Film: The Long Walk – Todesmarsch
Stephen Kings Roman wird zum packenden Dystopie-Thriller
The Long Walk – Todesmarsch
Stephen Kings Roman wird zum packenden Dystopie-Thriller
Im September 2025 kam mit The Long Walk – Todesmarsch eine der am längsten erwarteten Stephen-King-Verfilmungen in die Kinos – und sie hat die Erwartungen nicht enttäuscht. Regisseur Francis Lawrence (bekannt aus der Die Tribute von Panem-Reihe) hat aus Kings 1979 unter Pseudonym Richard Bachman veröffentlichtem Debütroman einen intensiven, psychologisch dichten Survival-Thriller gemacht, der weniger auf Spektakel als auf menschliche Attribute und Eigenheiten setzt. Der Film läuft knapp zwei Stunden, ist ab 16 Jahren freigegeben und hat weltweit über 63 Millionen Dollar eingespielt – ein solider Erfolg für ein 20-Millionen-Budget. Stephen-King-Verfilmungen sind ja in der Qualität eher durchwachsen, aber hier ist mal wieder eine gute Interpretation gelungen, wie ich finde.
Der Roman: Ein frühes Meisterwerk der Dystopie
Stephen King schrieb The Long Walk bereits Ende der 1960er-Jahre als Teenager – es war sein allererster Roman, lange bevor Carrie ihn berühmt machte. Unter dem Pseudonym Richard Bachman erschien er 1979 und gilt bis heute als eines seiner radikalsten Werke. Die Prämisse ist brutal einfach: In einer alternativen, totalitären Version der USA müssen 50 Jugendliche (je einer pro Bundesstaat) einen endlosen Marsch antreten. Wer unter 3 Meilen pro Stunde (ca. 4,8 Kilometer pro Stunde) fällt – nach drei Verwarnungen –, wird von Soldaten auf der Stelle erschossen. Der letzte Überlebende erhält ein Vermögen und einen Wunsch, den der Staat erfüllt. King brauchte keine Monster oder übernatürliche Kräfte: Die pure Erschöpfung, die Gruppendynamik und die gesellschaftliche Akzeptanz von staatlich sanktioniertem Tod reichen aus, um blanken Horror zu erzeugen. Der Roman ist ein Kommentar zu Vietnam, dem Kapitalismus und der Unterhaltungskultur. Das ist, was King sagt, aber der Film hat mit Kapitalismus und Kritik an diesem kaum bis gar nichts zu tun. Was wohl einer der Gründe dafür ist, dass er mir gefallen hat.
Handlung (spoilerfrei)
In einem postapokalyptischen, verarmten Amerika der 1970er-Jahre wird der „Long Walk“ als jährliches Spektakel im Fernsehen übertragen. Die Teilnehmer melden sich freiwillig – aus Verzweiflung, Ruhmsucht oder um ihre Familien zu retten. Die Regeln sind gnadenlos: Geht weiter. Bleibt über 3 Meilen pro Stunde. Drei Verwarnungen = Tod. Es gibt keine Pausen, kein Schlafen, nur Wasser und Rationen. Die Kamera folgt den Jungen auf einer scheinbar endlosen Straße, während die Gruppe schrumpft und die psychischen Belastungen wachsen. Der Film konzentriert sich auf die Beziehungen: Freundschaften, Rivalitäten, Verrat und unerwartete Solidarität. Es geht nicht primär um Action, sondern um die langsame Zermürbung von Körper und Geist.
Produktion: Eine lange Reise zum Ziel
Die Verfilmung hatte eine jahrzehntelange Hölle hinter sich: George A. Romero, Frank Darabont und André Øvredal waren zeitweise im Gespräch. 2023 übernahm Francis Lawrence das Projekt bei Lionsgate, JT Mollner schrieb das Drehbuch. Die Dreharbeiten starteten im Juli 2024 in Winnipeg und wurden chronologisch gedreht – ein logistischer Albtraum, der den Schauspielern echte Erschöpfung abverlangte. Cooper Hoffman (Sohn von Philip Seymour Hoffman) soll angeblich fast 400 Meilen gelaufen sein. Die Besetzung ist hochkarätig: Mark Hamill als charismatischer, aber eiskalter „Major“, Judy Greer als Rays Mutter und eine junge Garde talentierter Darsteller.
