Streitgespräch: Brauchen wir den digitalen Euro?
Markt bietet bereits funktionierende Alternativen
Über den digitalen Euro wird zwischen der VWL-Professorin Ulrike Neyer und Joachim Schmalzl vom Sparkassenverband gestritten. Neyer hält eine eigene Digitalwährung für einen Schritt zu mehr Sicherheit beim Bezahlen und zu mehr europäischer Unabhängigkeit. Schmalzl widerspricht und warnt vor hohen Kosten sowie einem Vertrauensproblem des Projekts.
Schon die Begründung verrät das eigentliche Denkmodell: Wenn ein Geldsystem bei jedem neuen Techniktrend sofort nach dem Staat ruft, dann geht es nicht um Fortschritt, sondern um Zuständigkeit. Man nennt es Schutz. Gemeint ist Kontrolle. Natürlich nur zu unserem Besten. Der Bürger darf frei entscheiden, solange er richtig entscheidet. Und falls er das nicht tut, steht schon die nächste offizielle Lösung bereit, sauber formuliert und teuer organisiert.
Die Verlockung ist alt: Ein neues Instrument wird als modern verkauft, als sicher, als souverän. Doch die zentrale Frage bleibt unausgesprochen: Wozu braucht es überhaupt eine zusätzliche staatlich geprägte Digitalwährung, wenn der Markt längst funktionierende Zahlungswege hervorgebracht hat? Wer Sicherheit verspricht, sollte erst einmal erklären, warum mehr Zentralisierung ausgerechnet weniger Angriffsfläche, weniger Missbrauch und weniger politische Verwertung bedeuten soll. Diese Rechnung geht selten auf. Meist wird aus Bequemlichkeit ein Monopol, aus Monopol ein Druckmittel und aus Druckmittel schnell ein Hebel für weitere Eingriffe.
Dass sogar aus dem Sparkassensektor ein Vertrauensproblem benannt wird, ist bezeichnend. Vertrauen wächst nicht durch Ankündigungen, Gremien und großformatige Zukunftsrhetorik. Es entsteht durch freiwillige Nutzung, klare Vorteile und die Möglichkeit, sich entziehen zu können. Genau diese Möglichkeit schrumpft, sobald der Staat mit digitalem Geld auf den Platz tritt. Dann wird aus einer Zahlungsoption ein politisches Projekt mit ordentlicher Verpackung.
Das Versprechen europäischer Unabhängigkeit klingt ebenfalls vertraut. Unabhängigkeit von wem genau? Vom Markt, von ausländischer Konkurrenz, von der Mühe, gute Lösungen zuzulassen? Oft meint solche Sprache nicht Freiheit, sondern die Verlagerung von Abhängigkeit nach innen. Wer den Bürger an ein offizielles Digitalgeld gewöhnt, schafft keine Souveränität, sondern neue Bindungen. Der Preis dafür ist absehbar: mehr Kosten, mehr Regulierung, mehr Machtkonzentration.
Ein gutes Geld braucht keine pädagogische Mission. Es braucht Vertrauen, Knappheit und Distanz zur politischen Tageslaune. Der digitale Euro verspricht das Gegenteil mit freundlichem Gesicht. Genau darin liegt das Problem.
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