Kritik der Praxeologie, Teil 4: Über die Theorie
Warum die Ökonomie eine empirische Wissenschaft ist
Über die Theorie
Die herausragende Leistung von von Mises als Ökonom ist durch das bisher Gesagte nicht geschmälert. Die Kritik bezieht sich nicht auf seine ökonomischen Erkenntnisse, sondern auf deren Begründung. Er hatte einen guten Grund, einen festen Pflock in den schlammigen Boden der Erkenntnis einschlagen zu wollen. Er wollte verhindern, dass seine Aussagen als nur in einem wandelbaren kulturellen und historischen Kontext stehend begriffen werden. Das ist das Ziel jedes Naturwissenschaftlers. Deshalb suchte er mehr als nur subjektive Werte und meinte, den festen Boden, unumstößliche Wahrheit, in der Struktur des Handelns gefunden zu haben: Es gäbe „apriorische Erkenntnis“ im Bereich des Handelns.
Kant sagte, Erkenntnisse heißen a priori, wenn sie unabhängig von aller Erfahrung stattfinden. Logik und Mathematik, aber auch die Vorstellung von Raum, Zeit und Kausalität, sind Beispiele. Das sei deshalb so, weil der „Verstand“ die Struktur bestimme, und nicht die Erfahrung. Der Verstand, nicht die Empirie, sagt uns, ob eine logische oder mathematische Aussage wahr ist. Aber was ist „Verstand“? Verstand ist eine fest in die Arbeitsweise unseres Gehirns eingebaute Struktur, die unsere Wahrnehmung und unser Denken erst ermöglicht. Diese Struktur ist im Zuge der biologischen Evolution entstanden (was Kant noch nicht sah, weil er vor Darwin lebte). Sie ist genetisch gespeicherte Erfahrung. Sie ist deshalb auch nicht universell. Eine Eidechse erlebt die Welt nicht kausal, und die Quantenwelt ist auch nicht kausal. Und uns hat die Benutzung von Logik und Mathematik dahin geführt zu erkennen, dass auch der uns umgebende Raum nicht unserem a priori Konzept von Raum und Zeit entspricht. A priori sind also evolutionär entstandene (weil die Fitness steigernde) Strukturen der Wahrnehmung und des Denkens, welche empirische Erkenntnis überhaupt erst ermöglichen. Apriorisch ist nur das, was wir nicht anders sehen können, als wir es sehen, selbst wenn dies zu einem empfundenen Widerspruch führt, wie im Beispiel der Nichtkausalität der Quantenwelt und der vierdimensionalen Raumzeit, die sich kein Mensch vorstellen, sondern nur logisch herleiten kann. Genauso wenig können wir uns selbst als nicht-willensfrei erleben, aber es uns logisch herleiten; das führt zum Willensfreiheitsproblem: Die Logik sagt uns, dass es keine Freiheit gibt, doch erklärt diese Betrachtungsweise nicht, was wir erleben. Verschiedene apriorische Strukturen geraten hier in Widerspruch zueinander.
Wir finden apriorische Strukturen nicht in der Welt, sondern in unserem „Geist“ (hier gemeint als das, was erkennt). Sicher wird unser Handeln durch apriorische Strukturen geprägt, weil die dem Handeln vorausgehende Wahrnehmung und das vorausgehende Denken durch apriorische Strukturen geprägt sind, wie man ganz leicht am Beispiel der Kausalität und der Ich-haftigkeit menschlichen Handelns erkennen kann. Aber die Handlungsstruktur ist nicht apriorisch, weil sie das Ergebnis der Erkenntnis ist und nicht die Erkenntnis selbst. Wenn wir handeln, sind wir immer auf dem Feld der Empirie. Zwar kann man die Zweck-Mittel-Struktur als Bedingung der Möglichkeit von Handeln betrachten, doch das ist etwas anderes, als worüber Kant spricht, der die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis untersuchte. Dennoch ist die Zweck-Mittel-Struktur eine in die Arbeitsweise unseres Gehirns fest eingebaute Struktur, und zwar eine, die wir mit den Säugetieren teilen. Sie kann gewisse Aspekte des Handelns erklären, jedoch nicht alle relevanten Ausprägungen menschlichen Handelns. Menschliches Handeln mag nicht im Widerspruch zur Zweck-Mittel-Struktur stehen (wie ist das mit der Neugier?), jedoch nimmt menschliches Handeln in der Praxis Formen an, die nur durch weitere hinzutretende Strukturelemente erklärbar sind (zum Beispiel das Ich).
Zieht die Tatsache, dass von Mises’ Handlungsbegriff nicht das erschöpft, was Handeln empirisch ausmacht, der ökonomischen Theorie nun den Stachel, der es ermöglichen sollte, Marktwirtschaft als naturgemäße Form menschlichen Handelns auszuweisen? Nein, denn es gibt genügend empirische Tatsachen, die dieses ebenso erreichen; sogar besser erreichen, denn die Praxeologie führt in einen Dogmatismus, der für viele empirische Tatsachen blind macht. Sie wertet faktisch die Psychologie ab, weil sie dieser nur noch die Beschäftigung mit menschlichen Präferenzen übriglassen will. Tatsächlich hat sich die Psychologie aber nie nur als Sozialwissenschaft, sondern immer auch als Naturwissenschaft verstanden. Die empirische Suche nach Universalien im menschlichen Handeln war immer ein Ziel der Psychologie. In der interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Neurowissenschaften hat sich dieser Ansatz als sehr fruchtbar erwiesen. Die Psychologie ist auch eine „empirische Praxeologie“.
