Religion und Gesellschaft 13: Die Funktion religiöser Sexualfeindlichkeit
Die Perversion des Gehorsams 1
Zu der bevorzugten Gattung von Abweichungen, die Religionen mit harten Strafen belegen, gehören diejenigen aus dem Bereich der Sexualität. Die Strafen fallen in zwei Kategorien: die Kategorie der körperlichen Strafen bis hin zur Tötung und die Kategorie der Produktion von schlechtem Gewissen. Im Judentum und Christentum galt und im Islam gilt das Tötungsgebot für Homosexualität; alle drei Gebote fußen auf ein und demselben sadistischen Text. Trotzdem die Aufklärung es vermochte, die Gewaltneigung der Religionen zumindest partiell einzugrenzen, fahren sie mit der Produktion von schlechtem Gewissen fort.
Zu den Geheimnissen der Religionen gehört, dass sie uns einen Gott zum Glauben vorlegen, der Großverbrechern wie etwa Kriegsherrn und Folterknechten oft neutral, wenn nicht gar freundlich gegenübersteht, aber für Harmlosigkeiten wie Onanie Höllenstrafen androht. Aber sogar im Bereich der Sexualität selber besteht diese Unstimmigkeit. Denn bekannt ist, dass im schützenden Schoß der Kirche Missbrauch im Sinne des sexuellen Übergriffs Kindern gegenüber an der Tagesordnung ist, vor dem die Kirchenhierarchie ebenso wie viele Gläubige die Augen und Ohren verschließen. Oft ist es so, dass die katholische Kirche im Fokus der Kritik steht. Doch im Bereich der evangelischen Kirchen kommt Missbrauch ebenso vor. Auch der Buddhismus hat seine Unschuld verloren.
Wenn Religionskritiker hierauf mit Häme reagieren, liegen auch sie falsch. Denn in nichtkirchlichen, nichtreligiösen Erziehungseinrichtungen und Familien kommt es gleichfalls zu Missbrauch. Der ursächliche Zusammenhang ist wohl nicht die Religion an sich, sondern die Abfolge von Unterdrückung gesunder Sexualität und daraus resultierender Perversion sexueller Energie, die auf so abhängige wie verängstigte Kinder trifft und sich ihrer bedienen kann.
Freilich ist diese Überlegung kein Persilschein für die Religionen. Dass Missbrauch in ihrem Gewand nicht als vereinzelte Untat vorkommt, sondern in erschreckendem Ausmaß, zeigt das Versagen der Religion an, moralisches Verhalten zu induzieren. Oder anders gesagt: Wenn eine Religion für sich in Anspruch nehmen wollte, dass sie moralisches Verhalten induziert, müsste statistisch gesehen in ihrem Einflussbereich die Rate von Missbrauch geringer sein als außerhalb von diesem Bereich. Welche Religion würde diese Prüfung bestehen?
In dieser Serie habe ich das eine um das andere Mal gezeigt, dass das zentrale Moment der Religion der Gehorsam ist. Um den Gehorsam zu testen, muss es, wie Michel Foucault gezeigt hat, diejenigen geben, die die Ordnung stören, um an ihnen die Macht der Bestrafung zu exemplifizieren. Die Gruppe derjenigen, an denen die Macht sich beweisen kann, darf nicht selber zu den Mächtigen gehören. Mit den Mächtigen sich anzulegen, birgt für jede Religion eine mächtige Gefahr, nämlich die, der Verfolgung anheimzufallen. Wenn die Herrschenden die Kriegsmaschinerie in Gang setzen und wenn ihnen Folterknechte zu Gebote stehen, tun die Gläubigen gut daran, sich wegzuducken, sich nicht mit Kritik aus dem Fenster zu lehnen, sondern zu verkünden, man sei willens, sich jedweder Obrigkeit zu unterwerfen, wie Paulus es tat (Römer 13, Vers 1 bis 7).
Eine bestens geeignete Konstellation zur Erzeugung eines permanenten Schuldverhältnisses des Gläubigen in Bezug auf Gott oder, besser gesagt, seinen irdischen Statthaltern, ist ein Verhalten, das erstens möglichst allen, zumindest sehr vielen Menschen gemeinsam ist, aber zweitens in einer solchen Vereinzelung und sogar Heimlichkeit ausgeführt wird, dass keine Solidarisierung erfolgen kann.
Die Religion legt dem Verhalten die Regeln auf, die zum einen die entsolidarisierende und vereinzelnde Heimlichkeit sicherstellen, zum anderen gegen grundlegende körperliche oder geistige Bedürfnisse verstoßen. Nichts eignet sich hierfür so gut wie die Sexualität. Sobald die Regeln etabliert sind, befinden die Gläubigen sich in der Falle des von der Priesterschaft oder der Gemeinde bewirtschafteten schlechten Gewissens.
