Freiheit in Filmen: Fluch der Karibik – Die Freiheit ist schwarz und heißt Pearl
Sparrow jagt kein Schiff, er jagt, was das Schiff für ihn bedeutet. Freiheit.
Werter Leser, erinnern Sie sich noch an das Jahr 2003? Die Welt war gerade dabei, sich von den Schrecken des 11. Septembers zu erholen, Hollywood pumpte Blockbuster heraus – und dann kam plötzlich ein Film daher, den eigentlich niemand wirklich erwartet hatte: ein Piratenfilm von Disney. Ein Film basierend auf einer Achterbahn. Piraten waren damals tot. Totgesagt. Kinderkram aus den 50ern. Und doch wurde Fluch der Karibik (Original: Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl) ein riesiger, unerwarteter Erfolg. Warum? Weil er etwas tat, das heute viel zu selten vorkommt: Er feierte die Freiheit. Nicht die verordnete, politisch korrekte, therapierte Freiheit von heute, sondern die wilde, chaotische, egoistische, aber zutiefst menschliche Freiheit des Individuums, das sich keine Ketten anlegen lässt – weder vom Staat noch vom Schicksal noch vom eigenen Gold. Pirates of the Caribbean hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert und ist für mich bis heute die letzte wirklich gute Idee aus dem Hause Disney. Die Siebziger und Achtziger haben mit Indiana Jones, Jurassic Park, Terminator, Rambo, Rocky und vielen mehr manigfaltige Franchises hervorgebracht. Meine Generation hat nur Fast & Furious und Pirates of the Caribbean. Ich liebe dieses Franchise von ganzem Herzen.
Handlung
In Port Royal, dem musterhaften und britischen Außenposten in der Karibik, leben die Menschen in geordneten Verhältnissen unter der Krone. Elizabeth Swann, Tochter des Gouverneurs, träumt von Abenteuern. Der junge Schmied Will Turner träumt von ihr. Und dann taucht er auf: Captain Jack Sparrow. Betrunken, dreckig und chaotisch. Mit einem winzigen Boot, das eher ein Ruderboot als ein Schiff ist, segelt er in den Hafen ein – als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, mit einem sinkenden Boot irgendwo anzukommen. Hier muss ich die Handlung einmal unterbrechen, um die Genialität dieser Szenerie zu unterstreichen. Wir sehen ihn von hinten auf einem Mast stehen, der Blick geht Richtung Horizont, die Musik „Das legendäre Main Theme“ unterstreicht gleichermaßen Abenteuer, Spannung und Freiheit. Seine Garderobe unterstreicht dies auch. Nun sehen wir Jack Sparrow von vorne. Der Blick entschlossen und zielgerichtet, aber voll der Träume. Kurz darauf muss er den Mast verlassen, um Wasser aus seinem Boot zu schöpfen. Die Körpersprache sowie der absurde Kontrast zwischen dem ersten Eindruck und dieser doch etwas demütigenden Lage haben uns jetzt, ohne dass er auch nur ein Wort gesprochen hat, bereits mehr über die Figur Captain Jack Sparrow verraten, als wir in vielen modernen Filmen in 90 oder 120 Minuten über Charaktere erzählt bekommen. Für mich eine der besten Charaktereinführungen der gesamten Hollywoodgeschichte. Kurz darauf greift die Black Pearl an, ein Geisterschiff unter Captain Barbossa. Elizabeth wird entführt. Will schließt sich mit dem verhassten, aber notwendigen Jack Sparrow zusammen, um sie zu retten. Was folgt, ist eine wilde Jagd, gespickt mit Duellen, Verrat, einem Fluch der Azteken und einer Crew, die bei Mondlicht zu lebenden Skeletten wird. Am Ende geht es nicht nur um Gold, ein Schiff oder ein Mädchen. Es geht um die Frage: Was ist ein Leben wert, wenn man unsterblich, aber nie wieder frei ist? Diese Frage macht den Film so interessant, denn für Captain Jack Sparrow ist sein Schiff, die Black Pearl, der Inbegriff von Freiheit, natürlich kombiniert mit seinem Verständnis vom Piratenleben. Für Captain Barbossa ist die Pearl nur Beute, die sich eignet, weitere Beute zu machen.
Die Charaktere
An erster Stelle natürlich Captain Jack Sparrow. Johnny Depp spielt ihn als chaotischen, genialen Individualisten, der nach keinem Kodex außer seinem eigenen lebt. Jack ist kein Held im klassischen Sinne. Er ist opportunistisch und gibt sich alle Mühe, unterschätzt zu werden. Und genau deshalb lieben wir ihn. Er verkörpert die pure Freiheit des Individuums: „Nimm, was du kriegen kannst, und gib nichts, was du nicht musst.“ Er hasst Ketten – im wahrsten Sinne des Wortes. Immer wieder wird er gefesselt, eingesperrt, fast gehängt. Und immer wieder entkommt er. Weil Freiheit für ihn kein abstraktes Ideal ist, sondern eine tägliche Praxis.
