04. Juli 2026 11:00

Anthropologische Grundlagen der Ökonomie, Teil 4 Was es bedeutet, ein Kulturwesen zu sein

Der Ursprung des Begehrens

von Ralf Blinkmann drucken

mimetische Rivalität
Bildquelle: Eigenes Bild mimetische Rivalität

Was es bedeutet, ein Kulturwesen zu sein

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier, weil er mit Nichtverwandten kooperiert und sich für sein Handeln nicht zuerst am Objekt, sondern am Handeln der Anderen in seiner Gruppe orientiert, wie dies der Anthropologe Joseph Henrich als Ursache für die Entstehung von Kultur benennt. Dazu kompatibel prägte der Anthropologe Michael Tomasello den Begriff der „geteilten Intentionalität“, um zu beschreiben, dass sich der Mensch für seine Handlungsziele fundamental an anderen Menschen orientiert. Beide begründen das empirisch. Schon zuvor hatte der philosophische Anthropologe René Girard eine ähnliche Erkenntnis. Er macht die Neigung des Menschen zur Nachahmung zum Ausgangspunkt seiner „mimetischen Theorie“, die im Kern besagt, dass der Mensch nicht als Subjekt direkt dem Objekt gegenübertritt, sondern es einen Zwischenschritt gibt, den er „Modell“ nennt: Subjekt → Modell → Objekt.

Das Modell ist der „Vermittler des Begehrens“. Ein Ziel ergibt sich nicht aus der Subjekt-Objekt-Beziehung, sondern das Modell, welches durch den mimetischen Abgleich mit den Anderen entstanden ist, bedingt das Ziel. Nicht das Objekt erzeugt den Wunsch, sondern andere Menschen erzeugen den Wunsch. Menschen lernen ihr Begehren von anderen Menschen. Ein anschauliches Beispiel ist ein Kind, das sich nicht für ein Spielzeug interessiert, doch sobald ein anderes Kind damit spielt, wird genau dieses Spielzeug plötzlich ungeheuer wichtig für es. Konkurrenz entsteht für Girard vor jeder Wirtschaftsordnung, sie ist Teil der menschlichen Natur. Kinder können um dasselbe Spielzeug streiten, auch wenn genügend davon vorhanden sind. Konflikte sind nicht notwendigerweise Folge von Knappheit.

Die Folgerungen, die Girard daraus zieht, sowie die Frage, ob sie zutreffend sind, sind nicht das Thema dieses Artikels, sollen aber aus Gründen der Vollständigkeit kurz gestreift werden: Nachahmung schafft einerseits eine gemeinsame kulturelle Basis, jedoch auch Konkurrenz, wenn mehrere Menschen ein Gut begehren. Girard nennt das „mimetische Rivalität“. Das könne zu Feindseligkeit und Konflikt führen, und in komplexen Gesellschaften könne diese Dynamik eskalieren. Wenn dies passiert, könne sich die Gemeinschaft nur noch durch den „Sündenbockmechanismus“ retten. Einzelne Menschen oder eine Gruppe werden für die Eskalation verantwortlich gemacht und dafür bestraft, auch durch Ausschluss oder Tötung. So können die anderen in Frieden leben. Dieser Mechanismus bildet sich für Girard auch in Religionen ab, insbesondere in Opferritualen, wobei das Christentum eine Ausnahme bilde, weil es den Sündenbock für unschuldig erkläre.

Wenn aber das Begehren sozial entsteht, also nicht im Individuum, egal ob man das nun mimetisch, kulturell oder durch geteilte Intentionalität erklärt, führt das nicht zu Kollektivismus? Tatsächlich wird oft der Schluss gezogen, wenn unsere Wünsche, Werte und Überzeugungen kulturell geprägt sind, müsse der Mensch als soziales Wesen verstanden werden. Und weil er ein soziales Wesen sei, müsse auch die Gesellschaft Vorrang vor dem Individuum haben. Tatsächlich beruht diese Fehlinterpretation auf einer Verwechslung zweier völlig unterschiedlicher Fragen: 1. Woher kommen unsere Präferenzen? 2. Wer handelt? Zwischen beiden besteht kein innerer Zusammenhang. Unabhängig davon, woher unsere Präferenzen kommen, handelt immer das Individuum. Die Kultur handelt nicht. Die Gesellschaft handelt nicht. Der Staat handelt nicht. Auch bei Girard handelt immer das Individuum. Seine Darstellung ist kein Widerspruch zu von Mises’ Handlungsbegriff, der sich nicht dafür interessiert, wie Ziele (Begehren) entstehen. Dass diese kulturell geformt sind, sieht von Mises ebenso wie von Hayek, der stets betonte, dass die vom Individuum unverstanden übernommenen Regeln, Traditionen sowie das Wissen aus der Gesellschaft stammen.

