Religion und Gesellschaft 18: Die Zukunft einer Illusion
Funktionen der Religion
Religion ist älter als Herrschaft und Staat. Sie muss eine Funktion haben neben ihrer Rolle im jeweiligen System der Herrschaft. Religionskritiker wie Karlheinz Deschner oder Richard Dawkins machen es sich zu leicht, wenn sie von der „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner, zehn Bände, 1986–2013) oder vom „Gotteswahn“ (Dawkins, 2006) sprechen und nicht mit einbeziehen, dass keine Religion Bestand haben könnte, stünde sie ohne ein soziales Fundament da.
Mit dem menschlichen Bewusstsein tritt ins Leben die Erkenntnis ein, dass das Leben endlich ist sowie dass die Bedingungen, unter denen man lebt, uns trotz aller rationalen und technischen Versuche der Beherrschung weitgehend unverfügbar bleiben. Religion entspringt immer dem Impuls, sich diesen Aspekten zu widmen. In den abrahamitischen Religionen steht die Erzählung vom Sündenfall hierfür.
Gegenüber dem Tod ist es eine verbreitete religiöse Strategie, ihn zu leugnen. Dies kann in der Form eines Weiterlebens im Jenseits, einer Wiedergeburt oder einer künftigen Auferstehung geschehen. Nur wenige Religionen akzeptieren den Tod wie der Hauptstrom des Judentums (Jesus stand in einer heterodoxen jüdischen Strömung). An die Stelle eines persönlichen Weiterlebens tritt das nicht eigenkörperliche Weiterleben in den Nachkommen oder, wie bei dem Muslim Ibn Sina (Avicenna), in der Sonne Gottes. Eine bemerkenswerte Variante stellt der Buddhismus dar, der den Tod leugnet, indem er ihn als das eigentlich anzustrebende Ziel ausgibt – interessanterweise ist das auch die Auskunft von Sigmund Freud in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920), das Buch, welches Freud während seiner pessimistischsten Phase schrieb und in welchem er den „Todestrieb“ als Urkraft allen Lebens identifizierte. Im europäischen Mittelalter vertraten auch die Katharer diese Ansicht. Hier stellt sich der Religion das Problem, wie sie die Tendenz zum Suizid stoppt.
Alle Religionen suggerieren eine Verfügbarkeit über das Schicksal. Dies geschieht zunächst über die Ausführung von Ritualen, die die Wirkmächte beeinflussen. Die Wirkmächte sind personifizierte Naturereignisse wie Regen und Sonnenschein (Animismus) oder, in einer höheren Stufe der Abstraktion, Götter bis hin zu dem Einen Gott, der alles steuert. Da die Verfügbarkeit eine Illusion darstellt, muss jede Religion hier einen Mechanismus der Selbstimmunisierung einbauen. Die einfachste Form ist die Behauptung, das in Frage stehende Ritual sei nicht in der genau vorgeschriebenen Form abgelaufen. Zu den Ritualen gehören auch die Opferungen von Tieren, Anteilen von Ernten und anderen liebgewonnenen oder auch lebenswichtigen Gegenständen. Schlimm wird es, wenn Menschenopfer verlangt werden. Eine besonders geschickte Form der Selbstimmunisierung sowohl im Christentum als auch im Islam ist die Verlagerung des verheißenen Lohns für Opfer oder Verzicht und für Gehorsam ins Jenseits. Es sei widersinnig, so besagt diese religiöse Strategie, den Lohn in diesem Leben zu erwarten. Schicksalsschläge kommen, gottgewollt; wir wissen nicht, warum. Aber der Gerechte wird schon nicht leer ausgehen. Geschickt ist diese Form der Selbstimmunisierung, weil sie niemals überprüft werden kann. Auch Gegner, zum Beispiel im Krieg, mögen sie für jeweils sich selber in Anspruch nehmen; keiner ist in der Lage, zu überprüfen, wer die Belohnung erhält.
Neben den natürlichen Gegebenheiten adressieren Religionen auch soziale Vorkommnisse, die nicht unverfügbar sind, weil das Verhalten der Mitmenschen sich beeinflussen lässt; sie sind freilich schwer verfügbar, weil die Beeinflussung Probleme aufwirft. Das zwischenmenschliche Verhalten regulieren Religionen mit einer Mischung aus der Heiligung kultureller Traditionen und Weisheitslehren. Dies ist die erste Stelle, an der Religionen für Herrschaft interessant werden. Religionen sind nicht aus sich selber heraus Motor der Bildung von Herrschaft. Der Motor, Herrschaft zu wollen, ist immer der Wille, sich der Arbeitsfrüchte anderer Menschen zu bemächtigen. Aber für jede Herrschaft ist es von vordringlichem Interesse, in die Regeln des zwischenmenschlichen Verhaltens derart einzugreifen, dass der Teil, den die den Staat konstituierende Bande von den Früchten anderer Leute Arbeit zu kassieren gedenkt, nicht nur als Akt des gewaltsamen Eingriffs, vielmehr als geschuldete Abgabe gesehen wird.
Obwohl Religionen nicht der Motor der Herrschaftsbildung sind, sind sie doch von Anbeginn für die Herrschaft wie geschaffen und zwar durch den Gehorsam. Gehorsam ist die zweite Stelle, an der Religionen für Herrschaft interessant werden. Die Selbstimmunisierung gegen den Vorwurf, die versprochene Verfügbarkeit über die Gegebenheiten nicht zu liefern, wird realisiert über die gehorsame Befolgung des Ablaufs von Ritualen, die die Priester (Medizinmänner, Schamanen, weise Frauen etc.) anleiten. Wenn es den Herrschenden nun gelingt, ein Bündnis mit den Priestern zu schließen, sodass sie den ihnen geschuldeten Gehorsam mit den Herrschenden teilen, können beide Seiten davon profitieren: Die Priester erlangen von den Herrschenden eine gesicherte Position, die Herrschenden erhalten von den Priestern eine Legitimation per übernatürlicher Segnung.