Will Turner ist das Gegenstück: der ehrenhafte, fleißige Handwerker, der an Liebe, Loyalität und staatliche Form von Gerechtigkeit glaubt. Er repräsentiert die in vielen Menschen stattfindende und von einem selbst initiierte unterdrückte Freiheit, die durch externe Erwartungshaltung und Einflussnahme entsteht. Es zeigt sich in seinem Beruf, in dem seine Arbeit seinem Chef zugeschrieben wird, aber es zeigt sich auch darin, dass er niemals das Mädchen, welches er liebt, für sich gewinnen kann, da an beide ganz andere Erwartungen gestellt werden. Elizabeth Swann bricht aus ihrer Rolle als wohlerzogene Gouverneurstochter aus. Sie will kein Leben in Korsett und Konventionen. Sie will das Abenteuer. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wer sie sein will. Und Barbossa? Er ist die tragische Warnung. Er und seine Crew haben das Aztekengold gestohlen und den Fluch auf sich geladen: unsterblich, aber für immer hungrig, durstig und unfähig, irgendetwas wirklich zu genießen. Sie haben Reichtum, aber keine Freiheit mehr. Der Fluch des Goldes ist letztlich der Fluch der Gier – der Verlust der Fähigkeit, das Leben wirklich zu leben. Eine wunderbare Metapher, die tiefer geht, als man auf den ersten Blick denkt. Die britische Marine unter Commodore Norrington steht für die geordnete, hierarchische, staatliche Autorität. Korrekte Uniformen, korrekte Manieren, korrekte Befehle. Sie repräsentiert Sicherheit und Ordnung – aber auch die Enge, die echte Abenteurer und Freigeister erstickt. Sie sind langweilig. Sie sind das, was du erhältst, wenn du Freiheit gegen Sicherheit tauschst.
Der Film feiert die hohe See als Ort der Freiheit.
Auf dem Meer gelten andere Regeln. Hier zählt nicht dein Titel, nicht dein Stand, nicht einmal unbedingt dein Geld – sondern dein Witz, dein Mut, dein Schiff und deine Crew. Die Piraten der Karibik sind romantisch verklärt, klar. Historisch waren sie oft brutale Plünderer. Aber der Mythos, den der Film bedient, ist uralt und kraftvoll: Der Freibeuter als letzter echter Individualist in einer Welt zunehmender Kontrolle durch Imperien und Bürokratien. Sie sind die Cowboys der Meere und zeigen auf überraschend gute Weise, wie man sich untereinander organisieren kann und das ganz ohne Staat und Zwang.
Meisterwerk
Gore Verbinski hat das mit großem handwerklichem Können inszeniert. Praktische Effekte, wo heute CGI regiert. Die Skelettkrieger bei Mondlicht sind bis heute beeindruckend. Die Kämpfe haben Gewicht. Die Chemie zwischen Depp, Bloom und Knightley funktioniert. Und die Musik – Hans Zimmer mit einem Hauch von Karibik und Piratenromantik – trägt den Film. Es fühlt sich echt an. Gefährlich. Lebendig. Und ja, man muss es leider sagen: Die späteren Teile wurden schlechter. Genau aus den Gründen, die wir in der Popkultur heute überall beobachten. Größer, teurer, mehr CGI, mehr Handlungsstränge, mehr versucht, das Publikum mit Spektakel zu erschlagen statt mit Charakteren und Geschichte. Der pure, anarchische Charme des ersten Films verflüchtigte sich zunehmend. Auch hier zeigt sich: Wenn der Fluch des „immer mehr“ über einen Film kommt, leidet die Freiheit der Erzählung. Nur Captain Jack Sparrow bleibt bis einschließlich Teil 4 so, wie man ihn liebt.
Fazit
Fluch der Karibik war 2003 ein Statement für die Freiheit der Popkultur. Ein Film, der sich traute, lustig, abenteuerlich, romantisch und ein bisschen verrückt zu sein – ohne sich ständig selbst zu erklären oder zu entschuldigen. Er behandelt das Publikum wie Erwachsene, die Spaß verstehen und gleichzeitig eine gute Geschichte mit Tiefgang zu schätzen wissen. Ich schäme mich nicht, ihn mit den ganz Großen genannt zu haben. Denn er ist einer von ihnen. Mit seinen 23 Jahren ist er bereits ein Klassiker. Fluch der Karibik vertritt meine Vorstellung von Libertarismus. Ich bin kein Unternehmer, Investor, Intellektueller oder Wohlhabender. Ich stehe einfach nur auf einem Mast und hoffe, am Horizont die Freiheit zu finden.
Kommentare
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