11. März 2026 11:00

Medienkritik Realismus vs. Illusionismus: Kommentar zu Bettina Lohrs hellsichtiger Erwiderung auf Robert Grözinger

(Kontrollierte) Kommunikationsmittel allein garantieren keine offenen Ohren

von Axel B.C. Krauss drucken

Medienkritik: digitale Kommunikation und Wirklichkeit
Bildquelle: Redaktion Medienkritik: digitale Kommunikation und Wirklichkeit

Das sollte man ruhig wiederholen: Die Verfügbarkeit von Kommunikationsmitteln allein garantiert noch keine Reichweite oder „Wirkmächtigkeit“. Es sind weitaus mehr Faktoren im Spiel als nur ein Internetanschluss und ein Social Media-Account. Aber gerade darin besteht, wie Lohr ganz richtig feststellte, ja gerade die Illusion der „Digitalen Medien“: Teilhabe für jedermann. Es wäre sicher schön und begrüßenswert, wenn sich tatsächlich jeder „einfach so“ Gehör verschaffen könnte. Die Realität sieht ganz anders aus.

Da ich auf Usedom nicht dabei war, verlasse ich mich hier auf die Richtigkeit von Lohrs Zusammenfassung und hoffe, dass ich Grözinger kein Unrecht tue. Jedenfalls beschreibt Lohr Grözingers Argumentation wie folgt:

„Dies alles ähnele nur zu gut unserem Kampf gegen die »Mittler« und Gatekeeper, die Platzhirsche und Wahrheitsleugner. Genau wie damals brauche es auch heute eine Revolution des Begreifens, ein erneuertes Verhältnis zwischen Obrigkeit und Gesellschaft. Es brauche Leitfiguren und wahrheitserprobte Denker, die mit ihrer Authentizität, ihrem stabilen Ruf und ihrer Wirkmächtigkeit die Lügner in ihre Schranken zu verweisen wüssten – ein Wunsch, der, wie die sozialen Medien zeigten, nun in greifbare Nähe gerückt worden sei, denn schließlich könne sich heute jeder solchen Einfluss mit nichts weiter als einem Konto auf der jeweiligen Plattform aufbauen.“

Es bräuchte also – in Zukunft? – Menschen, die den dominanten Stimmen, den Gatekeepern und Platzhirschen, den Lügnern und Desinformanten Paroli bieten? Mit diesem Wunsch kommt Grözinger reichlich spät: Es gibt sie längst. Also die „wahrheitserprobten Denker“, die „authentischen“ Stimmen im gerade heutzutage tosenden Ozean der Irreführung, des „begrenzten Raushängens“, der Manipulation und Desinformation. Sie müssen nicht erst kommen. Und die Re-volution – besser: E-volution – „des Begreifens“ gibt es auch schon. Man muss sich nur auf die Suche danach machen. Und so schließt sich der Teufelskreis, da Menschen bekanntermaßen dazu neigen, lieber der größeren Herde hinterherzulaufen und allein Klick- beziehungsweise Aufrufzahlen mit inhaltlicher Substanz oder Richtigkeit und Wahrheitsgehalt zu verwechseln. Damit hätten wir schon den ersten Stolperstein angesprochen: Grözinger geht von einer zwar sehr hoffnungsvollen, aber von der Online-Wirklichkeit längst widerlegten Voraussetzung aus: Es ist alles andere als garantiert, dass solche Denker von ihren Mitmenschen überhaupt verstanden, geschweige denn wertgeschätzt würden. Schon gar nicht im Zeitalter der, wie Scholl-Latour es einmal goldrichtig ausdrückte, „Massenverblödung – vor allem der medialen Massenverblödung“. Mit anderen Worten: Qualität wird oft nicht nur nicht AN-erkannt, sie wird gar nicht erst ER-kannt. Da hapert’s ja schon.

Ein konkretes Beispiel. Ich hatte vor einiger Zeit einen Artikel eines Substack-Blogs über die historische Genese des modernen technokratischen Denkens übersetzt, der nicht nur zu den besten gehört, die man zu dieser Thematik lesen kann – es ist momentan DER beste, sprich fachkundigste, kenntnisreichste und analytisch brillanteste Text („The Withering Away of Karl Marx“ des Blogs ESC; ich hatte ihn als „Der verschwindende Karl Marx“ eingedeutscht). In runden zwanzig Jahren gab es keinen substanzielleren, aufschlussreicheren Aufsatz über das ideengeschichtliche Substrat der Technokratie im Internet. Wenn man ihn gelesen und verinnerlicht hat – nur diesen einen Artikel –, hat man mehr über unsere heutige Situation verstanden und kann gegenwärtige Ereignisse besser einordnen als nach zehn Jahren Meta-, X-, Telegram- oder Youtube-Konsum.

