24. Februar 2026 18:00

Film Daddio – Eine Nacht in New York, ein unbekanntes Meisterwerk

Ein intensiver Film über echte Begegnungen

von Sascha Blöcker drucken

Daddio
Bildquelle: Eigenes Bild Daddio

Daddio – Eine Nacht in New York, ein unbekanntes Meisterwerk

2:29 Uhr, ich bin um Mitternacht aufgewacht. Ich schlafe derzeit nicht gut, außerdem plagt mich ein kleiner Hunger. Ich bereite mir also eine Schale Haferflocken mit Zimt, Honig und Rosinen zu und schalte Amazon Prime Video ein. Eine große Auswahl und die quälende Frage: Gehe ich auf Nummer sicher und mache mir einen Klassiker aus den Eighties an oder versuche ich mal etwas Neues? Ich entschied mich für den zweiten Weg, der offengestanden sehr häufig enttäuscht, aber der auch ab und zu, so wie heute, eine Perle bereithält. Daddio – Eine Nacht in New York fiel mir nun schon zum zweiten Mal ins Auge. Bei unserer ersten Begegnung entschied ich mich gegen ihn, denn: Er ist von 2024, er ist mit Sean Penn und der Trailer schafft es nicht, ihn in den ersten Sekunden gut zu vermarkten. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin überzeugt von Sean Penn, aber seine comichafte Darstellung eines konservativen Militärs in „One Battle After Another“ hat schon ein paar Zweifel in mir geweckt. Alles in allem bleibt seine Darstellung insgesamt aber grandios und auch wenn er sehr links ist, bleibt er irgendwie cool. Dieses Mal entschied ich mich für „Daddio – Eine Nacht in New York“ und zwar wegen Sean Penns großartiger Leistungen in der Vergangenheit. Ich wurde für diese Entscheidung reichlich belohnt, denn einen so starken, tiefen und nachdenklichen Film habe ich seit Jahren nicht gesehen. Ich bin wirklich berührt, nachdenklich und fasziniert und ja, ich habe es hier schon öfter geschrieben, aber ich schreibe es gerne wieder. Film lebt und kann immer noch klug, sympathisch und geerdet sein. 101 Minuten ohne CGI und ohne KI verstreichen wie im Flug. Der Film nimmt uns auf eine Reise mit, die eigentlich egal ist, denn das, was zählt, spielt sich auf einer ganz anderen Ebene ab und charmanterweise in dem schlichten Inneren eines normalen New-Yorker Taxis.

Das freie Gespräch als letzter Luxus

New York bei Nacht, ein Yellow Cab, zwei Fremde, 101 Minuten lang nur Worte. Kein Superheld, keine Explosion, kein Algorithmus, der euch sagt, was ihr fühlen sollt. Einfach zwei Menschen, die reden – richtig reden. In einer Zeit, in der die meisten „Gespräche“ aus Emojis und halb gelesenen Chat-Nachrichten bestehen, fühlt sich „Daddio – Eine Nacht in New York“ an wie ein Akt der Rebellion. Und genau deshalb gehört er in diese Reihe: weil er zeigt, was Popkultur kann, wenn sie sich traut, frei zu sein. Christy Hall, die das Drehbuch schrieb, Regie führte und mitproduzierte, hat ihren ersten Spielfilm nicht im Studio-Blockbuster-Format gedreht, sondern als radikales Kammerspiel. Ursprünglich als Bühnenstück konzipiert, landete das Skript 2017 auf der Black List der besten unproduzierten Drehbücher. Daisy Ridley sollte mal die Hauptrolle spielen, dann kam Dakota Johnson ins Boot – und brachte Sean Penn mit. Gedreht wurde im Dezember 2022 in nur 16 Tagen. Der größte Teil davon auf einem Soundstage in Jersey City: ein echter Taxi-Innenraum auf einem Podest, drumherum riesige LED-Wände, die in Echtzeit die nächtliche Fahrt durch Manhattan, Queens und den Midtown-Tunnel simulieren. Virtual-Production-Technik, wie sie beim „Mandalorian“ für Weltraumschlachten benutzt wurde – hier für ein Indie-Drama mit 10-Millionen-Budget. Das ist clever. Und es ist befreiend. Kein nächtliches Drehen in der echten Stadt mit Genehmigungen, Absperrungen und genervten Taxifahrern. Stattdessen totale Kontrolle über Licht, Regen, Ampeln und den Blick aus dem Fenster. Die Kamera von Phedon Papamichael („Nebraska“, „The Descendants“) nutzt das aus: extreme Close-ups, Spiegelungen im Rückspiegel, Lichter der Stadt, die über die Gesichter tanzen. Das Taxi wird zur Bühne, zum Beichtstuhl, zur Therapiecouch und zum Boxring zugleich. Weniger Kulisse, mehr Freiheit für das, was wirklich zählt: die Menschen und ihre Geschichten. Als ich ihn sah, war ich nicht sicher, ob man wirklich in der Stadt gedreht hat. Was mir aber schnell klar wurde, war, dass selbst in den Momenten, in denen der Film uns Zeit gibt, das Gehörte zu verdauen, einzuordnen oder selbst zu bewerten, das Schauspiel nicht nur von den Darstellern kommt, sondern auch vom Licht. New York, die Stadt, die niemals schläft, ist ein stummer Charakter in diesem Film.

