Anthropologische Grundlagen der Ökonomie, Teil 3: Innovation als Motor der Zivilisation
Wie Innovation die kulturelle Evolution hervorbringt
Neben Statushierarchien gibt es eine weitere Auffälligkeit in der menschlichen Entwicklung, die erst mit der Zivilisation voll einsetzt und diese vorantreibt: Das gehäufte Auftreten von technischen und gesellschaftlichen Innovationen. Wie bei den Statushierarchien ist es offensichtlich, dass dieses Merkmal nicht direkt genetisch bedingt sein kann. Sonst wären fast 300.000 Jahre menschlicher Geschichte mit nur vergleichsweise geringen Innovationen (und ohne Statushierarchien) unerklärlich. Andererseits verhindert die menschliche Genetik Innovation auch nicht wie bei fast allen Tieren, deren Verhaltensprogramme stärker genetisch fixiert sind.
Es ist nicht so, dass es vor der Zivilisation keine Innovationen gegeben hätte. Auffällig ist nur deren Langsamkeit im Kontrast zur Situation nach dem Einsetzen der Zivilisation. Die Beherrschung des Feuers und damit auch das Kochen von Nahrung ist älter als der Homo sapiens, sehr wahrscheinlich tat das schon der Homo erectus. Das gleiche gilt für Steinwerkzeuge, die allerdings mit dem Auftreten des Sapiens feiner werden. Speerschleudern, Fallen, Netze, Boote, Nadeln aus Knochen und somit genähte Kleidung, Seile, Körbe, Pfeil und Bogen sind typisch Sapiens. Auch haben paläolithische Jäger und Sammler ausgefeilte soziale Regeln, in denen sich die Gruppen voneinander unterscheiden und die deshalb kulturellen Ursprungs sind. Ganz besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass es schon vor 80.000 Jahren Hinweise auf Fernhandel gibt (Obsidian, Muscheln, Pigmente). Mit der sogenannten kognitiven Revolution vor ca. 70.000 Jahren entsteht dann auch die Kunst in Form von Höhlenmalerei, Schnitzereien und Musikinstrumenten.
Für Matt Ridley ist die Ursache jeglicher Innovation der Tausch. Der Mensch unterscheide sich vom Tier dadurch, dass er mit Nichtverwandten tauscht, und zwar nicht nur Gegenstände, sondern auch Ideen. „Ideas have sex.“ Deshalb ist die Innovationsrate abhängig von der Rate der Begegnungen mit Menschen, die man noch nicht kennt. Zu solchen Begegnungen kommt es durch Fernhandel bereits vor der Zivilisation, aber in einem ganz neuen Ausmaß mit dem Einsetzen der Zivilisation mit der Entstehung von Städten, die wahrscheinlich keine Folge der Landwirtschaft, sondern des Handels waren. Anders ausgedrückt entsteht für Ridley Wissen nicht im Individuum, sondern im Austausch. Anders als bei materiellen Gütern verliert der Geber nichts, wenn er sein Wissen teilt.
Ridley hat ein starkes Argument mit seinem Verweis auf die Ureinwohner Tasmaniens. Diese hatten archäologisch nachgewiesen das gleiche technologische Niveau wie die Aborigines in Australien, bevor die Landbrücke nach Australien vor 10.000–12.000 Jahren überflutet wurde und sie den Kontakt zum Festland verloren. Die Folge war ein kontinuierlicher Wissensverlust und ein drastisches Schrumpfen der Bevölkerung. Die Tasmanier verloren ihre Fischfangtechniken, so dass sie sich am Ende sogar vor Fisch ekelten. Sie verloren das Wissen zur Herstellung von Werkzeugen aus Knochen sowie jeder komplexeren Geräteform. Dabei wurden sie nicht weniger intelligent, ihre Biologie blieb gleich. Wenn Ideen nicht zirkulieren, gehen sie verloren. Für Ridley ist dies ein historischer Beleg dafür, dass Austausch die eigentliche Triebkraft kultureller Evolution ist. Henrich berichtet die gleiche Geschichte von den Polar-Inuit oberhalb des 75. Breitengrades, die durch eine Epidemie zunächst ihre erfahrenen Ältesten, und damit die Fähigkeit, Kanus zu bauen, und dadurch den Kontakt zu anderen Gruppen verloren, von denen sie wieder hätten lernen können. Die Bevölkerungszahl ging stark zurück und sie verloren viel weiteres Wissen, bis eine andere Inuit-Gruppe auf die Überlebenden stieß und verlorenes Know-how zurückbrachte.
