Freiheitsverkostung: Der öffentliche Bücherschrank
Die Freiheit des Zufalls und eine Chance fürs Samen setzen
von David Andres drucken
Der Frühling ist nicht mehr zu übersehen. Die Narzissen stehen in voller Blüte, der Löwenzahn leuchtet gelb aus den Wiesen und den begrünten Verkehrsinseln. Die Cafés in der Stadt sind solide besucht trotz der Wirtschaftskrise, sogar die großen Taschen der Klamottenläden hängen über der Schulter mancher junger Frau oder der ihres jungen Freundes, der die Beute wie ein Muli über das Pflaster trägt.
Ich trage einen Rucksack und lasse ihn hin und wieder über die Schulter hinabgleiten, sobald ein öffentlicher Bücherschrank in Sicht kommt. Ich stelle doppeltes hinein oder Beendetes, Werke, die ich gelesen habe, die ich schätze, aber nicht mehr unbedingt im Regal brauche. Darunter findet sich auch, was man nicht in jeder Buchhandlung findet. Libertäre Bücher. Alte Ausgaben von eigentümlich frei. Satirische Romane, die wirklich „frech“ sind und dies nicht nur behaupten. Kleine Saaten, die aufgehen werden.
Öffentliche Bücherschränke finden sich mittlerweile überall im Land, in den Fußgängerzonen großer Städte genauso wie in abgelegenen Stadtteilen, in Dörfern oder sogar mitten auf dem Land. Einmal fand ich über die App BuchschrankFinder sogar einen, den Privatleute in ihren Gartenzaun integriert hatten, fernab aller anderen Häuser, in einer grünen Hügellandschaft, allenfalls mal passiert von Wanderern und ausdauernden Radfahrern. In den Städten werden oft alte Telefonzellen genutzt. Sicher besteht die Masse aus Büchern darin aus üblichen, ehemaligen Bestsellern von Joy Fielding bis Hans G. Konsalik, doch es gibt immer etwas Besonderes zu entdecken. Schließlich bin ich nicht der Einzige, der ungewöhnliche Interessen hat. So oder so ist die Institution des offenen Bücherschrankes eine Freiheitsverkostung wert.
Grad der staatlichen Einmischung
Sehr gering. Natürlich werden die Bücherschränke irgendwann einmal von jemandem aufgestellt und oftmals handelt es sich dabei um Initiativen, Vereine oder Institutionen, die hier und da direkt mit der Kommune zusammenhängen. Weil die Schränke oftmals missbraucht werden, um ganze Haushaltsauflösungen hineinzuquetschen, kontrollieren die Initiatoren die Dinger ab und an. Meiner Erfahrung nach geht es dabei aber eher ums Ausmisten als um inhaltliche Zensur „problematischer“ oder „umstrittener“ Werke. Der öffentliche Bücherschrank bleibt auch in der Hinsicht offen, dass es nur sehr selten eine Vorkontrolle gibt. Niemand genehmigt den Inhalt. Niemand kann verhindern, dass ich an einem Samstagvormittag staatsfeindliche Gedanken einstelle und schon beim Rückweg aus der Stadt zwei Stunden später erfreut bemerke, dass jemand sie bereits mitgenommen hat, während Joy Fielding und Herr Konsalik noch auf ihre neuen Besitzer warten.
Grad der Freiwilligkeit
Nahezu perfekt. Niemand wird gezwungen, Bücher hineinzustellen. Niemand wird gezwungen, welche mitzunehmen. Es gibt keinen sozialen Druck, kein Abo, keine versteckte Verpflichtung. Wer teilnimmt, tut es aus eigener Motivation und im besten Fall aus Neugier, aus Freude und aus dem Wunsch heraus, Dinge zu teilen. In Zeiten ökonomischer Not gibt es allerdings auch die Unsitte, dass Menschen die Bücher auf Wiederverkaufswert prüfen und alles rausholen, für das man bei Ankaufsdiensten wie momox oder rebuy mehr als 15 Cent bekommt. In der Theorie ist derlei Nutzung natürlich untersagt, doch auch das kann niemand verhindern. Wer als Spender von Büchern nicht möchte, dass sie für den Wiederverkauf verwendet werden, markiert den Schmutztitel vorn im Buch einfach mit einem Stempel oder einer handschriftlichen „Widmung“, dass er es bewusst für andere in einem offenen Bücherschrank ausgesetzt hat.
Bewegungsfreiheit und Abhängigkeit
Der öffentliche Bücherschrank ist ein System ohne zentrale Steuerung. Kein Verlag entscheidet, was hineinkommt. Kein Händler bestimmt das Sortiment. Kein Algorithmus empfiehlt, was man als Nächstes lesen sollte. Vor allem Letzteres macht die Sache besonders interessant, da heutzutage ja tatsächlich alle anderen Wege, auf denen wir Bücher (und Medien aller Art) begegnen, diese Vorfilterung praktizieren. Im Durcheinander eines öffentlichen Bücherschrankes entsteht die aus den Menschen selbst, bestimmt der Zufall, welches Buch dem Menschen zufällt. Das erzeugt eine Freiheit des Geistes, weil man somit etwas liest, das einem ansonsten aus der eigenen Echokammer weggefiltert worden wäre. Die Vorstellung, dass jetzt, in diesem Augenblick, irgendwo ein braver Bürger das erste Mal im Leben eine eigentümlich frei durchblättert oder eine abgegriffene Ausgabe eines Roland Baaders aus dem Resch Verlag, erfüllt mich mit großer Freude.
Reversibilität
Maximal. Ein Buch in den öffentlichen Bücherschrank hineinzustellen, ist ein kleiner Akt, der nichts kostet außer dem Buch selbst. Man gibt es frei – und adoptiert womöglich ein anderes. Kein Kauf, keine Bindung. Wenn es einem nicht gefällt, kann man es zurückstellen oder weitergeben. Wenn man eigene wieder rausholen möchte, verbietet es auch niemand, sollten sie in der Zwischenzeit nicht in andere Hände geraten sein.
Freiheitsgrad: 89 Prozent
Der öffentliche Bücherschrank ist ein stilles Gegenmodell zu den Marktzwängen der Buchhandlungen und den politischen Zwängen der öffentlichen Bibliotheken, die wie die sozialen Netzwerke bereits mit dem „shadow banning“ von als gefährlich empfundenen Werken beginnen. Ein Ort ohne Preise, ohne Kontrolle und meistens ohne großartige Planung oder Kuratierung, wenn er einmal steht. Meistens wohlgemerkt, denn die hier und da gegebene Kuratierung durch angeschlossene Institutionen verhindert eine Freiheitswertung von über 90 Prozent. Unterm Strich bleiben die Dinger unperfekt, unübersichtlich, manchmal chaotisch – und gerade deshalb lebendig. Und für „uns“ sind sie eine perfekte Möglichkeit, freiheitliches Gedankengut in Guerilla-Manier in ein breites Publikum zu streuen.
Quellen:
BuchschrankFinder - Apps bei Google Play
eigentümlich frei - erfrischend libertär seit 1998
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