30. September 2026 06:00

Steuern Wenn schon Raub, dann wenigstens mit Verstand

Estlands Steuersystem und was die Deutschen sich davon abschauen könnten

von Oliver Gorus drucken

Standort: Tallinns Modell fördert Reinvestition
Bildquelle: Redaktion Standort: Tallinns Modell fördert Reinvestition

In Berlin brütet die Koalition der „Kaste der tödlich arroganten Parasiten“, wie Javier Milei solche Leute nennt, wieder über dem Einkommensteuertarif und kann sich nicht einigen, wen sie wie stark belasten will. Kleine und mittlere Einkommen sollten laut Koalitionsvertrag zur Mitte der Legislaturperiode entlastet werden. Das wäre jetzt im Sommer gewesen, aber die Steuerreform blieb an der Gegenfinanzierung hängen, zwischen Entlastung der Mitte, Zuschlag oben und der immer gleichen Drohung, bei der Erbschaftsteuer nachzufassen. Die Roten und die Schwarzen haben nur noch gemeinsam, dass sie kaum noch Rückhalt in der Bevölkerung haben, aber einig werden sie sich abgesehen davon nicht mehr werden, schon gar nicht über einen vernünftigen Kurs bei Steuern und Abgaben.

Fakt ist: Steuern und Abgaben sind in Deutschland viel zu hoch, vor allem für Unternehmer und Selbständige. Die Körperschaftsteuer soll erst ab 2028 in Ein-Prozent-Schritten sinken und 2032 bei zehn Prozent ankommen, während die Gewerbesteuer unangetastet bleibt. Wer heute eine Kapitalgesellschaft führt, liegt je nach Hebesatz der Gemeinde oft bei rund dreißig Prozent Belastung, bevor der Gewinn überhaupt den Betrieb verlassen hat oder reinvestiert wurde.

Da würde es sich doch mal lohnen, vom vulgärsozialistischen Umverteilungshickhack aufzusehen und über den Tellerrand zu schauen: Estland steht seit Jahren auf Platz eins im Index der steuerlichen Wettbewerbsfähigkeit. Was machen die eigentlich so gut?

Steuern sind bekanntermaßen keine Pflicht aus einem Vertrag, den Bürger und Betriebe freiwillig unterschreiben. Sie beruhen auf Zwang: Wer nicht zahlt, dem wird gepfändet. Aber wenn dieser Zugriff nun mal stattfindet, bleibt die einzige irgendwie erträgliche Form ein gleicher Satz für alle und ein System, das unternehmerische Leute nicht scharenweise außer Landes treibt.

Estland hat sich dem zumindest angenähert: Persönlicher Verdienst wird mit einem einzigen Satz besteuert, derzeit zweiundzwanzig Prozent, dazu ein Grundfreibetrag von 8400 Euro im Jahr. Firmengewinn bleibt unbesteuert, solange er in der Firma bleibt. Erst die Ausschüttung löst die Steuer aus, und zwar eben diese zweiundzwanzig Prozent vom Brutto. Thesaurieren und Reinvestieren kosten nichts. Vermögen-, Erbschaft- und Schenkungsteuer fehlen in Estland ganz. Außerdem: Die sehr einfache Steuererklärung läuft über ein Online-Portal.

Das Gerüst dieses Steuersystems steht so im Kern seit 1994, bei den Unternehmen in dieser Schärfe seit 2000. Der Steuersatz ist in dieser Zeit gewandert, von sechsundzwanzig über zwanzig auf zweiundzwanzig Prozent; eine schon beschlossene Anhebung auf vierundzwanzig hat das Parlament Ende 2025 wieder kassiert. Angefasst haben die Esten also die Höhe des einheitlichen Steuersatzes, nicht aber das Prinzip. Vor allem die Idee, den Gewinn erst beim Herausnehmen zu besteuern, blieb erhalten.

Das macht Estland zwar nicht automatisch und sofort zum reicheren Land. Deutschland liegt beim BIP je Einwohner noch klar vorn, in Kaufkraft rund 77.000 internationale Dollar gegen gut 50.000, mit dem noch immer dickeren Kapitalstock und der breiteren Industrie. Estland kam 2023/24 aus einer längeren Schwäche und wächst auch 2026 wieder nur mäßig; aber Deutschland dümpelt seit Jahren bei null bis einem Prozent!

Gelesen werden muss eine andere Zeile: öffentliche Schulden in Estland rund 24 Prozent vom BIP, in Deutschland 63 bis 65 und mehr als 31.000 Euro auf jeden Kopf! Im Index der wirtschaftlichen Freiheit steht Estland 2026 auf Platz 9, Deutschland auf Platz 24. Das reichere Deutschland verspielt seinen Vorsprung gerade, denn das dynamischere Estland holt stetig auf.

Ein Grund für Deutschlands unternehmensfeindliches Klima: Deutschland krallt sich den Gewinn, sobald er in der Buchhaltung irgendwo auftaucht. Körperschaftsteuer, Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer sind fällig, bevor der Meister vom Gewinn eine Maschine bestellen konnte. Die Privatinvestitionen sind dementsprechend katastrophal niedrig.

In Tallinn wird dieselbe Maschine aus unversteuertem Überschuss bezahlt; der Staat will erst dann zugreifen, wenn die Rendite der Investition fließt. Dazu das deutsche Tarifgebirge: vierzehn Prozent Einstieg, aber zweiundvierzig, fünfundvierzig Prozent Reichensteuer, Soli, Gewerbesteuer nach Postleitzahl, Abgeltungsteuer auf die Ausschüttung, GmbH, UG, Einzelunternehmen, Personengesellschaft und ein Optionsmodell, das kaum jemand benutzt. Bevor klar ist, was bleibt, muss der Steuerberater eingeschaltet werden. Estland dagegen hat eine einzige einfache Logik für die Einzelperson und eine weitere für die Firma. Fertig.

Drei Regeln wären für Deutschland aus Tallinn abzugucken: Erstens den Unternehmensgewinn erst dann besteuern, wenn er entnommen wird. Zweitens: Ein Steuersatz genügt. Dazu einen hohen Freibetrag und wenige Ausnahmen. Drittens: Die zweite Gewinnsteuer in der Gemeinde streichen, die den Standort zur Lotterie macht.

Die Reihenfolge entscheidet: erst wirtschaften, dann abgeben. Die deutschen Probleme mit den zu hohen Sozialabgaben, den zu hohen Energiepreisen, der Überregulierung und Bürokratie und den irrsinnigen Genehmigungsdauern wären damit nicht gelöst und vom Tisch. Aber Deutschland würde im Standortwettbewerb plötzlich wieder einen Satz nach vorne machen.

In Berlin wird weiter am Knick im Tarif gefeilt, als wäre Gerechtigkeit eine Frage der Steigung. In Tallinn bleibt der Gewinn in der Werkhalle, bis jemand ihn mit nach Hause nimmt. Berlin beschäftigt den Apparat. Tallinn lässt die Leute erstmal produzieren und investieren. Und kann sie dann immer noch besteuern, weil sie das Land nicht frustriert verlassen haben, wie die Millionen hochqualifizierten und unternehmerischen Deutschen, die heute im Ausland leben, weil sie dort besser behandelt werden.


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