie, in dem der „Volksverpetzer“ lang und ausführlich akustisch und visuell zitiert wird, sehen wir dieses Grinsen, wenn Laschyk sagt, Clownswelt sei „ordentlich entlarvt“ worden. Oder wenn er sagt, dass Böhmermann und „Die Zeit“ „bei der Recherche alles richtig gemacht haben“. Oder immer dann, wenn er Clownie als „rechtsradikal“ oder gar als „rechtsextrem“ bezeichnet – wie gewohnt und wie auch von Böhmermann im Mai praktiziert natürlich ohne Beleg. Oder wenn er wieder betont, Böhmermann habe „nichts Falsches getan.“
Es ist unschwer zu erkennen, warum Laschyk ständig so grinst wie ein Honigkuchenkrokodil. Er meint tatsächlich, einen Treffer gelandet zu haben, indem er den Vorgang vom Mai sowie Clownies sehr wirksamen – und ertragreichen – Protest dagegen als übertriebene, ja unbegründete Aufregung abtut. Er setzt dabei, jedenfalls laut Clownies Autopsie von Laschyks Präsentation, hauptsächlich auf zwei unredliche rhetorische Tricks: das Autoritätsargument und die Kontaktschuld. Dazu noch auf das Auslassen wichtiger Details. Das Originalvideo Laschyks habe ich nicht gefunden. Ich sehe aber auch keinen Grund, Clownie in dieser Sache nicht zu vertrauen. Er hat mir zu Misstrauen ihm gegenüber bislang keinen Anlass gegeben.
Der Doxingversuch hat sich schon im Mai als gewaltiger Rohrkrepierer erwiesen. Nach der ZDF-Sendung verdoppelte sich die Zahl der Abonnenten von Clownswelt innerhalb von Wochen von 250.000 auf 500.000. Heute sind es immer noch 495.000. Statt ihn also mundtot zu machen, was das offensichtliche Ziel des Vorgangs war, verdoppelten die Mainstream-Kettenhunde die medienalternative Reichweite Clownies. Eine Reichweite, die der Herrscherkaste schon bei einer Viertelmillion Abonnenten ein zu großer Dorn im Auge war. Das Ergebnis muss sie zerknirscht haben.
Nun zum Begriff Krokodilsgrinsen. Ich gebe zu, ich bin kein Mimikexperte. Aber beim Anblick von Laschyks Grinsen im besagten Video erinnerte ich mich sofort an einen in dieser Hinsicht sehr lehr- und aufschlussreichenAbschnitt aus einem Buch, der mir seit dem ersten Lesen vor vielen Jahren tief im Gedächtnis eingebrannt geblieben ist.
Das Buch, von dem ich rede, ist Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“. Untertitel: „Die Erinnerungen 1914 – 1933“. Im besagten Abschnitt beschreibt der 1907 geborene und 1999 verstorbene Journalist und Autor einen Vorfall im Februar 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers. Eine Faschingsfeier in Berlin, an der Haffner teilnahm, wurde von der Polizei aufgelöst. Der Autor beschreibt, wie er sich einem der eingedrungenen Polizisten näherte, „ein bisschen ungläubig, lächelnd und vertrauensvoll, wie man sich eben an einen Schutzmann um Auskunft wendet.“ Diesen fragte er: „Müssen wir wirklich nach Hause gehen?“ Die Antwort: „Sie dürfen nach Hause gehen.“ Das Wort „dürfen“ ist im Buch kursiv gedruckt. Der Beamte habe es also besonders betont.
Haffner weiter: „Ich prallte fast zurück, so überaus drohend hatte er es gesagt, langsam, eisig und tückisch. Ich sah ihn an – und prallte zum zweiten Mal zurück: denn was für ein Gesicht war das! Das war nicht das übliche, bekannte, treue und biedere Schupogesicht. Es war ein Gesicht, das nur aus Zähnen zu bestehen schien. Der Mann hatte mir tatsächlich die Zähne entgegengefletscht, und zwar zeigte er unwahrscheinlicherweise beide Gebissreihen, ein seltener Anblick bei einem Menschen; seine Zähnchen standen klein, spitzig und böse da, wie bei einem Raubfisch.“
Der spätere Publizist lässt offen, ob der Polizist ihn wie der Joker in den Batman-Comics und -Filmen angrinste oder er ihm seine „beiden Gebissreihen“ mit einem von Verachtung geprägtem Gesicht zeigte. Das tut nicht viel zur Sache. Denn so oder so ist ein solches „Gesicht eines Krokodils“ – Haffner über den Polizisten – ein „seltener Anblick bei einem Menschen“. Nicht jedoch, so scheint es, im Fall Thomas Laschyk.