Und nun schauen wir uns mal an, wie viele Likes und „Shares“ dieser qualitativ extrem weit herausragende Beitrag in der englischen Originalfassung erhielt, also auf der Seite des Blogs selbst. Wie sah die Resonanz aus?

83 Likes, 23 Mal geteilt.

Äh?

Ja: 83 Likes, 23 Mal geteilt.

Jetzt vergleichen wir diese höchst erfreuliche Resonanz für einen zugebenermaßen sehr langen und somit etwas Geduld beim Lesen erfordernden, aber eben auch blitzgescheiten und herausragenden Text mit den Aufrufzahlen eines nützlichen Idioten, Bauernfängers und Gatekeepers wie Tucker Carlson: Millionen. Manchmal sogar zweistellig. Für Beiträge über „UFO-Enthüllungen“, Begegnungen mit „Engeln und Dämonen“ und politische „Analysen“, die man gleich dem Sperrmüll anvertrauen kann. Für Interviews mit Limited Hangouts wie Jeffrey D. Sachs oder vermeintliche „Retter“ der „Meinungsfreiheit“ wie Elon Musk etc.

Soweit alles klar?

Lassen Sie uns in Deutschland bleiben: Vergleichen wir also die 83 Likes (Wow!) und 23 Shares (Boah!) für einen Weltklasse-Text, aus dem man wahnsinnig viel lernen kann, mit der weitaus größeren Reichweite eines mit viel Geld – es sollen hunderttausende Euro geflossen sein – künstlich aufgebauten Gatekeepers und Belanglosigkeiten-Weitwerfers wie Julian Reichelt. Nochmal: Soweit alles klar? An dieser Stelle begnüge ich mich mit altbekannten Stichworten wie „Bildungsmisere“ und „Medienkompetenz“, statt sarkastisch vom Leder zu ziehen und zu fragen, ob man wirklich annehmen darf, dass „Säue“ Perlen überhaupt erkennen, wenn man sie ihnen vor die Haxen wirft. Und ob sie überhaupt wissen oder auch nur ahnen, wie viele dieser „einflussreichen“ Influencer und Agitatoren eben nicht „mit nichts weiter als einem Konto auf der jeweiligen Plattform“ bekannt wurden, sondern weil kräftig nachgeholfen wurde.

Um das Ganze noch etwas zu unterfüttern und einen kleinen Einblick in die Funktionsweise heutiger Narrativkontrolle zu geben:

„Man erkennt Amateure und lausige Propagandisten daran, dass sie IMMER das Narrativ wählen, das zu ihrer Ideologie passt. [...] Von vorneherein muss aber klar sein, dass die Springer-Medien das »System« repräsentieren und in keinster Weise das Vertrauen der Bürger genießen dürfen. Selbst eine pragmatische Sicht wäre fatal. Wenn es außer der Springerpresse nur noch bedeutungslose konservative Medienoutlets gibt und jene auch keine eigene Identität haben, sondern irgendwelche Talking Points und Narrative kopieren, dann ist die konservative Bewegung ein Zombie, eine Abstell-Halde, wo das Klientel geparkt wird und wo es keine Schwierigkeiten machen kann. [...] Im Internet erhält Reichelt dementsprechend viel Zuspruch. Er habe gegen das linke System gekämpft, inklusive Coronamaßnahmen, und deshalb wäre er vom Willkür-System aus dem Job gedrängt worden. In Wirklichkeit fing die BILD nur die Unzufriedenheit der Bürger auf und ähnelte damit den amerikanischen fake-konservativen Medien wie FOX-News, Newsmax und OANN. […] t-online fand nun weitere Indizien für eine Kooperation des ehemaligen BILD-Chefredakteurs Julian Reichelt mit dem konservativen, CDU-nahen Milliardär Frank Gotthardt. [...] Reichelts Masche ist, so zu tun, als sei er die Stimme des Volkes [...] »Achtung, Reichelt« ist nur ein weiteres Ablenkungsmanöver fürs Volk.“ (Recentr, „Springer, CIA, Döpfner, Reichelt: Das fake-konservative Empire“).