Schauspielleistungen: Das Herz des Films
Der Film lebt von seinen Darstellern. Cooper Hoffman als Raymond Garraty (# 47) ist der emotionale Anker – verletzlich, entschlossen und zunehmend gebrochen. David Jonsson als Peter McVries (# 23) stiehlt fast jede Szene: charismatisch, witzig und zutiefst menschlich. Ihre Chemie macht den Film zu einem Drama über Brüderlichkeit inmitten des Grauens. Charlie Plummer als der provokante Barkovitch, Ben Wang als der derbe Hank Olson und Garrett Wareing als der rätselhafte Stebbins runden die Gruppe ab. Mark Hamill als Major ist eine ikonische Präsenz – autoritär und fast schon väterlich bedrohlich. Die Kritiker sind sich einig: Die jungen Schauspieler tragen den Film auf ihren Schultern.
Inszenierung, Themen und Atmosphäre
Francis Lawrence gelingt das Kunststück, einen Film über stundenlanges Laufen spannend und beklemmend zu machen. Die Kamera bleibt nah bei den Jungen, die Landschaft ist karg und schön zugleich (Cinematografie von Jo Willems). Die Gewaltszenen sind brutal und direkt – kein Schnitt weg, kein Glorifizieren. Die 1970er-Ästhetik verstärkt das Gefühl von Authentizität: verrostete Autos am Straßenrand, ärmliche Zuschauermengen, ein verfallenes Amerika. Thematisch bleibt der Film King treu: Kritik an einer Gesellschaft, die Leid als Unterhaltung konsumiert, an Armut, die junge Menschen in den Tod treibt, und an der Frage, wie weit Freundschaft und Menschlichkeit in Extremsituationen reichen. Es ist kein Horror, sondern ein psychologisches Drama mit dystopischen Elementen – vergleichbar mit Die Verurteilten oder The Green Mile.
Kritiken und Erfolg
Auf Rotten Tomatoes liegt der Film bei 88 Prozent (Kritiker) und 85 Prozent (Publikum) – ein starker Wert für eine King-Adaption. Die Rezensenten loben die schauspielerischen Leistungen, die emotionale Tiefe und die beklemmende Atmosphäre. Manche kritisieren leichte Längen oder das Worldbuilding, doch die Mehrheit findet: Der Film funktioniert genau wegen seiner Reduktion auf das Wesentliche. In Deutschland kam er am 11. September 2025 in die Kinos und wurde als „intensiv, verstörend und bewegend“ gefeiert. Viele Zuschauer berichten, dass sie den Film nicht mehr aus dem Kopf bekommen – ein klassisches King-Gefühl.
Fazit
Ich muss noch einmal in ein tieferes Schwärmen kommen, da ich mich stets bemühe, die ersten Absätze sachlich zu halten. Das Schauspiel ist fantastisch, die Atmosphäre ist spürbar, was aber am wichtigsten ist: Der Film konzentriert sich auf Menschen und deren Beziehung und nicht auf den Wettbewerb per se. Der Gedanke, dass sich Freundschaften entwickeln, obwohl alle wissen, dass nur einer überleben wird, ist so spannend und mitreißend. Die Charaktere erobern uns bereits früh im Film, und weil sie das tun, bangen wir um sie. Wir wollen nicht, dass einer von ihnen gehen muss, aber wir wissen, es wird passieren. Auch interessant ist, dass ich nicht weiß, ob mir das Ende gefällt oder ob es hätte besser sein können. The Long Walk ist eine absolute Empfehlung und gehört zu dem Besten, was 2025 in den Kinos war.
Kommentare
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