27. Februar 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 17 Beschneidung: Kollektive Traumatisierung

Die Perversität des Gehorsams 3

von Stefan Blankertz drucken

Andrea Mantegna: Die Beschneidung von Jesus, 1440
Bildquelle: The Yorck Project Andrea Mantegna: Die Beschneidung von Jesus, 1440

Beschneidung ist ein perfektes Beispiel für das Ineinandergreifen von kulturell-sozialen und religiösen Aspekten. Entstanden aus Initiationsriten, hat der Brauch sich im Gewand der Religion bis heute erhalten. Die schamlose Verletzung der körperlichen Unversehrtheit durch das Kollektiv ist ein unaustilgbares Brandmal: Du gehörst uns, nicht dir! Beschneidungen in unterschiedlichsten Formen der Invasivität sind bei indigenen Völkern Afrikas, Asiens und Australiens bekannt.

Doch bevor ich fortfahre, gleich zu Beginn der Disclaimer: Kritik an der Beschneidung bedeutet nicht die Forderung nach Verbot. Sogar im Falle der verglichen mit der Knabenbeschneidung (Zirkumzision) brutaleren Genitalverstümmelung von Frauen hat sich gezeigt, dass Verbote wie jede Prohibition verkehrte Effekte hervorbringen: Der Vorgang geht in den Untergrund und wird dort mit noch weniger Nachsicht, noch weniger medizinischer und hygienischer Umsicht durchgeführt und gefährdet die Opfer doppelt. Überdies ist von der religiösen Diskussion abzutrennen diejenige um die vorbeugende Beschneidung aus hygienischen (aber nicht individuell medizinisch indizierten) Gründen, wie sie vor allem in Nordamerika verbreitet ist. Sie gilt allerdings nur für die Zirkumzision (Knabenbeschneidung). Für die Genitalverstümmelung von Frauen gibt es keinerlei Rechtfertigung.

Nach der Interpretation Sigmund Freuds wirkt die Beschneidung als Drohung mit Kastration angesichts von Ungehorsam gegen das Kollektiv, gegen den Stammvater, gegen Gott. Beschneidung ist eine für die Durchsetzung des Inzestverbots geeignete flankierende Maßnahme. Im Lichte neuerer Bindungstheorien besteht die Traumatisierung darin, dass dem Jugendlichen (oder Kind) Schmerz zugefügt und dass in seinem Intimbereich die körperliche Unversehrtheit verletzt wird, ohne dass die primären Bezugspersonen Schutz bieten. Im Gegenteil, sie unterstützen den Vorgang, sie feiern ihn. Die Fixierung junger muslimischer Männer auf Messer leuchtet psychoanalytisch gesehen ein. Im Koran wird die Beschneidung übrigens nicht gefordert, nicht einmal erwähnt. Was nicht daran hindert, sie als integralen Bestandteil der islamischen Religion zu betrachten.

Dass im Judentum das Initiationsritual, das den Übergang vom Kind zum erwachsenen Vollmitglied im Stamm markiert, in die Zeit unmittelbar nach der Geburt gerückt wurde, ist durchaus folgerichtig. Die erste bildliche Darstellung einer Knabenbeschneidung stammt aus dem Alten Ägypten; allerdings galt sie vermutlich nicht für alle Ägypter, sondern nur für die politische und religiöse Führungsschicht. Wenn Moses ein Ägypter war, was wahrscheinlich ist, brachte er das Ritual mit und verwandte es als Initiation seiner Führerschaft über die Juden. Jeder neugeborene Mann sollte unmittelbar und unwiederbringlich als Mitglied des Stammes gezeichnet sein. Moses hatte als Priester des ägyptischen Sonnengottes, mit dem der Pharao Echnaton den Monotheismus begründen wollte, erlebt, dass die gezwungenen Gläubigen abfielen, nachdem Echnaton starb. Die Beschneidung nach der Geburt markierte nun, dass es kein Entrinnen mehr geben sollte. Moses wollte jedem Abfall vorbeugen. Diese Interpretation widerspricht freilich der biblischen Erzählung, da Gottes Beschneidungsgebot anlässlich des Bundes mit Abraham erging (Genesis 17:12), also vor dem Auftauchen von Moses. Die Faktizität und vor allem die Chronologie der biblischen Erzählung stellen sicherlich ein Problem eigener Art dar. Unabhängig hiervon bleibt die religiöse Funktion der Knabenbeschneidung bestehen: Aus einem gesellschaftlichen Initiationsritus, der den Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter markiert, wird ein Zeichen religiöser Zugehörigkeit, das irreversibel ist und zu lebenslanger Unterwerfung unter einen strafenden Gott verpflichtet.

An die Beschneidung unmittelbar nach der Geburt gibt es keine manifeste Erinnerung. Psychoanalytisch gesehen kann dennoch eine Traumatisierung stattfinden: Sie ist im Körperbewusstsein gespeichert und als solche unzugänglich, aber gleichwohl wirksam. Dies lässt sich möglicherweise handfest empirisch nachweisen. Eine Studie einer internationalen Forschergruppe verglich 2020 unmittelbar nach der Geburt beschnittene Männer (n > 400) mit unbeschnittenen Männern (n > 200) und fand bei den beschnittenen Männern ein geringeres Gefühl von Sicherheit in sozialen Bindungen und eine geringere emotionale Stabilität gegenüber der Vergleichsgruppe. Die Stichproben stammen aus der US-amerikanischen Bevölkerung. Dies bestätigt eine ältere Studie aus dem Jahr 1999, die das Thema nach eigenem Bekunden erstmalig untersuchte, allerdings von einem Aktivisten einer Organisation durchgeführt wurde, die sich gegen Beschneidung einsetzt, und insofern als befangen abgetan werden konnte.

