Kulturkampf: Warum die Argentinier so unfair sind
Der Zusammenhang von Sozialismus und Verrohung am Beispiel des argentinischen Fußballs
von Oliver Gorus drucken
Wie unfair sich die argentinische Fußball-Nationalmannschaft seit Jahrzehnten bei Weltmeisterschaften verhält, ist für europäische Gemüter schwer zu verstehen. Was stimmt mit denen nicht?
Die typisch preußische Unterordnung unter die formale Autorität des Schiedsrichters und das aus dem 19. Jahrhundert aus der britischen Oberschicht stammende Fairplay prägen zusammen mit Disziplin und freiwilliger Selbstbeherrschung den europäischen Sportsgeist. Da muss man gar nicht auf die mittelalterliche Ritterlichkeit oder den Olympischen Geist der Antike zurückgreifen, wo man ebenfalls historische Wurzeln der Fairness findet.
Natürlich gibt es auch bei den Europäern immer wieder Unsportlichkeiten, aber das steht in keinem Verhältnis zum Verhalten der Argentinier: Da müssen wir regelmäßig erwachsene Männer sehen, die zwar außergewöhnlich gut Fußball spielen können, die aber gar nicht erst versuchen, durch ihr Können und Talent im Rahmen des Regelwerks zu gewinnen.
Stattdessen versuchen sie die Gegenspieler wie im Wahn pausenlos mit allen Mitteln zu bekämpfen, als ob sie Feinde wären, die vernichtet werden müssen. Das führt nonstop zu hässlichen Szenen, die dem Zuschauer das Spiel vergällen: übertriebene Härte in Zweikämpfen, versteckte Fouls, Beleidigungen, Faustschläge, Tritte, auf die Füße treten, Festhalten, Schubsen, am Trikot zerren, Spielverzögerungstricks, Provokationen, Schauspielerei, permanentes Gemotze und Einreden auf den Schiedsrichter, Denunzieren von Gegenspielern und Fordern von Gelben und Roten Karten für Gegenspieler, demonstrative Unsportlichkeiten wie das Weiterspielen, obwohl Gegenspieler am Boden liegen, Schlägereien nach dem Spiel, das Verweigern von Handschlag und Abklatschen oder bei der Siegerehrung dem Gewinner den Rücken zukehren.
Sowohl die formelle Fairness, also das Befolgen der in den Spielregeln kodifizierten Regeln, als auch die informelle Fairness, also der tradierte, ungeschriebene Verhaltenskodex der Sportlichkeit, sind den Argentiniern offensichtlich völlig egal. Und da dieses merkwürdige Verhalten nicht auf einige bestimmte Spieler und somit individuelle Charakterschwäche beschränkt ist, sondern sich seit mindestens 50 Jahren über Spielergenerationen hinweg konsistent zeigt, muss es etwas mit der argentinischen Kultur zu tun haben. Also habe ich da mal genauer nachgeschaut.
Gefunden habe ich drei tief verankerte kulturelle Muster und eine gemeinsame Wurzel:
Erstens die viveza criolla: Die kreolische Aufgewecktheit. Das ist die typisch argentinische Wertschätzung von hellwacher Schlauheit, die Regelbeugung nicht als Betrug, sondern als intelligente Überlebensstrategie versteht. Der „Vivo“ gilt als cleverer Überlebenskünstler, der „Zonzo“ als naiver Trottel und Verlierer.
In den letzten 100 Jahren, als Argentinien vom reichsten Land der Welt abstieg und in bitterer Armut versank, erlebten die Menschen die sozialistischen, etatistischen Institutionen als unzuverlässig, übermächtig und elitär. Formales Fairplay wurde als Falle der Mächtigen durchschaut: Der Ehrliche ist der Dumme. In Argentinien gibt es einen bezeichnenden Spruch: „El vivo vive del zonzo y el zonzo de su trabajo.“ – „Der Clevere lebt vom naiven Trottel, der naive Trottel von seiner Arbeit.“
Unter sozialistischer Herrschaft hat sich somit eine parasitäre Kultur des Lebens auf Kosten anderer ausgebildet. Was von außen als Unfairness erscheint, ist innen die legitimierte und mit Stolz verbundene Anwendung von Cleverness im Kampf ums Überleben im Mangel: „Ich gehöre nicht zu den Deppen, ich gehöre zu den Schlauen.“ Regelbeugung, Regelübertretung, Korruption und Kriminalität werden in einer solchen Kultur zur Tugend.