In der Tat, es braucht eine Evolution des Begreifens: Wenn man dagegen angehen will, muss man erstmal verstehen, WIE diese ganze verlogene, korrupte, gekaufte und geschmierte Veranstaltung überhaupt entstand und vor allem, wie Narrativkontrolle im Internet-Zeitalter wirklich funktioniert. Meta, ehemals Facebook? Ist durch „freie Marktkräfte“ zum Social Media-Giganten geworden, richtig? Ganz natürlich und organisch, stimmt’s? Falsch. Und zwar völlig. Facebook hatte die größten Anlaufprobleme. Die Zahl der Neuanmeldungen auf dem Portal stagnierte, es kam über den Universitätscampus kaum hinaus. Es ging nicht voran. Bis ein gewisser Peter Thiel 500.000 Dollar hineinpumpte. Und bis die größte Propaganda-Industrie der Welt namens Hollywood beisprang, um die Öffentlichkeit dadurch sanft zur Akzeptanz der Plattform zu „nudgen“, in fast jeder Filmszene, in der eine Schauspielerin oder ein Schauspieler vor einem Laptop sitzt und im Internet surft, rein zufällig den Namen Facebook zu zeigen. So wie früher bei Google, das ebenfalls durch tatkräftige oligarchische Finanzspritzen und propagandaindustrielle Unterstützung zur „führenden“ Suchmaschine gemacht wurde.

Das ist die Online-Realität. Wahrheitserprobte Denker wissen das auch längst. Die mit ihrer Authentizität und ihrer geistigen Wirkmächtigkeit, die den Großteil ihrer Mitmenschen einen Scheißdreck interessiert, weil die es vorziehen, lieber falschen Gurus und Schwätzern zu „folgen“, vielleicht 83 Likes und 23 Shares erzielen. Die „Revolution“ fand längst statt. Sie bekam aber nur eine Handvoll Likes. Sie hatte nicht genug „Follower“. Sie erzielte nur traurig wenig Reichweite. Videos von Popstars in Unterwäsche, aufgenommen im eigenen Schlafzimmer: Hunderttausende, gar Millionen Likes. Sowas geht natürlich viral. Deshalb: Viel Glück mit der Revolution des Begreifens! Toi, Toi, Toi!

„Politischer Einfluss war nie spontan. Die dominierenden Stimmen im öffentlichen Diskurs sind selten das Ergebnis organisch gewachsener Beliebtheit, sondern das Ergebnis strategischer Planung durch Eliten, die die Wirkung von Botschaften kennen. […] Moderne Datenbanken, Algorithmen und Psychometrie optimieren diese Methoden wie nie zuvor, verstärken aber auch ihre bekannten Schwächen.“ (Recentr, „Influencer heute wie damals: Die Macht der zentralisierten Netzwerke“).

Genauso ist es. Und das wird sich erst dann ändern, wenn Menschen das auch wissen. Dazu bedarf es mehr als 83 Likes und 23 Shares, während „Herdentrieb“ und kollektivistischer Gefolgschaftskult dafür sorgen, dass jeder wohlplatzierte Agitator und Schwurbler wahrheitserprobtes Denken mühelos übertönen und somit wirkmächtiger werden kann. Da ist eben auch das Publikum gefragt.

Wie Bettina Lohr auch ganz richtig erkannte und dem Wunschdenken den dringend nötigen Realismus entgegengesetzte:

„Doch zwischen Möglichkeit und Wirksamkeit klafft seit jeher ein Abgrund. […] In einer Welt des Überangebots, in der Meinungen sich gegenseitig übertönen, bleibt das Filterblasenproblem zentral. Selbst wenn mein Geschreibsel einen Nerv trifft, führt der Weg zur Masse weiterhin über Mittler – über Klicks und Likes, über algorithmische Gunst, über Weiterempfehlungen und über jene, die bereit sind, für etwas so Abstraktes wie Wahrheit ihre wirtschaftliche Existenz zu riskieren.“

Korrekt. Aber hey, es ist heute ganz einfach, sich Gehör zu verschaffen. Ein Konto beim „befreiten“ X und seinen automatisch durchratternden Reichweitenbeschränkungs-Algorithmen für wahrheitserprobte Denker und unbequem authentische Stimmen genügt. Es ist ja nur noch lachhaft.

Bis nächste Woche.

Quellen:

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