Die Emotion:

Wer „Daddio“ sieht, steigt nicht einfach ein – er wird mitgenommen. Die ersten Minuten sind noch harmlos: Smalltalk, ein bisschen Flirt, das übliche „Woher kommst du, wohin willst du?“. Dann kippt es. Langsam, unaufhaltsam. Plötzlich redet man über Väter, über Affären, über die Frage, warum Männer immer „testen“ und Frauen immer „antworten“. Über Einsamkeit mitten in der Millionenstadt. Über das, was wir uns selbst und anderen vormachen. Die Emotionen kommen nicht mit Geigen und Slow-Motion. Sie kommen durch Schweigen. Durch ein Lächeln, das plötzlich bricht. Durch einen Blick in den Rückspiegel, der länger anhält, als er sollte. Man lacht laut – und zwei Sätze später ist einem mulmig. Die Kamera bleibt gnadenlos nah. Man sieht jede Falte in Sean Penns Gesicht, jedes Zucken in Dakota Johnsons Augenwinkeln. Das ist kein Film, den man „konsumiert“. Das ist ein Film, den man sich ansieht. Und manchmal fühlt man sich ertappt. Am Ende des Rides ist man emotional erschöpft – im besten Sinne. Wie nach einem wirklich guten, langen Gespräch mit einem Fremden, von dem man weiß, dass man ihn nie wiedersehen wird. Und genau das macht „Daddio“ so besonders: Er erinnert uns daran, wie intensiv echte Begegnungen sein können, wenn wir den Mut haben, nicht sofort aufs Handy zu schauen. Das ist auch das erste, das er uns sagt. Schaue nicht auf dein Handy, aber er sagt es nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, nicht in belehrendem Ton, sondern in bewundernder Weise. Obwohl ich nach etwa sechs Minuten vergessen hatte, dass ich überhaupt ein Handy besitze, ist es gut, dass er uns am Anfang informiert. Wer diesem Film nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu geben bereit oder in der Lage ist, der sollte sich einen Film wie „The Rip“ anmachen. Denn da erklären sie dir die Geschichte vier Mal, falls du was verpasst hast, während du einen „wichtigen“ Kommentar für X verfasst hast. „Daddio – Eine Nacht in New York“ will und braucht deine Aufmerksamkeit, damit er funktioniert, und er ist jede Sekunde deiner Zeit wert.

Die Themen: Die Freiheit eines Gesprächs.