Nicht Wissenschaft, nicht Kapital, nicht Patente und nicht der Staat sind die eigentliche Quelle des Fortschritts, sondern der Austausch von Ideen. Die Wissenschaft kann nicht durch den Bau von Universitäten, der Anstellung von Professoren u.s.w. Fortschritt hervorbringen, sondern nur, wenn Ideen frei fließen können, was heutzutage im Wissenschaftsbetrieb behindert ist. Auch Kapital bringt keinen Fortschritt hervor, sondern die gute Idee, die es finanziert. Patente können Fortschritt fördern, behindern diesen aber weit öfter durch Patenttrolle. Und dass der Staat keinen Fortschritt hervorbringt, bedarf hier keiner näheren Erklärung.
Francis Bacon erkannte: „Ipsa scientia potestas est.“ (Das Wissen selbst ist Macht.) Und: „Natura non nisi parendo vincitur.“ (Die Natur wird nur besiegt, wenn man ihr gehorcht.) Der erste Satz gilt als Ursprung der geläufigen Verkürzung „Wissen ist Macht“, womit der Sprecher meist sagen will, wer Informationen besitzt, könne andere beherrschen. Doch das meinte Bacon nicht. In moderner Sprache ausgedrückt wollte er sagen, dass man ein angemessenes Modell der Realität braucht, um erfolgreich in dieser zu agieren. Jeder, der von sich glaubt, über unzweifelhaft zutreffendes Wissen zu verfügen, wird deshalb früher oder später scheitern, weil die Realität notwendigerweise immer sehr viel komplexer ist als jedes Modell und sich zudem ständig verändert. Was Bacon noch nicht sah, ist, dass Wissen nicht im Individuum, sondern im Austausch entsteht. Freier Wissensaustausch, und das beinhaltet die Abwesenheit von Dogmatismus, ist deshalb die Bedingung für die Fitness einer Gruppe.
Dogmatismus ist zunächst ein kognitives Phänomen. Es wird an einem Glaubenssatz selbst dann festgehalten, wenn ein Hinweis auf ein abweichendes Phänomen erfolgte. In der Praxis haben wir es aber oft auch mit einem Dogmatismus zweiter Ordnung zu tun, wenn der Einwand als ein Angriff auf die Person interpretiert wird. Man erkennt das daran, dass „verletzte Gefühle“ ins Feld geführt werden. Aber eine Idee, die wahr ist, ist antifragil.
Der Staat hat schon immer freien Wissensaustausch behindert, obwohl er aus diesem hervorgegangen ist, denn er war einstmals eine soziale Innovation. Die Kontrolle von Information, also das, was wir Propaganda nennen, ist ein Wesensmerkmal des Staates. Deshalb ist das Auffinden von Möglichkeiten freien Wissensaustausches der erste Schritt zur Zurückdrängung des Staates. Die Reformation hätte es ohne die Druckerpresse nicht gegeben. In den Kaffeehäusern in England entstanden Versicherungen, Börsen, wissenschaftliche Gesellschaften und Zeitungen. Der Lloyd’s Versicherungsmarkt und die Zeitung Lloyd’s List entstanden im Londoner Lloyd’s Coffee House. In Paris waren die Kaffeehäuser Verbreiter der Ideen der Aufklärung und ein wichtiger Faktor, der zur Französischen Revolution führte, die dann allerdings begann, Menschen zu beseitigen, die das falsche dachten. Als das Internet in den 1990er Jahren auf dem Weg war, die Druckerpresse und die Kaffeehäuser zu beerben, wurde es staatlich kontrolliert. Das Gleiche wiederholt sich heute mit social media, wobei die Betreiber im vorauseilenden oder erzwungenen Gehorsam die Zensur übernehmen. Dennoch ist Ridley der Meinung, dass auch heute Ideen, die Sex haben, nicht wirklich kontrollierbar sind. Er ist ein „rationaler Optimist“.
Quellen:
Über die Natur der Ungleichheit
Die Einzigartigkeit des menschlichen Tauschens
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