Bis heute tobt ein Streit darum, ob die Zirkumzision (Knabenbeschneidung) einen lustsenkenden oder luststeigernden Effekt ausübe. Der mittelalterliche jüdische Philosoph Maimonides begründete die Beschneidung damit, sie würde die sexuelle Lust auf ein vernünftiges Maß senken. Nach dem Vorbild des islamischen Philosophen Ibn Sina (Avicenna), der den Islam allein aus der Vernunft zu begründen versuchte, unternahm Maimonides das Gleiche für das Judentum. (Thomas von Aquin eiferte später Avicenna und Maimonides nach.) Dagegen sagten Antisemiten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert der (Knaben-) Beschneidung eine luststeigernde Wirkung oder zumindest Absicht nach. Für die weibliche Genitalverstümmelung ist es allerdings zweifellos der patriarchalische Wunsch, die Sexualität der Frau zu beschneiden und zu beherrschen, der diesen Ritus befeuert. In Schwarzafrika und in Teilen Asiens wird die weibliche Genitalverstümmelung im Rahmen von islamisch geprägten Gesellschaften weiterhin praktiziert, obwohl der Ritus in Schwarzafrika aus vorislamischer Zeit stammt und ebenso wie die Knabenbeschneidung im Koran nicht gefordert, gar nicht erwähnt wird. In asiatischen dharmischen Religionen sind weder weibliche Genitalverstümmelung noch Knabenbeschneidung üblich gewesen; diese Riten haben in Asien mit dem invasiven Islam Einzug gehalten. Schätzungen gehen von 200 Millionen Frauen aus, die betroffen sind.

Auf den Apostel Paulus geht zurück, dass für Christen keine fleischliche Beschneidung vorgesehen ist. Dies war die Vorbedingung dafür, dass das Christentum sich über die primäre Zielgruppe der Juden hinaus im römischen Reich ausbreiten konnte. Das Judentum genoss als sittenstrenger Widerpart zur Dekadenz der römischen Kaiserzeit ein hohes Ansehen. Gegen die Möglichkeit der Konversion zum Judentum standen die restriktive Praxis der Juden, nicht als Juden geborene Personen aufzunehmen, und darüber hinaus bei Männern vor allem die geforderte Beschneidung. Diese stellte nicht nur eine gesundheitliche Gefährdung dar, sondern unter Griechen und Römern galt die entblößte Eichel (im Gegensatz zur schlichten Nacktheit) als obszön und entwürdigend. Dem wollte man sich nicht aussetzen. Paulus nun bot jenem Milieu der hellenistischen Bewunderer des Judentums an, dass sie der Dekadenz entkommen konnten, ohne sich beschneiden lassen zu müssen. Das war ein nachgerade genialer PR-Schachzug.

Dennoch verblieb Paulus im Gedankenkreis der Beschneidung. Anstelle der äußerlichen Beschneidung des Fleisches forderte Paulus die „inwendige Beschneidung des Herzens, die im Geist geschieht“ (Römer 2:29). Christus „hat den Schuldbrief getilgt“ (Kolosser 2:14). Den Schuldbrief trägt der Mensch seit dem Sündenfall mit sich, als er ungehorsam von dem Baum der Erkenntnis aß. Die Tilgung dieses Schuldbriefs erfolgt mit einer Beschneidung am Geist (statt am Fleisch) und zwar durch die Taufe. Die körperliche Integrität bleibt gewahrt, dafür greift der Glaube nun direkt ins Denken ein, beschneidet es. Die externalisierte Brutalität wird internalisiert, vergeistigt. Die Perversität des Gehorsams bleibt gewahrt. Beschneidung heißt Beschränkung. Der Mensch soll nicht sein, was er sein könnte. Sein Lebensausdruck wird beschnitten, beschränkt im Namen des Kollektivs oder, als Projektion, eines herrschenden Gottes.

Beschneidung, egal in welchem Alter, egal an welchem Geschlecht, egal ob real-fleischlich oder vergeistigt indirekt, ist ein Ritual, das jenen Religionen angemessen ist, die Abfall mit dem Tod bestrafen; oder die dies zumindest weiterhin wollen würden, obwohl die Gesellschaft inzwischen das Stadium der Aufklärung erreicht hat, in welchem eine solche Bestrafung nicht mehr akzeptabel ist. Die Zugehörigkeit zur Religion ist keine Entscheidung des Individuums, es wird als Eigentum der religiösen Struktur geboren. Wenn es sich dagegen wehrt, wird es entweder fleischlich getötet oder wenigstens verflucht und verdammt. Die abrahamitischen Religionen sind nicht in der Lage, aus sich selbst heraus sich selbst in ihrem Herrschaftsanspruch über das Individuum zu beschneiden. Sie müssen dazu gezwungen werden: Ihr dürft glauben, was ihr wollt. Aber ihr müsst jeden in Frieden lassen, der sich euch entzieht. Im biblischen Bild: Ihr habt zu ertragen, dass andere ums Goldene Kalb tanzen. Ihr dürft sie nicht umbringen. Das Umbringen kann nicht Teil eurer freien Religionsausübung sein. Basta.


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