Zweitens das Ideal des aguante: Das Wort heißt „Ausdauer“, das ist die sakralisierte Fähigkeit, Schmerz, Demütigung und Druck nicht nur zu ertragen, sondern aktiv in Stärke umzuwandeln. In den barras bravas, den „wilden Horden“ der organisierten, hartgesottenen Fan-Gruppen des argentinischen Fußballs, wird Gewalt und Unnachgiebigkeit zum hierarchischen Rangzeichen. Wer nachgibt, verliert Ehre; wer aushält und zurückschlägt, gewinnt Prestige. Diese Haltung überträgt sich auf den Platz: Härte und Unbeherrschtheit werden in den Augen der Argentinier zu Beweisen von Charakter und Loyalität.
So haben die von der politischen Herrschaft der Sozialisten verursachten und über mehrere Generationen andauernden harten Zeiten die Argentinier zu harten, aggressiven, unbeherrschten, ausdauernden Kämpfern erzogen.
Drittens die Funktion des Fußballs als quasi-religiöser Kult und zentrales Identitätsritual: Argentinien war in den letzten 100 Jahren ein Land der gefühlt unendlich wiederkehrenden Krisen. In einem solchen Umfeld stiftete der Fußball als kultisches Phänomen die zuverlässigste Form kollektiver Transzendenz. Das Stadion wurde zum Tempel, die Farben zu heiligen Zeichen, die Spieler zu Göttern, die Leidenschaft des Fans am Spieltag zum imbrünstigen Begehen der Liturgie. Nationale Ehre speist sich hier aus dem emotionalen Beweis der eigenen Existenz und Überlegenheit der eigenen Fußball-Religion. Fairness wird der sakralen Logik des Gewinnens des Spiels um buchstäblich jeden Preis als heiliger Pflicht untergeordnet.
Die Wurzeln der argentinischen Unfairness liegen somit in der Geschichte des Landes: Die in den Río-de-la-Plata-Raum eingewanderten Massen erlebten zunächst Reichtum, dann den traumatischen Abstieg. Sie litten unter schwachen, korrupten und verachteten staatlichen Institutionen, unter der sozialistischen Ausbeutung durch eine politische Funktionärsklasse und autoritäre Diktaturen. Sie entwickelten im 20. Jahrhundert populäre Überlebensstrategien, die sich durch wiederholte wirtschaftliche Zusammenbrüche und Armut verfestigten. Die Argentinier haben sich dabei das europäische Importgut des britischen Fußballs angeeignet und in einen identitätsstiftenden anti-elitären Widerstandskult verwandelt.
Besonders scharf tritt diese argentinische Eigenart im Vergleich mit dem brasilianischen Fußball hervor, dem „Jogo Bonito“, dem „Schönen Spiel“. Denn interessanterweise haben auch die Brasilianer sich den Fußball im Widerstand gegen die europäische Kultur angeeignet und verwandelt, nur auf ganz andere Weise: Fußball als Karneval, eine Feier der Schönheit, des Rhythmus, der spielerischen Eleganz und der individuellen Genialität.
Wo der Argentinier im Stadion und auf dem Platz die kollektive Ehre durch Aushalten, Unbeugsamkeit und Unfairness bekräftigt, sucht der Brasilianer den Rausch des Schönen, selbst wenn er das Ergebnis gefährdet. Beide wollen die Europäer schlagen und sich behaupten, die einen durch Unfairness, die anderen durch Zauberei. Beide Kulturen wuchsen aus der Straße und der Ablehnung starrer europäischer Disziplin, doch der eine legitimiert die Überschreitung von Fairness durch die Logik des heiligen Kampfes, der andere will den Gegner austanzen. Beide Kulturen weinen bittere Tränen der Demütigung, wenn die Europäer gewinnen.
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