Freiheitsimpuls: Selber die Stadt sauber machen
… und damit die Politik provozieren
von David Andres drucken
Seit Jahren räumt der Mann hinter dem Kanal frankfurt.trash in Eigenregie seine geliebte Metropole auf. Von den Menschen gibt es dafür Liebe, von Politik und Medien fiesen Argwohn.
Man kennt nur seine Stimme, seine Hände und die Tatsache, dass er seit Jahren durch die Stadt zieht und aufräumt. Er entfernt Aufkleber und Graffiti, knipst Kabelbinder einstiger Werbeschilder von den Laternenpfählen und nimmt Plakate weg, die seit Wochen abgelaufen sind. An den theoretisch schönsten Plätzen Frankfurts präsentiert er die Verlotterung, auch und gerade die, die durch den Staat selbst entsteht. Baustellen, die nicht mehr bespielt, aber auch nicht abgebaut werden. Schrottfahrräder, die niemand entfernt. Grünflächen, die sich langsam in dreckige Grauflächen verwandeln. Sein Instagram-Kanal heißt frankfurt.trash und zählt 44.400 Follower nach unglaublichen 6.249 Beiträgen. Im Grunde hat er sich mit jeder Aktion gerade mal sieben neue Fans erarbeitet. Ein Wachstum, genauso langsam, mühselig und aufrichtig wie seine Fleißarbeit am Stadtbild. Hier kauft niemand künstliche Folgschaft. Ebenso wenig hat der Mann jemals eine Werbepartnerschaft mit irgendeiner Firma angenommen, nicht einmal mit denen, deren Lösungsmittel oder Material er benutzt.
Trotzdem entblödete sich die Frankfurter Rundschau kürzlich nicht, dem mysteriösen, privaten Stadtreiniger zu unterstellen, er „bereichere sich“ an seinen Followern. Der raunende Beitrag sollte den Eindruck erwecken, es handele sich um eine Art Guru, eine Art Rattenfänger der Bankenstadt, noch dazu womöglich – wie sollte es auch anders sein – um einen Rechten. Denn der Mann entferne ja auch politische Plakate. Als Beispiel nannte das Pressegeschmier ein linkes Plakat zur Demo am 1. Mai. Besonders „irritiert“ zeigte sich laut FR die lokale Klimadezernentin Tina Zapf-Rodriguez von den Grünen. „Irritiert“ sei sie „über die Darstellung einer völlig verzerrten Realität in dieser Stadt“, in der die offiziellen Reinigungskräfte sich alle Mühe gäben. Vor allem den größten Coup von frankfurt.trash zweifelte sie an, die spektakuläre Reinigung des berühmten, großen Euro-Zeichens am Willy-Brandt-Platz, mit Atemmaske und Reinigungsbürste auf einer 5-Meter-Leiter. Das könne alles gar nicht sein und sei reiner Populismus, lautet die Aussage zwischen den Zeilen, denn „25 Gebäudereinigungsazubis der Philipp-Holzmann-Schule“ hätten das Wahrzeichen „bereits am 6. Mai geputzt“ gehabt.
Der Kanalbetreiber und geheimnisvolle Batman der Sauberkeit hat sich nüchtern und souverän gewehrt. Er zählte eine Auswahl der Plakate auf, die er rein nach Ablaufdatum und nicht etwa nach politischer Präferenz entfernt, darunter Die Linke und ÖkoLinx-ARL ebenso wie die Republikaner oder die AfD. Er erwähnte als einziges Kaufangebot an seine Follower eine winzige Kugelschreiberaktion und publizierte die öffentliche Adresse der Frankfurter Rundschau, auf dass seine Fans den manipulativen Hetzern dort die Meinung geigen können.
Der Kanal frankfurt.trash hat in NRW mit koeln.trash einen Ableger bekommen und eine kleine Volksbewegung ausgelöst. Ihr Wappentier: der Gummifuß, also jene schweren schwarzen Sockel, in die Baustellenschilder gesteckt werden und die anschließend, wenn die Baustelle längst Geschichte ist, irgendwo auf Gehwegen, in Ecken und auf Radwegen vor sich hindämmern, weil die Bauhöfe sie offenbar nie zurückholen. Sie hat frankfurt.trash besonders in der Frühphase des Kanals zu Kultobjekten gemacht. Bald fingen Menschen in anderen Städten an, herrenlose Gummifüße zu fotografieren und zu melden, Fans schenkten frankfurt.trash irgendwann bemalte, vergoldete, liebevoll gestaltete Gummifüße als Skulpturen.
Man sieht also: Ein einzelner Mensch, der privat aufräumt, Städte verschönert und niemanden um Erlaubnis bittet, bringt die Politik und ihre angeschlossenen Pressewurmfortsätze mehr in Wallung als jeder, der Stadt und Stadtbewohner gefährdet. Die Botschaft lautet: „Warte gefälligst auf den Staat. Hör auf, uns vorzuführen. Hör auf, sichtbar zu machen, was wir nicht tun.“
Machen wir es nicht.
Sei der Freiheitsimpuls dieser Woche: Reißen wir abgelaufene Plakate ab, kratzen wir Aufkleber von Ampeln und Laternenpfählen, entfernen wir Tags von den Wänden und Gummifüße von den Böden, bepflanzen wir Brachflächen mit Guerillagärten. Räumen wir auf. Bringen wir das System zur Weißglut, indem wir die Pflege unserer Umgebung selbst in die Hand nehmen – oder wenigstens jene unterstützen, die es dreisterweise tun.
Quellen:
https://www.instagram.com/frankfurt.trash
Wer ist der Mann, der Frankfurt nachts sauber putzen will?
Kommentare
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