Im Kern geht es um die große, alte Frage: Wie funktionieren Männer und Frauen eigentlich? Nicht politisch korrekt verpackt, nicht woke abgefedert, sondern direkt, manchmal derb, manchmal zärtlich. Der Taxifahrer Clark (Penn) hat eine Theorie zu fast allem – und er scheut sich nicht, sie auszusprechen. Die junge Frau (Johnson), die er nur „Girlie“ nennt, kontert, provoziert, öffnet sich. Es entsteht ein Tanz aus Angriff und Verteidigung, aus Vorurteilen und plötzlichem Verstehen. Dazwischen laufen Themen mit, die 2024 schmerzhaft aktuell sind: Die Einsamkeit in der Hypervernetzung. Während Girlie ständig auf ihr Handy starrt und Nachrichten von einem verheirateten Mann bekommt, lebt Clark in einer analogeren Welt. Er beobachtet, er hört zu, er merkt sich Dinge. Das Taxi wird zum letzten Ort, an dem noch echte, unmittelbare Kommunikation stattfindet – ohne Filter, ohne Likes, ohne Cancel-Culture-Angst. Es geht um Väter und Töchter. Um Macht und Verletzlichkeit. Um die Frage, ob Ehrlichkeit immer die bessere Wahl ist. Und ja, auch um Sex – aber nicht als billigen Reiz, sondern als Teil des Menschseins, das man nicht weg-digitalisieren kann. Christy Hall schreibt keine Predigt. Sie lässt die Figuren reden, wie echte Menschen reden würden, wenn sie wüssten, dass diese Fahrt ihre einzige Chance ist. Und genau darin liegt die Freiheit: Seit ich ausgewandert bin, habe ich kaum noch Gespräche dieser Art geführt. Gespräche, die zu persönlich für den Ehepartner oder einen Freund wären. Die Art von Gesprächen, die man mit einem Barkeeper oder einem Taxifahrer führt, eben weil die Tatsache, dass wir uns nie wiedersehen, mir eine Freiheit ermöglicht, die es sonst nicht gibt. Es braucht nicht diesen schweren Panzer der Unverletzbarkeit, wenn es ein One-Night-Talk ist. Der Film traut sich, genau das zu zeigen und unangenehme Wahrheiten auszusprechen, ohne sie gleich zu bewerten. Er lässt Grauzonen zu. Er lässt uns selbst denken. In einer Popkultur, die immer öfter mit erhobenem Zeigefinger kommt, ist das ein kleines Wunder.

Das Schauspiel: zwei Titanen in einem 1,80 m² großen Universum

Ohne Dakota Johnson und Sean Penn wäre „Daddio“ wahrscheinlich nur ein interessantes Experiment gewesen. Mit ihnen wird er zum Meisterwerk. Sean Penn spielt Clark als eine Mischung aus weisem alten Bären und leichtem Chauvinisten der alten Schule – aber nie als Karikatur. Er ist warm, er ist direkt, er ist manchmal richtig unangenehm. Und doch spürt man: Der Mann hat gelebt. Jede Falte erzählt eine Geschichte. Wenn er lacht, lacht man mit. Wenn er plötzlich still wird, hält man den Atem an. Dakota Johnson ist das perfekte Gegenstück. Ihre Girlie ist klug, tough, verletzlich und sexy zugleich – ohne je in eine Schublade zu passen. Sie hält dem Blick von Penn stand, sie kontert auf Augenhöhe, sie lässt sich fallen, wenn es passt. Die Chemie zwischen den beiden ist elektrisch. Man glaubt jede Sekunde, dass diese zwei Menschen sich gerade jetzt, in diesem Taxi, wirklich kennenlernen. Die Kamera macht aus ihren Gesichtern Landschaften. Ein Hochziehen der Augenbraue, ein kurzes Zucken der Lippe, ein Blick, der drei Sekunden zu lang dauert – das reicht, um ganze Kapitel zu erzählen. Dass zwei derart große Stars bereit waren, 101 Minuten lang fast nur in einem Auto zu sitzen und zu reden, ist schon ein Statement. Dass sie es so grandios hinbekommen, ist ein Geschenk, und ich danke Gott, dass die talentbefreite Daisy Ridley diesem Film nicht zu nahe gekommen ist.

Fazit: Ein kleiner Film mit großer Wirkung

„Daddio – Eine Nacht in New York“ ist vielleicht ein perfekter Film. Ein Fazit, mit dem ich vorsichtig bin und das ich nach einmaligem Anschauen noch nicht vergeben kann. Ich möchte ihn dennoch wärmstens empfehlen, aber wem? Als ich ihn sah, war ich mir nie sicher, was das eigentliche Zielpublikum ist. Männer oder Frauen? Hand aufs Herz, ich weiß es nicht, aber ich denke, dass jeder, der ehrlich und vielleicht nicht ganz dumm ist, in diesem Film die Taxifahrt seines Lebens haben wird. Seht ihn euch an, und besonders bei den Damen unter meinen Lesern würde ich mich über einen Kommentar nach der Sichtung des Films freuen.

Quellen:

Amazon.de: Günstige Preise für Elektronik & Foto, Filme, Musik, Bücher, Games, Spielzeug & mehr


Sie schätzen diesen Artikel? Die Freiheitsfunken sollen auch in Zukunft frei zugänglich erscheinen und immer heller und breiter sprühen. Die Sichtbarkeit ohne Bezahlschranken ist uns wichtig. Deshalb sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen. Freiheit gibt es nicht geschenkt. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit.

PayPal Überweisung Bitcoin und Monero


Kennen Sie schon unseren Newsletter? Hier geht es zur Anmeldung.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.

Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.