30. September 2026 12:00

Irak US-Truppen ziehen ab - Im Irak beginnt eine neue Ära

Bagdad fordert staatliches Waffenmonopol

von Oliver C. Racke drucken

Irak: Machtverschiebung zwischen Staat und Milizen
Bildquelle: Redaktion Irak: Machtverschiebung zwischen Staat und Milizen

Im Irak endet nach mehr als 20 Jahren die militärische Präsenz der USA. Zugleich bleibt die Lage offen: Die irakische Regierung will mehr Kontrolle über Waffen und Sicherheit, doch Milizen, iranischer Einfluss, die kurdische Autonomie und die Gefahr einer neuen Ausbreitung des IS prägen weiter das Land. Der Abzug bedeutet also keinen vollständigen Machtwechsel, sondern eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse.

Der zentrale Befund ist nüchtern: Ausländische Militärpräsenz schafft selten Ordnung, sie hinterlässt vor allem neue Abhängigkeiten. Der Irak ist dafür ein Musterfall. Der Sturz Saddam Husseins, die anschließende Besatzungs- und Interventionspolitik und die spätere Rückkehr internationaler Truppen im Kampf gegen den IS haben keinen stabilen Staat hervorgebracht, sondern ein System konkurrierender Gewaltzentren. Genau so entstehen Anreize, wenn politische Macht über Waffen organisiert wird: Wer bewaffnet ist, verhandelt nicht nur mit, sondern setzt sich durch.

Dass die Regierung in Bagdad nun verlangt, alle Waffen sollten in den Händen staatlicher Institutionen liegen, klingt nach Souveränität. Tatsächlich verschiebt sich damit nur die Frage, wer das Gewaltmonopol beansprucht und durchsetzen soll. Solange Milizen mit iranischer Rückendeckung agieren und die Kurden eigene Streitkräfte halten, bleibt dieser Anspruch Theorie. Der Eingriff erscheint klein, verändert aber die Zuständigkeit: Aus lokaler und informeller Macht wird ein Kampf um zentrale Kontrolle. Das erhöht nicht die Freiheit, sondern den Druck auf alle, die zwischen den Fronten leben.

Besonders problematisch ist die Logik der Entwaffnung von oben. Wer in einem instabilen Umfeld die Waffenfrage zentralisiert, produziert Widerstand, Misstrauen und Eskalationsrisiken. Die Fristverlängerung bis Sommer nächsten Jahres zeigt bereits, wie wenig durchsetzbar solche Vorgaben sind. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern von institutioneller Schwäche. Je mehr eine Regierung auf formale Befehle setzt, desto sichtbarer wird, dass ihre Autorität nicht aus freiwilliger Bindung kommt.

Auch die Sorge der Kurden ist berechtigt. Wenn externe Mächte abziehen, aber die innere Sicherheitsordnung ungeklärt bleibt, entsteht kein friedliches Vakuum, sondern ein Machtkampf. Der IS profitiert genau von solchen Übergängen. Nicht weil Freiheit ihn stärkt, sondern weil staatliche und halbstaatliche Gewaltapparate Räume schaffen, in denen Schutz und Herrschaft verwechselt werden.

Der Irak braucht nicht die nächste große Sicherheitsarchitektur. Er braucht weniger bewaffnete Fremdsteuerung und weniger politische Zentralisierung von Gewalt. Solange Macht im Land über Gewehre, Milizen und externe Patronage verteilt wird, bleibt jede neue Ära vor allem eine Fortsetzung des alten Problems in anderer Form.


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