13. März 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 19 Ist Spiritualität eine Alternative?

Alternativen 1

von Stefan Blankertz drucken

Spiritualität: Vielfalt und Ambivalenz
Bildquelle: e-Redaktion Spiritualität: Vielfalt und Ambivalenz

Angesichts dessen, dass die angestammten Religionen in den Regionen mit erfolgreicher säkularer Aufklärung ihren Status der Unschuld verloren, entstand eine breite Bewegung, die die Bedürfnisse nach Spiritualität – das Gefühl des Einsseins mit dem Universum, das Gefühl von Sinn im Leben sowie das Gefühl, bei Schicksalsschlägen jenseitigen Trost zu erfahren – auf andere Weise zu befriedigen suchte. Das Heil wird oftmals in fernöstlichen religiösen Praktiken gesucht, die nur darum als unschuldig erscheinen, weil man hier deren tiefe Verwurzelung in politische Machenschaften und kriegerisches Unrecht nicht so präsent hat.

Bezeichnenderweise werden christliche Gebete und christliche Kontemplation belächelt, fernöstliche Mantren und fernöstliche Meditation aber bejubelt. Den christlichen Gehorsam lehnt man ab, preist aber die Gefolgschaft für einen fernöstlichen Guru oder Meister. Für einen nüchternen Betrachter sind die fernöstlichen religiösen Rituale jeweils vergleichbar mit dem Schwelgen der Orthodoxen, dem Pomp der Katholiken und der Kargheit der Protestanten. Die Formen ähneln sich mehr, als dass die Inhalte sich unterscheiden.

Für die Quasireligionen der Gegenwart, Nationalismus und Kommunismus (siehe Teil 17 dieser Serie), ist mit Recht angemerkt worden, dass sie ihre religiösen Wurzeln zwar gekappt haben, aber ohne sie nicht denkbar sind. Als Personen seien Joseph Stalin und Adolf Hitler genannt. Dies gilt auch für den fernöstlichen Mao Zedong. In Maos Denken und Agieren findet man eine unheilvolle Dialektik zwischen Konfuzianismus, den er vordergründig scharf ablehnte, und Daoismus, wobei der Daoismus eine traditionelle Skepsis gegenüber dem Staat kennzeichnete. Auf der einen Seite des Maokultes stand, dass revolutionäre Rituale und die Ideen des Steuermanns der Revolution mit konfuzianischer Penibilität eingehalten werden mussten. Sonst erwartete einen das Todesurteil. Auf der anderen Seite stand, dass die konfuzianischen Begrenzungen der Herrschaftsgewalt, insbesondere die konservative Verehrung der Ahnen sowie die Zivilverwaltung des Militärs, mit daoistischem Spott weggewischt wurden. In der Großen Kulturrevolution agierte Mao mit daoistischem Minimalismus. Seine Idee initiierte sie, aber er lenkte sie nicht wirklich, sondern ließ den aufgeheizten jugendlichen Massen freie Hand. Mit Genuss töteten sie die eigenen Eltern, wenn diese sich nicht fügten. Wer hier von einer fernöstlichen Ungeheuerlichkeit spricht, sei einmal mehr daran erinnert, dass an der Wiege aller abrahamitischen Religionen inklusive des Christentums die Erzählung vom Tanz ums Goldene Kalb steht. Und in dieser Erzählung werden unter anderem die Kinder aufgefordert, ihre Eltern zu ermorden, wenn sie einer anderen Religion angehören (siehe Teil 15 dieser Serie). Bei Mao konvergieren alle religiösen und säkularen Ideen der Erde zu einer einzigen Orgie aus staatlicher Menschenverachtung.

Der anarchistische jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965), dem auch ein starker christlicher Impuls eigen war, erzählt im Anfang seines Buches „Gottesfinsternis“ (1953) folgende Geschichte: Mitte der 1920er Jahre sei er ein paar Tage zu Gast im Haus des atheistischen Neukantianers Paul Natorp (1854–1924) gewesen, um dort den Bürstenabzug seines neuesten Buches Korrektur zu lesen. An einem Abend bat der rund fünfundzwanzig Jahre ältere Mann Buber, aus dem Buch vorzulesen. Gesagt, getan, fragte Natorp den Nachwuchsphilosophen mit flammenden, klaren Augen, wie es ihm möglich sei, Mal um Mal „Gott“ zu sagen, wohlwissend, dass es kein anderes Wort in der Menschensprache gäbe, das so befleckt und so geschändet worden sei wie dieses. Er rief Buber ins Gedächtnis, wie viel schuldloses Blut um es vergossen worden sei. Ihm, Natorp, komme es als Lästerung vor, wenn er das Höchste „Gott“ nennen höre.

Buber geriet in Wallung und antwortete mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für den Angeklagten Gott: In der Tat sei „Gott“ das beladenste aller Menschenworte, keines sei so besudelt, so zerfetzt worden. Aber gerade darum dürfe er nicht auf es verzichten. Gewiss, sagte Buber, morden die Menschen einander und behaupten „in Gottes Namen“. „Aber wenn aller Wahn und Trug zerfällt, wenn sie ihm gegenüberstehen im einsamsten Dunkel und nicht mehr ,Er, er‘ sagen, sondern ,Du, Du‘ seufzen, ,Du‘ schreien, sie alle das Eine, und wenn sie dann hinzufügen ,Gott‘, ist es nicht der wirkliche Gott, den sie alle anrufen, der Eine Lebendige, der Gott der Menschenkinder?“ Am Schluss des Plädoyers sagte Buber: „Wir können das Wort ,Gott‘ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganzmachen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.“ Der Morgen brach an, wie Buber berichtet, der alte Philosoph erhob sich, legte ihm die Hand auf die Schulter und bot dem Jüngeren das „Du“ an (damals keine Selbstverständlichkeit).

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass wir Spiritualität nicht in einer unschuldigen und reinen Form haben können. Ein Rekurs auf fernöstliche oder sonstige Traditionen ist nicht per se abzulehnen – auch Buber lehnte ihn nicht ab, er übersetzte 1910 zum Beispiel Teile eines daoistischen Textes erstmalig ins Deutsche; ein solcher Rekurs jedoch bewahrt nicht davor, sich mit den dunklen Seiten der Religion auseinanderzusetzen.

In dieser Serie zeigte sich das eine um das andere Mal, dass das Problem meist nicht die Religion per se darstellt, sondern eine spezifische Verbindung mit der Herrschaft, für die die Religion freilich inhärent anfällig ist. Dies gilt für jede Religion weltweit, nicht nur für die westliche (christliche) Religion, nicht nur für die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam). Die Religion wird von der Herrschaft nicht missbraucht, jene dient sich dieser an, wenn die Gläubigen nicht mächtig protestieren.

Wenn Spiritualität bedeutet, die heimischen spirituellen Wurzeln zu leugnen oder zu verdammen, denen gegenüber fernöstliche Traditionen eine bessere Alternative darstellen, dann ist sie geschichtsvergessen und verflacht. Wenn sie bedeutet, die heimischen spirituellen Wurzeln mit den fernöstlichen Traditionen zu verbinden, kann sie bereichernd wirken.


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