23. Juli 2026 13:00

Datenschutz EU will "Chatkontrollen" teilweise wieder ermöglichen

Verschlüsselte Dienste sind ausgeschlossen

von Kaspar Rosenbaum drucken

Datenschutz: EU diskutiert Verlängerung automatischer Chatscans
Bildquelle: Redaktion Datenschutz: EU diskutiert Verlängerung automatischer Chatscans

Die EU-Staaten wollen die im April ausgelaufene Ausnahme von den Datenschutzregeln bis April 2028 verlängern und damit private Chats auf Plattformen wie Outlook, Gmail oder Instagram wieder teilweise automatisch auf Bilder und Videos von Kindesmissbrauch durchsuchen lassen. Verschlüsselte Dienste wie WhatsApp oder Signal sollen davon ausgenommen bleiben. Die geplante Regelung beruht auf freiwilligen Scans der Anbieter; verdächtige Funde dürfen erst nach menschlicher Prüfung an Behörden weitergegeben werden. Parallel läuft weiter der Streit über eine dauerhafte Lösung zwischen Rat und Parlament.

Wieder einmal verkauft sich Überwachung als Schutzmaßnahme. Natürlich nur zu unserem Besten. Diesmal heißt die Verpackung „Kinderschutz“, und schon sollen private Nachrichten wieder in die Maschine, damit Software mit ernster Miene nach verbotenen Inhalten fischt. Wer wollte da schon widersprechen? Doch der Zweck heiligt auch hier nicht das Mittel, und die Erfahrung mit solchen Mitteln ist unerquicklich: Was einmal als Ausnahme läuft, wird schnell zur Gewohnheit, und aus der Gewohnheit wird ein Anspruch. Der Bürger darf frei schreiben, solange er richtig schreibt.

Bemerkenswert ist die politische Chuzpe. Erst scheitert die Verlängerung im Parlament, dann drücken die Mitgliedstaaten erneut nach, unterstützt von jener ewigen Allianz aus Sicherheitsrhetorik und Verwaltungsinstinkt. Wenn die erste Lösung ausläuft, wird eben die Übergangslösung verlängert. Wenn die Übergangslösung wackelt, arbeitet man an der nächsten. So entsteht kein klarer Rechtsrahmen, sondern ein Dauerprovisorium mit Kontrollreflex. Die Bürokratie entdeckt ein Problem, das ohne sie deutlich kleiner wäre, und liefert sogleich die passende Technik dazu.

Dass verschlüsselte Dienste ausgenommen bleiben, ist kein Freifahrtschein für die Eingriffe, sondern eher ein Eingeständnis ihrer Grenzen. Also sucht man dort weiter, wo man noch hineingreifen kann: bei unverschlüsselten Inhalten, bei Scans vor dem Versand, bei Software auf dem Gerät. Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist der Punkt, an dem Privatsphäre von einem Grundsatz zu einer technischen Fußnote herabgestuft wird.

Natürlich gibt es schwere Kriminalität, die verfolgt werden muss. Doch ein freiheitlicher Maßstab fragt nicht zuerst, wie viel Zugriff sich noch irgendwie rechtfertigen lässt, sondern wie viel Macht man dem System überhaupt geben will. Wer private Kommunikation pauschal durchleuchten lässt, baut keine sichere digitale Öffentlichkeit. Er baut eine Infrastruktur des Misstrauens, hübsch verpackt als Fürsorge.

Am Ende bleibt die alte europäische Handschrift: erst Überwachung ermöglichen, dann beruhigen, dann verlängern. Der Schutz der Kinder dient als moralischer Schutzschild. Dahinter steht die vertraute Botschaft: Vertrau uns deine Privatsphäre an, wir meinen es gut. Genau das macht die Sache so unerquicklich. Gute Absichten sind billig. Die Rechnung zahlt der Bürger.


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