04. April 2026 21:00

Zukunft und Resilienz Madame Sophia sieht schwarz (und ein bisschen klarer)

Die Zeit der Resilienz beginnt

von Anne-Sophie Chrobok drucken

Zukunft: Wandel und Widerstandskraft
Bildquelle: e-Redaktion Zukunft: Wandel und Widerstandskraft

Willkommen, lieber Leser, bei „Madame Sophia“, der geschätzten Wahrsagerin Ihres Vertrauens, die heute mit Ihnen ein wenig in die rosige Zukunft blicken wird.

Extra für Sie habe ich meine Wahrsagerkugel angeschmissen, die Tarotkarten befragt, Horoskope interpretiert und bin mit der Wünschelrute durch den Wald gestapft. Und was soll ich sagen: Saturn steht in Konjunktion mit Neptun im Widder. Die Turm-Karte fiel andauernd. Und … ach, vergessen Sie den ganzen Mist. Ich habe von diesem esoterischen Kram keine Ahnung.

Trotzdem möchte ich mit Ihnen einen kleinen Blick in die Zukunft wagen. Warum? Nun, erstens, weil es Spaß macht. Und ich bin immer für einen guten mentalen Spaß zu haben. Zweitens, weil ich mir später bei allem, womit ich Recht behalten sollte, genüsslich auf die Schulter klopfe und sagen kann: „Ich habe es doch gesagt!“ Dabei werde ich mich kurz für ein Medium halten. Bei allem, was sich als kompletter Unsinn herausstellt, vereinbaren wir einfach kollektives Vergessen.

Und drittens, weil es zutiefst menschlich ist, sich mit der Zukunft zu beschäftigen. Wir lieben sie. Wir brauchen sie. Sowohl die Utopien als auch die Dystopien. Sie schmecken nach einer anderen Welt. Und in Zeiten des Wandels schmeckt man sie nicht nur. Man riecht sie. Man fühlt sie. Man ist auf seltsame Weise bereits mit ihnen verbunden.

Also reisen wir ein wenig in die Zukunft – leider nicht in einem DeLorean.

Zunächst wird ein Umschwung stattfinden: von „Effizienz“ zu „Resilienz“.

Ja, ich weiß. Das ist erst einmal ein Hammer. Und ich sehe Sie schon vor mir: Stirnrunzeln, Kopfschütteln, ein leises inneres „Ach, bitte nicht schon wieder so ein Buzzword“.

Aber lassen Sie mich ausführen.

Wir befinden – oder besser: befanden – uns in einer Zeit der Effizienz. Nationen, Systeme und Menschen, die besonders effizient waren, haben sich durchgesetzt. Schneller. Schlanker. Produktiver.

Selbst Bürokratie und Dekadenz können in diesem Sinne effizient sein. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Denn ich spreche hier nicht von Effektivität. Bürokratie und Dekadenz verfolgen oft kein sinnvolles Ziel – und gerade deshalb zeigt ihre aufgeblähte Perfektion etwas anderes: ihre eigene, perverse Effizienz. Sie funktionieren. Nur eben ins Leere. Und dass Nationen und Unternehmen, die effizient wirtschafteten, über lange Zeit Erfolg hatten – darüber müssen wir nicht viele Worte verlieren. Aber willkommen in der neuen Zeit.

Denn darum wird es nicht mehr gehen.

Die entscheidende Frage wird nicht mehr sein: Wie schnell? Wie viel? Wie optimiert? Sondern: Wie belastbar bin ich? Stehe ich wieder auf, wenn ich gefallen bin? Was trägt mich, wenn Systeme ins Wanken geraten? Ich weiß – all das war schon immer gefragt. Aber glauben Sie mir: Das sind die Qualitäten der Zukunft. Individuell. Und kollektiv.

Beispiele hierfür? Gerne.

Zunächst ist uns ja allen klar, dass durch den Israel-USA-Iran-Krieg das globale Wirtschaftssystem für die nächste Zeit in „leichte“ Schwierigkeiten geraten wird. Es geht um Öl. Um Einflusszonen. Um die CCG-Staaten. Um den Petrodollar. Und um eine Weltwirtschaft, in der Öl noch immer die Grundlage fast jeder Produktion ist. Kein Öl bedeutet: keine stabile Produktion. Keine verlässlichen Lieferketten. Keine günstige Mobilität.

Was daraus folgt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Flugreisen zum Beispiel. Drei Urlaube im Jahr. Wochenendtrips quer durch Europa. Das wird verschwinden. Nicht von heute auf morgen. Aber schleichend – und dann plötzlich. Der Otto-Normal-Verbraucher wird nicht mehr so viel fliegen. Punkt. Im besten Fall bewegen wir uns wieder auf dem Niveau der 70er Jahre. Fliegen als Ausnahme – nicht als Gewohnheit. Die Folgen für Luftfahrt und Tourismus muss man kaum ausführen. Und nein – das ist noch die Oberfläche. Ein Luxusproblem.

Denn jetzt gehen wir ins Eingemachte.

