Medienkritik: Sklerotische Medien und widerspenstige Wähler
Talkshows zeigen verzerrte Gästewahl
von Andreas Tögel drucken
Ältere Semester werden sich daran erinnern, wie und von wem Journalismus in deutschsprachigen Landen einst überwiegend betrieben wurde: von weltoffenen Liberalen, die ihre Aufgabe in der Informationsvermittlung und nicht in der Volkserziehung sahen. Beispielhaft für diese Haltung war die Feststellung von Hanns Joachim Friedrichs, dem langjährigen Moderator der „Tagesthemen“, der im Jahr 1995 im Rahmen eines Spiegel-Interviews erklärte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten.“
Die Rolle von Nachrichtenmoderatoren beschrieb er so: Distanz halten, nicht in Betroffenheit versinken, „cool bleiben, ohne kalt zu sein“. Von diesem vor 20 Jahren hochgehaltenen Ethos der Medienschaffenden ist dieser Tage so gut wie nichts mehr übrig. Die meisten Journalisten sehen ihre Aufgabe heute nicht mehr in der Vermittlung von Tatsachen – in der Beschreibung der Welt, wie sie ist –, sondern verstehen sich als politische Aktivisten, die vermitteln, wie die Welt ihrer unmaßgeblichen Meinung nach sein sollte.
Der linke, seit Jahren mit sinkenden Leserzahlen seiner Printausgabe kämpfende Wiener „Standard“ wirbt ganz ungeniert mit dem Slogan „Der Haltung verpflichtet“ und setzt sich konsequent für „soziale Gerechtigkeit“, Antirassismus, Multikulturalismus und den Kampf gegen den Klimawandel ein. Das kann man machen, verwirkt damit aber den Anspruch, objektive Informationen zu liefern. Dies gilt umso mehr, als in Werbespots auch ganz offen die „Filterfunktion“ hervorgehoben wird, die das Blatt erfüllt: Die Klienten des betreuten Denkens sollen davor bewahrt werden, mit unliebsamen Wahrheiten konfrontiert zu werden.
Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung mit 160 österreichischen Journalisten kommt zu dem Ergebnis, dass diese sich im Durchschnitt klar links von der Mitte positionieren 1). In Deutschland ist die Lage ähnlich. Dass sich die Präferenzen für linke Positionen auch in der täglichen Berichterstattung und ganz besonders in der Auswahl der Teilnehmer an politischen Debatten im Fernsehen auswirken, ist unübersehbar. ChatGPT antwortet auf die Frage nach einer möglichen Diskriminierung „rechter“ Positionen durch den ÖRR wie folgt: „Eine aktuelle Untersuchung der fünf großen ARD/ZDF-Talkshows für 2025 kommt tatsächlich zu einem auffälligen Befund. In den dort untersuchten wirtschaftspolitischen Sendungen gab es insgesamt 97 Politikerauftritte: CDU/CSU 36, SPD 27, Grüne 14, Linke 10, FDP 5, Freie Wähler 1 und parteilose Politiker 4 – kein einziger AfD-Politiker.“ 2)
Wenn man zudem noch sieht, wie unterschiedlich Fernsehjournalisten Vertretern verschiedener Parteien bei Interviews begegnen, bleiben keine Fragen mehr offen: Während grüne und rote Mandatare zu harmlosen Wohlfühlplaudereien eingeladen werden, bei denen ihnen bereitwillig Stichworte für ihre eingelernten Phrasen geliefert werden, geraten Interviews mit „Rechten“ regelmäßig zu beinhart geführten Verhören, bei denen ihnen unentwegt ins Wort gefallen oder widersprochen wird.
Angesichts dieser haarsträubenden Parteilichkeit braucht sich kein Rundfunk- oder Fernsehverantwortlicher der öffentlich-rechtlichen Anstalten über Reichweitenverluste zu wundern. Nur noch das Alterssegment der deutlich über 50-Jährigen hält dem ÖRR die Treue. Das Publikum erkennt nämlich die unlautere Absicht hinter der linkslastigen Dauerberieselung mit Klimawandel-, LGBTQ-, Migrations-, Antirassismus- und Inklusionspropaganda, ist verstimmt und hält mit Konsumverweigerung dagegen. Dass die Konsumenten dafür mit Zwangsgebührenzahlungen bestraft werden, setzt dem Unrecht den Hohn hinzu.