Wie gesagt, er scheint sich auf der Siegerstraße der Geschichte zu sehen. Er empfindet sich auch, so steht sehr zu vermuten, als einer der „Guten“. Als einer, der so „gut“ ist, dass er ohne Gewissensbisse unlautere rhetorische Tricks anwenden und unbelegte Anwürfe von Radikalität und Extremismus ohne Konsequenzen befürchten zu müssen um sich werfen darf. Er scheint zu glauben, dass der Zweck die Mittel heilige.
Vielleicht tue ich Laschyk unrecht und er grinst aus einem ganz anderen Grund wie ein Raubfisch oder Krokodil. Aber: Sein normales Grinsen ist es jedenfalls nicht. Denn es fällt auf, dass er in einem anderen Video nicht so grinst, sondern ganz normal lächelt. Ich meine das Video des Augsburger Medienpreises 2020, in dem sich der „Volksverpetzer“-Gründer als Preisträger der Kategorie „Mut“ vorstellt.
Haffner endete seinen Abschnitt über den oben genannten Vorfall übrigens mit den Worten: „Ich schauderte. Ich hatte das SS-Gesicht gesehen.“ Im Fall Laschyk meine ich, dass wir das Gesicht eines Selbstgerechten sehen, eines über jede Selbstzweifel erhabenen Ideologen. Mit anderen Worten: Wir sehen zwar kein neues SS-Gesicht. Ich empfinde aber dennoch sein Gesicht als das eines Menschen, der, zumindest metaphorisch, über Leichen zu gehen nicht die geringsten Probleme hat.
Ob er tatsächlich auf der Siegerseite der Geschichte steht, ist jedoch sehr zweifelhaft. Dazu ist sein Scheitern – und der Fehler in seiner Selbstwahrnehmung – viel zu groß. Zudem fügt sich sein Verhalten in ein Gesamtbild ein, das uns derzeit von ähnlichen Rohrkrepierern erzählt. Etwa der Versuch der britischen Regierung, mittels eines Online-Spiels junge Menschen davon abzubringen, sich radikalisieren zu lassen. Womit sie meinen, dass sie einen Nationalstolz entwickeln, der sich gegen die Politik der offenen Grenzen stemmt. Die „radikalen“ Positionen werden in dem Spiel von einem Mädchen mit violett gefärbten Haaren präsentiert, das Amelia heißt. Prompt wurde sie von bereits „radikalisierten“, wahrscheinlich jungen, Menschen per künstlicher Intelligenz „befreit“ und wird jetzt überall im Netz in Musikvideos und Ähnlichem als digitale Ikone der politisch Rechten gefeiert. Und die Herrscherklasse ist darüber, wie an Berichten in Mainstreammedien zu erkennen, extrem zerknirscht.
Kürzlich veröffentlichte das amerikanische Mises-Institute einen Artikel mit dem Titel: „Everyone Agrees Our Elites Are Terrible, So Why Are We Stuck with Them?“ – zu Deutsch: „Alle sind sich einig, dass unsere Eliten schrecklich sind. Warum müssen wir dann mit ihnen leben?“ Darin schreibt der Autor Connor O’Keeffe unter anderem Folgendes: „Wie Martin Gurri in seinem Buch ‚The Revolt of the Public‘ darlegt, hat jeder bedeutende Fortschritt in der Informationstechnologie in der Geschichte der Menschheit – von der Einführung des Alphabets bis zur Erfindung der Druckerpresse – zu einem Übergang zu einer neuen herrschenden Elite geführt. Denn entscheidend ist, dass die neue Technologie das Monopol bricht, das die bisherige Elite über den Informationsraum genossen hat.“
Entscheidend ist auch, dass die alte herrschende Elite sich regelmäßig zu selbstsicher und geschützt fühlt. Jetzt, 35 Jahre nach der Geburt des World Wide Web, des bedeutendsten Fortschritts in der Informationstechnologie seit der Druckerpresse, ist sie aufgewacht und wehrt sich. Und schon kommt der nächste bedeutsame Fortschritt um die Ecke: Künstliche Intelligenz. Die Herrscherklasse wehrt sich mit Waffen und Taktiken, die sie kennt, aber nicht mit Waffen und Taktiken, die im neuen technologischen Umfeld wirksam sind. Im Gegenteil. Wenn sie versuchen, der aufstrebenden neuen Elite eins auszuwischen, erleiden sie immer häufiger und, wie es scheint, immer größereRohrkrepierer. Da hilft auch nicht das breiteste Krokodilsgrinsen.
Anmerkung: Zitate aus Sebastian Haffner, „Geschichte eines Deutschen“, Deutscher Taschenbuch Verlag, Stuttgart/München, Juni 2002, Seite 115f.
Quellen:
Clownswelt: Der Volksverpetzer hat uns hart "eingesargt"; Youtube.com
Augsburger Medienpreis 2020: Vorstellung Preisträger "Volksverpetzer"; Youtube.com
Everyone Agrees Our Elites Are Terrible, So Why Are We Stuck with Them?; mises.org
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