Der praxeologische Dogmatismus verhindert zudem eine einheitliche „österreichische“ Anthropologie. Die Österreichische Schule zerfällt heute in ein Mises- und ein Hayeklager. Von Hayek, der mit Popper darin übereinstimmte, dass wissenschaftliche Wahrheit immer empirischen Ursprungs sei und evolutionär voranschreite (wie der Markt), hat viele Beiträge zur Anthropologie geleistet, ganz im Sinne Kants: „Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeutung lässt sich auf folgende Fragen bringen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion, und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen. Der Philosoph muß also bestimmen können: 1. die Quellen des menschlichen Wissens, 2. den Umfang des möglichen und nützlichen Gebrauchs alles Wissens, und endlich 3. die Grenzen der Vernunft. Das Letztere ist das Nöthigste, aber auch das Schwerste, um das sich aber der Philodox nicht bekümmert.“ (Kant, Logik)
Von Mises, der sich gleichzeitig auf Kant berufen und die Ökonomie der Philosophie entreißen wollte, meinte, die Anthropologie mit Logik umgehen zu können. Von Hayek nannte das „Reduktionismus“, womit er sagen wollte, dass der Anspruch uneinlösbar ist. Die Principia Mathematica wollte die Mathematik auf die Logik zurückführen und benötigte 362 Seiten logischer Ableitungen, bis endlich logisch bewiesen war, dass 1+1=2 ist. Und dann kam Gödel, der zeigte, dass jedes nichttriviale logische System aus logischen Gründen immer unvollständig ist. Und Einstein, der zeigte, dass die euklidische Geometrie nicht die Welt beschreibt. Die Logik ist ihrem Wesen nach nicht-empirisch, und wenn eine logisch hergeleitete Aussage mit etwas in der Welt übereinstimmt, ist der Grund dafür kein logischer.
Aber auch das Hayeklager hat einen Schwachpunkt, auf den das Miseslager völlig zurecht hinweist: Von Hayeks Denken führt in gerade den Kulturrelativismus, den die Praxeologie zu vermeiden sucht, denn von Hayek behauptet, dass nichts in der menschlichen Natur fest verankert sei, also alle Regeln, die das menschliche Handeln prägen, kultureller Herkunft seien. Das ist ebenfalls durch die zeitgenössische Psychologie und Verhaltensbiologie widerlegt. Falls es nur das war, was von Mises wollte, ist ihm mit der Psychologie also geholfen. Es wäre wünschenswert, könnten beide Lager nach den biologischen Leitplanken des menschlichen Handelns suchen, denn so könnten sie sich gegenseitig sehr befruchten.
Wie Biologie komplexes Verhalten erklären kann, können wir von den Wanderameisen lernen. Diese kommunizieren miteinander über 10 bis 20 chemische und taktile Signale und vollbringen auf der Basis dieser sehr einfachen Austauschprozesse fast unglaubliche Leistungen: Sie können Brücken aus ihren eigenen Körpern bauen, über die ihre Artgenossen ansonsten unüberwindliche Hindernisse überqueren können. Die Brücken bauen sie, wie empirisch nachgewiesen ist, immer an Stellen, wo ihre Wege ein Optimum von kurzen Wegen bei gleichzeitig geringem Mitteleinsatz (Ameisenkörper) haben. Sie verfügen scheinbar über räumliches Vorstellungsvermögen und Intelligenz. Dies ist ein Beispiel von Emergenz, das heißt dem Auftauchen neuer Phänomene, wenn eine in hohe Komplexität gesteigerte einfache Kommunikationsstruktur scheinbar Neues hervorbringt. (Tatsächlich entsteht etwas Neues nur in unserer Wahrnehmung.) Von Hayek hatte schon immer einen Begriff von Emergenz: Spontane Ordnung.
Wenn, wie zuvor ausgeführt, die Ich-haftigkeit menschlichen Handelns und Kooperation als „reziproker Altruismus“ biologische Leitplanken sind, dann kann man den Tausch gemäß der Tauschregel als empirisches Faktum erklären sowie den später auftretenden ökonomischen Tausch auf veränderte Umweltbedingungen zurückführen. Man kann die unterschiedliche Handlungsstruktur beider Tauschprozesse beschreiben und kann durch diese unterschiedlichen Tauschstrukturen zwei unterschiedliche „spontane Ordnungen“ erklären: den Staat und den Markt. Eine den Markt ordnende „unsichtbare Hand“ ordnet auch den Staat, nur ist es ein anderer „Geist“, der sie bewegt. Im Markt bringt die Handlungsstruktur den Preis als Informationsmedium hervor, im Staat die Propaganda (und im Falle ihres Versagens die Gewalt). Das erklärt besser, als von Mises und Rothbard es können, warum der Staat so schwer zu überwinden ist. Um zu verstehen, warum die Ökonomie sich nicht durchsetzt, brauchen wir keine bessere ökonomische Theorie, sondern eine Theorie, die mehr erklärt als nur die Ökonomie.
Quellen:
Neurowissenschaft: Kann die Psychologie erklären, was Freiheit ist?
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