Wie aber gelingt es einer Religion, diese ihr nützlichen Regeln zu etablieren? Diese Frage lässt sich nur im Rahmen der Funktion der Religion als Stütze der Herrschaft beantworten (cf. Bündnis von Thron und Altar). Mit der Entstehung von Herrschaft haben wir eine Gruppe von Herrschenden, die ihre vor allem ökonomischen Interessen mit Gewalt gegen den Rest der Bevölkerung durchsetzen wollen. Ständig Gewalt einzusetzen und nur auf Gewalt zu vertrauen, ist allerdings teuer und langfristig auch unsicher. Die Beherrschten könnten mit der Zeit stärker werden und die herrschende Klasse abservieren. Die Herrschenden tun gut daran, auch Ideologie einzusetzen. Diese muss darauf bedacht sein, die beiden herausgearbeiteten Merkmale zu enthalten, die Herstellung eines Gefühls dauerhafter Schuld der Unterworfenen gegenüber den Herrschenden und ihre Entsolidarisierung.
Im Ursprung sowohl der Herrschaft als auch der Religion steht die Gewalt, beides fällt zusammen, so bei der Erzählung um das Goldene Kalb, die die abrahamitischen Religionen begründet: Die Abtrünnigen werden massakriert, aber sie sind es selber schuld, und diese Schuld des Ungehorsams tragen auch die siegreichen Gläubigen in sich (mehr dazu in Folge 15 dieser Serie). Für das Christentum findet die Verbindung mit der Gewalt nicht im Ursprung seiner Entstehung und Verbreitung statt, sondern dreihundert Jahre später beim Übergang zur Staatsreligion (siehe die Folgen 8 und 9 dieser Serie). Die Verbreitung des Islam ist unmittelbar im Ursprung mit Gewalt und Eroberung assoziiert.
Für den Buddhismus gilt wie für das Christentum eine verzögerte Verbindung mit der Gewalt, ebenso im Zuge der Verstaatlichung, und zwar ausgerechnet bei dem Paradepferd der buddhistischen Tradition, das die tiefe Friedfertigkeit dieser Religion belegen soll, Ashoka († 232 v. Chr.), dem größten Kaiser des antiken Indien. Nachdem Ashoka mit unvorstellbarer Grausamkeit ein Riesenreich zusammengezwungen hatte, bekehrte er sich auf seinem letzten Schlachtfeld inmitten der Leichenberge zum Buddhismus, den er während eines Krankenhausaufenthalts bei griechischen (!) Mönchen kennengelernt hatte. Fortan predigte er Frieden und Wohlstand, pflanzte Bäume und ließ Krankenhäuser bauen. Er verkündete den Nachbarn, keinen Krieg mehr führen zu wollen. Durch Konzilien wollte er einen einheitlich kodierten Buddhismus schaffen, was ihm nicht gelang; jedoch machte er den Buddhismus auf diese Weise zur Weltreligion. Seine Konversion vom Brutalo zum Friedensfürsten steht einerseits einzigartig in der Geschichte der Menschheit da.
Doch bei genauerem Hinsehen wirft sein Wirken andererseits bohrende Rückfragen auf. An Wiedergutmachung den Hinterbliebenen seiner Opfer gegenüber hat er anscheinend nicht gedacht. Selbst die für die Staatskasse kostenlose Rückgabe der Selbstbestimmung an die eroberten Völker zog er offenbar nicht in Betracht. Die gequälten und verängstigten Untertanen konnten aufatmen, dass der Großverbrecher gelobte, fortan auf Gewalt verzichten zu wollen. Konnte man ihm glauben? Die Untertanen waren vorsichtig und warteten bis zu seinem Tod, um das Riesenreich in sich zusammenstürzen zu lassen. Die Infrastruktur an struktureller Gewalt, die er aufgebaut hatte, war noch nicht stark genug, um die Landesteile dauerhaft zu integrieren.
Eine Sündenlehre, die in die permanente Schuldspirale führt, predigt auch der Buddhismus. Da die „Anhaftung“ der Begehrlichkeit – modern ausgedrückt: das Streben nach Befriedigung der Bedürfnisse – einerseits dem Lebendigen notwendig eingeschrieben ist, andererseits für jedes Leiden verantwortlich gemacht wird, ist jeder Gläubige permanent für sein Leiden komplett selber verantwortlich. Aus dieser Schuldspirale erlöst erst der Tod.
Die psychischen Verheerungen, die die Kombination aus unmittelbarer körperlicher Gewalt, struktureller Gewalt und Züchtung des schlechten Gewissens in den menschlichen Köpfen und Körpern herbeiführt, bleiben über Jahrtausende gleich. Nur die äußeren Formen ändern sich. Die Religionen haben wenig bis nichts dazu beigetragen, die Verheerungen zu heilen; leider sind sie weiterhin ein starker Motor, sie herbeizuführen.
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