Länder, die auf den Import von Nahrungsmitteln, Wasser und Düngemitteln angewiesen sind, werden die ersten sein, die den Druck wirklich spüren. Afrika. Der Nahe Osten. Ja, auch China. Nahrung und Wasser werden wieder zu dem, was sie immer waren: zentral. Unersetzbar. Nicht verhandelbar. Besonders in Regionen, die im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut sind. Und wenn globale Handelsstrukturen ins Stocken geraten, wird Versorgung wieder zu dem, was sie immer war: eine Frage von Nähe, Zugriff – und Macht.

Erste Folge: Hunger und Durst. Zweite Folge: Zusammenbruch von Strukturen. Dritte Folge: Migrationswellen in Richtung Europa und USA. Diese Bewegungen werden kommen. Und sie werden nicht aufzuhalten sein. Außer – vielleicht – mit einer riesigen, bewachten Mauer. Eine Ironie der Geschichte.

Eine weitere Entwicklung: Mega-Städte werden Probleme bekommen. Massive Probleme. Mega-Städte, deren gesamtes Konzept auf Effizienz beruht, sind nicht resilient. Extreme Anonymisierung. Radikale Arbeitsteilung. Totale Abhängigkeit von externen Ressourcen. Was heute Stärke ist, wird in Krisen zum Boomerang. Und viele dieser Städte liegen genau in den Regionen, die besonders stark von Nahrungs- und Wassermangel betroffen sein werden.

Nun kommen wir zu Europa.

Für mich der heftigste und zugleich unsicherste Punkt: die demographische Entwicklung. Wir sind Geiseln von Strukturen der Alten. Strukturen, die weder ihre Macht noch ihr Weltbild aufgeben werden. Und damit eine junge Generation hervorbringen, die nichts mehr zu verlieren hat. Revolutionen und Bürgerkriege sind keine Fantasie mehr. Sie sind eine Möglichkeit. Vielleicht sogar eine zwangsläufige. Denn dieser Generation wird nichts angeboten. Im Gegenteil: Man verspielt ihre Zukunft. Ihre Träume. Ihre Existenz. Das wird nicht schön werden. Aber vielleicht notwendig. Mit all seinen Gefahren.

Ähnliche Tendenzen sehe ich auch in den USA. Mit einem Unterschied: Die USA werden stabiler daraus hervorgehen. Strategisch besser geschützt. Ressourcenstärker. Vermögender. Und – ja – religiöser. Sie haben richtig gelesen. Resilienz wird sich auch an Spiritualität messen lassen. Gemeinschaften, die glauben, tragen. Und werden getragen.

So, dies sind Tendenzen, die sich abzeichnen – und noch nicht einmal viel Fantasie brauchen. Werden wir nun etwas verrückter. Gehen wir zu konkreteren Prognosen.

Japan wird diese Zeit vergleichsweise gut überstehen. Trotz allem, was dagegen spricht: alternde Gesellschaft, Mega-Cities, Abhängigkeit von Energieimporten. Aber: Japan ist eine der resilientesten Gesellschaften der Welt. Disziplin. Struktur. Kollektive Verantwortung. Kein Zerfall. Kein Bürgerkrieg. Anpassung.

Die USA werden sich nach inneren Konflikten neu ordnen. Wahrscheinlich religiöser, geschlossener, stärker auf sich selbst fokussiert. Möglich, dass sich ein nordamerikanischer Block bildet. Weniger global. Aber stabiler.

Iran wird den Krieg nicht verlieren. Aber er wird einen Preis zahlen. Einen hohen. Nahrung. Wasser. Versorgung. Gleichzeitig wird die Kontrolle über die Straße von Hormus langfristig wirtschaftliche Macht sichern. Eine regionale Ordnungsmacht.

Und Israel? Ja, ich weiß. Heikles Thema. Sagen wir es so: Der Krieg wird für Israel gut ausgehen. Egal, wie er ausgeht.

Last, but not least: Europa. Der unsicherste Raum von allen.

Ein Krieg mit Russland ist wahrscheinlich. Auch als Mittel zur Stabilisierung alter Machtstrukturen. Die EU – fragil. Ein technokratischer Marxismus – möglich. Der Zerfall bestehender Ordnungen – nicht unwahrscheinlich. Und dennoch: Europa hat Ressourcen. Nahrung. Wasser. Weniger Mega-Cities. Aber auch die verkrustetste Gesellschaft. Und eine Geschichte, die sich nicht nur reimt. Sondern wiederholt.

Also bleibt nur die eigentliche Frage: Sind wir resilient? Als Gesellschaft. Als Individuen. Haben wir die Fähigkeit, durch Brüche zu gehen – ohne daran zu zerbrechen?

Ich kann es nicht beantworten. Vielleicht, weil es zu nahe ist. Vielleicht, weil ich mir die Antwort nicht eingestehen will. Aber eines ist sicher: Die Zeit der Effizienz endet. Die Zeit der Resilienz beginnt. Und diesmal werden wir nicht nur darüber lesen. Wir werden darin leben.


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