Dass privat finanzierte Sender gegen die mit Zwangsabgaben gemästete öffentlich-rechtliche Schmutzkonkurrenz antreten müssen, widerspricht offenkundig dem Gebot der Fairness und einer ausgewogenen Berichterstattung. Das Beispiel des privat finanzierten Wiener Radios „Klassik Stephansdom“, das gegen den ökosozialistischen ORF-Kultursender „Ö1“ antreten muss und nur dank konsequenter Spendeneinwerbung bestehen kann, während die Bewohner der staatlich geschützten Werkstätte im Geld schwimmen und sich um die Wünsche der Hörer nicht zu scheren brauchen, ist nur schwer erträglich.
Nicht nur der ÖRR leidet unter Reichweitenschwund, sondern auch der mit ihm in inniger Symbiose verbundene Parteienblock aus CDU/CSU, SPD und FDP, der serienweise Wahlniederlagen einstecken muss. In Österreich, wo es die einst konservative ÖVP bis heute nicht verstanden hat, sinnvolle Medienpolitik zu machen, liegen die Dinge insofern anders als in Deutschland, als vom austriakischen ÖRR ausschließlich grüne, linke und ultralinke Erzählungen propagiert werden, nicht aber die der ÖVP.
Dass führende Protagonisten der Altparteien auf ihre Wahldebakel regelmäßig mit Wählerbeschimpfungen reagieren, macht die Sache für sie nicht besser. Der unter Wahlverlierern populäre Sager „Wir haben den Wählern unsere Politik nicht richtig erklärt“ ist eine veritable Chuzpe! Die Wähler sind nämlich keineswegs zu blöd, um die Politik der Nomenklatura richtig zu bewerten – ganz im Gegenteil! Sie haben vielmehr die Nase gestrichen voll davon, von einer abgehobenen Politikerblase regiert zu werden, die alle denkbaren Interessen vertritt – nur nicht die ihrer Wähler – und deshalb in Scharen zur Opposition überlaufen.
Dass mit diesem Prozess eine Polarisierung einhergeht, die nicht im Sinne „unserer Demokratie“ ist, liegt auf der Hand. Wenn die CDU/CSU oder die ÖVP seit Jahrzehnten systematisch nach links rücken und heute jene Positionen vertreten, die früher von SPD und SPÖ besetzt waren, tut sich dadurch einerseits rechts ein Vakuum auf, das prompt gefüllt wird, und andererseits werden dadurch SPD und SPÖ dezimiert, die es zu allem Überfluss auch noch mit einer wachsenden Konkurrenz von Linksaußen zu tun bekommen.
Hinzu kommt, dass heute kaum noch jemand Parteiprogramme liest, sondern seine Wahlentscheidungen zunehmend anhand seiner Sympathie für die jeweiligen Parteiführer trifft. Damit wird das vollständige Fehlen glaubhafter und/oder charismatischer Führungsfiguren der Altparteien wie F. J. Strauß, Helmut Schmidt, Julius Raab oder Bruno Kreisky hochproblematisch. Denn von deren gegenwärtig führendem Politpersonal wenden sich die Wähler aus gut nachvollziehbaren Gründen immer schneller ab.
Wenn die einst staatstragenden Parteien CDU/CSU und SPD, in Österreich ÖVP und SPÖ, nicht bald Boden unter den Füßen zurückgewinnen und wieder Politik für die eigenen Wähler und nicht im Interesse des Rests der Welt machen, werden sie sich am Ende vollständig marginalisiert wiederfinden.
Quellen:
1) https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10584609.2026.2621169?utm_source=chatgpt.com#d1e631
2) 20262003_INSM_-Studie_Gaestelandschaft-in-Polittalkshowformaten-1
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