Jedoch ist die Frage danach, woher unsere Präferenzen kommen, entscheidend dafür, welche Schlüsse wir aus menschlichem Handeln ziehen können. Wenn der Mensch zwar als Individuum handelt, sich dazu jedoch an den Anderen orientiert, ist er hinsichtlich seiner Ziele und Wertungen nicht autonom. Die Nachahmung formt das Handeln, und dieses basiert auf komplexen biologischen Voraussetzungen. Das ist nur solange mit von Mises’ Handlungsbegriff logisch vereinbar, wie dieser definitiv gar nichts über Handlungspräferenzen aussagt, auch nichts über die Bevorzugung der Kooperation oder eine Zeitpräferenz. Diese folgen nämlich nicht logisch aus der Tatsache, dass der Mensch wie auch Säugetiere Ziele verfolgt, sondern Kooperation und Hemmung der Zeitpräferenz folgen aus der besonderen menschlichen Biologie, die ihn dazu bringt, sich an anderen zu orientieren, mit ihnen zu kooperieren, mit ihnen zu tauschen. Die von von Mises betonte Ziel-Mittel-Struktur des Handelns ist für menschliches Handeln somit zwar notwendig, jedoch nicht hinreichend, und deshalb folgt auch logisch daraus nichts, was der Empirie standhielte. Über der Handlungssteuerungsebene der Ziel-Mittel-Struktur liegt eine weitere, originär menschliche.

Die Implikationen dieser Einsicht sind vielfältig, und ich möchte nur eine herausgreifen. Der sogenannte „confirmation bias“ (Bestätigungsfehler), also die empirisch sehr gut belegte Neigung, Informationen so zu ermitteln, auszuwählen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen bestätigen, wird oft als eine Fehlleistung unseres Gehirns dargestellt, weil das der Vernunft zuwiderlaufe. Im Lichte geteilter Intentionalität macht der confirmation bias jedoch sehr viel Sinn, weil das Individuum ohne diese „Verzerrung“ Gefahr liefe, die geteilte Intentionalität zu verlassen, mit allen negativen Folgen für seine Fähigkeit zu kooperieren. Im Extremfall kann sogar drohen, zum Sündenbock zu werden. Der Mensch sucht nicht primär Wahrheit, sondern Anschlussfähigkeit an seine soziale Umwelt. Nach dem Kognitionspsychologen Hugo Mercier und dem kognitiven Anthropologen Dan Sperber entstand Vernunft evolutionär nicht, um objektive Wahrheit zu finden, sondern um Kooperation zu organisieren (The Enigma of Reason, 2017). Der Mensch ist kein isoliert denkendes Wesen, sondern ein Wesen, dessen Motivation, Wahrnehmung, Lernen und Denken auf andere Menschen ausgerichtet sind.

Das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit, denn sonst könnte es keine kulturelle Entwicklung und keine Wissenschaft geben. Menschen sind auch in der Lage, nach Wahrheit zu streben, indem sie den confirmation bias vermeiden. Auf dieser Einsicht beruht der kritische Rationalismus Karl Poppers. Aber welcher anthropologische Faktor treibt diese bewusste Abkehr von der Orientierung an den Anderen an? Es ist die epistemische Neugier, das Streben nach Wissen um des Wissens willen. (Wo ist hier der Zweck?) Epistemische Neugier setzt voraus, dass ein Individuum erkennt, dass es etwas nicht weiß und daraus den Wunsch entwickelt, genau diese Wissenslücke zu schließen. Die Neugier ist deshalb eine wirklich individuelle Eigenschaft, weil nur ein Individuum in der Lage ist, eine Wissenslücke zu finden. Es ist immer ein Individuum, das Fragen stellt. Die Abwesenheit von Neugier, also der Glaube, schon alles Notwendige zu wissen, ist Dogmatismus.

https://freiheitsfunken.info/2026/06/20/24191-anthropologische-grundlagen-der-oekonomie-teil-2-die-einzigartigkeit-des-menschlichen-tauschens

https://www.gurwinder.blog/p/why-smart-people-hold-stupid-beliefs

https://www.dersandwirt.de/wirtschaft/

Quellen:

Die Einzigartigkeit des menschlichen Tauschens

Why Smart People Believe Stupid Things

Der Sandwirt - Warum man Wirtschaft empirisch nicht begreifen kann


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