Eine dritte Stelle, an der Religionen für Herrschaft interessant werden, ergibt sich, wenn die in Frage stehende Religion ein jenseitiges Heilversprechen verkündet. Ein solches Heilsversprechen bedeutet, der Lohn für Gehorsam werde möglicherweise nicht schon in diesem Leben realisiert, sondern erst im Jenseits gezahlt. Damit wird die Bereitschaft grundgelegt, für eine Sache im Krieg zu sterben.
Aber diese Opferbereitschaft kann in gewissen Situationen für die Herrschaft in eine Gefahr umschlagen. Opposition oder gar Widerstand gegen die Herrschaft ist stets mit der Drohung verbunden, von den Schergen der Herrschenden drangsaliert oder exekutiert zu werden. Verbindet eine Religion sich mit der Opposition oder mit dem Widerstand, wird das jenseitige Heilversprechen eine mächtige Waffe werden, um Unbeugsamkeit und Kampfkraft zu stärken. Falls Opposition oder Widerstand obsiegen, setzt freilich die von Nietzsche aufgezeigte Dialektik der Sklavenmoral ein – zur Herrschaft gelangt paradoxerweise eine Form der Moral, die Gehorsam zum zentralen Kriterium des richtigen Handelns macht.
Eine weitere Funktion der Religion ist das Spenden von Trost für alle vom Schicksal Gebeutelten. Diese Funktion tritt auch in eine ambivalente Beziehung zur jeweiligen Herrschaft. Im Normalfall mahnt der Trost die durch das von den Herrschenden gesteuerte Schicksal zur Ruhe, beruhigt er sie. Doch bisweilen schlagen Trauer und Trost um in einen Willen zum Widerstand.
Das sind die historischen Funktionen der Religion in der Gesellschaft und für die Herrschaft. Haben diese Funktionen weiterhin eine soziale Gültigkeit? Oder übernehmen säkulare Lehren sie?
Der Glauben der europäischen Aufklärung, die Naturwissenschaft werde dem Sein die letzten Geheimnisse abringen, der Fortschritt von Technik und Medizin werde die menschlichen Kümmernisse beseitigen und die Philosophie werde in der Lage sein, eine rein rationale Ethik zu formulieren, die alle Menschen in eine harmonische Ganzheit verwandeln, hat sich in Blut und Tränen aufgelöst. Die Grenzen des Wissens sind beständig verschoben worden, aber hinter dem Sein selber prangt immer noch ein großes Fragezeichen. Technik und Medizin haben das Leben leichter und länger gemacht, aber die Schicksalsschläge nicht zum Verschwinden gebracht sowie neue Probleme geschaffen. Schließlich sind die philosophisch formulierten Ethiken unter den Menschen nicht weniger umstritten als die religiösen Normen. Um sie werden genau die gleichen Kriege geführt wie um die religiösen Glaubenssysteme. Vor allem aber zeigt sich, dass diese Ethiken in ihrem Kern ohne die religiösen Wurzeln gar nicht auskommen, sie erwähnen sie nur nicht.
Die verheerenden Kriege des 20. Jahrhunderts fanden im Zeichen säkularer Ideen statt, der Idee des Nationalismus und der Idee des (Staats-)Kommunismus. Der Fanatismus, mit dem diese Ideen Völker infiziert haben, lässt sie als quasi-religiös erscheinen. Wie die Religionen statten die Quasireligionen mit einem überindividuellen Sinn aus, für den zu sterben es sich lohne. Außerdem verfügen sie über einen Ursprungsmythos – der Nationalismus über den des angeblich einen und ungeteilten Volks, der Kommunismus über den der zu überwindenden geknechteten Klasse – und über eine Ethik, die ihnen jede Brutalität erlaubt: der Nationalismus die schließlich zu erreichende nationale Einheit, der Kommunismus die Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung. Die Kirche dieser Quasireligionen ist der Staat; diese Quasireligionen bilden nur so lange ein Sammelbecken der Opposition, wie nicht die Macht ergriffen werden konnte.
Angesichts dieser Situation kam sogar die These auf, es sei geradezu das Fehlen einer religiösen Ethik, das verantwortlich sei für das kriegerische und staatsterroristische Morden. Die These fußt auf Geschichtsvergessenheit. Aber sie ist sowieso hinfällig mit der Rückkehr des religiösen Wahns in der arabischen Welt. Dort hat Ende des 20. Jahrhunderts ein nahtloser Übergang von der Quasireligion des Kommunismus zum Islamismus stattgefunden. Zeitlich festzumachen ist der Übergang an der erfolgreichen Installierung der Islamischen Republik in Persien und der Verwandlung Persiens in Iran sowie personell an der Person von Saddam Hussein, dessen Diktatur im Irak als sozialistische startete, bis er dann schließlich sich als großer Retter des sunnitischen Islam inszenierte. Beim Islamismus wird von einer Politisierung der Religion gesprochen, als sei die Religion nicht schon seit tausenden Jahren eminent politisch gewesen.
Eins machen die säkularen Quasireligionen ganz deutlich: Nicht die Religionen an und für sich stellen das Problem dar, sondern die Interessen der Herrschenden an einer sie und ihre herrschende Brutalität legitimierenden Ideologie. Und bei allem Leid, das herrschende Religionen und Quasireligionen über die Menschen gebracht haben, war eine oppositionelle Religion oft eine Quelle von Trost.
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