Paradoxien liberaler Politik 20: Ein Weltreich ist zerfallen
Nur ein Pyrrhussieg?
Infolge des Zweiten Weltkriegs stieg die Sowjetunion zur globalen Supermacht auf, die den USA Paroli bieten konnte. Sie beherrschte ganz Osteuropa und Teile Asiens. Die Kolonien der zerfallenden europäischen Großmächte, die entweder die Unabhängigkeit erkämpften oder in sie entlassen wurden, bildeten zwar die „blockfreie“ Dritte Welt. Sie tendierten aber stark in Richtung der UdSSR. In China siegte 1949 die Kommunistische Partei unter Mao Zedong. Auf Kuba kam es 1959 zum Sieg der Revolutionäre, die unter anderem durch ein unglückliches Agieren der USA in die Arme der UdSSR getrieben wurden. 1957 gelang der UdSSR der erste bemannte Weltraumflug. Obwohl die wirtschaftliche Entwicklung immer mehr zuungunsten des Ostblocks im Vergleich zum Westen verlief, saß der sogenannte „Sputnik-Schock“ tief, denn er zeigte, dass die wissenschaftlich-technologische Potenz der Sowjets nicht unterschätzt werden durfte.
Seit Mitte der 1950er Jahre allerdings spaltete sich die kommunistische Hemisphäre. Es kam zum Zerwürfnis zwischen UdSSR und VR China, das Ende der 1960er Jahre sogar in bewaffneten Grenzkonflikten mündete. Alle Verbündeten waren gezwungen, Partei zu ergreifen. Trotz Vietnamkrieg und laufender anti-amerikanischer Propaganda entschied Mao Zedong sich mit den beginnenden 1970er Jahren dafür, die UdSSR zum Hauptfeind zu erklären und mit den USA Entspannung zu suchen.
Nach dem Ende des Vietnamkriegs standen die USA militärisch gedemütigt da, im Inneren tief gespalten, wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast und mit einer Währung im freien Fall. 1979 siegten in Nicaragua die sozialistischen Guerilleros der Sandinisten. Ebenfalls 1979 wurde der Schah von Persien, ein Verbündeter Washingtons, gestürzt. Ende des Jahres besetzten iranische Islamisten die amerikanische Botschaft in Iran und nahmen die Angestellten als Geiseln. Ein gewaltsamer Befreiungsversuch endete für die USA blamabel. Zum Jahreswechsel 1979/80 überfiel die UdSSR Afghanistan, um eine pro-sowjetische Regierung vor dem Sturz zu bewahren. Es sah nicht gut aus für die westliche Schutzmacht und den von ihr favorisierten „Kapitalismus“ (in Anführungsstrichen, denn genau genommen handelt es sich bei diesem System um Korporatismus).
Zwei Entwicklungen allerdings führten zu dem umgekehrten als dem Anfang der 1980er Jahre erwarteten Ergebnis.
1. In den USA wurde 1980 Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt; Anfang 1981 trat er sein Amt an. Sein Programm bestand darin, einerseits die amerikanische Wirtschaft durch Beschränkung der Staatsgewalt zu stärken und andererseits die politisch-militärische Vormachtstellung der USA wiederherzustellen. Obwohl das wirtschaftspolitische Programm Reagans nicht wie versprochen verlief (siehe Teil 18 dieser Serie), gelang es, die Währung zu stabilisieren, und die Wirtschaft erholte sich, teils angeheizt durch eine Inflationsblase. Mit außenpolitischem Säbelrasseln gelang es Reagan, den USA international wieder Respekt zu verschaffen, obwohl es den Antiamerikanismus gehörig anheizte.
2. Gleichzeitig beschleunigte der Afghanistankrieg, bei dem die USA als Unterstützer des Widerstands kräftig mitmischten, den wirtschaftlichen Bankrott der UdSSR, die in bürokratischer Erstarrung verharrte. Mitte der 1980er Jahre gelangte Michail Gorbatschow an die Macht. Er führte den Afghanistankrieg bis 1989 weiter, suchte aber zugleich eine Entspannung mit den USA, um eine Abrüstung zu ermöglichen. Diese war notwendig, um die sowjetische Wirtschaft zu entlasten. Um innenpolitische Reformen umsetzen zu können, verschärfte Gorbatschow zunächst die Zentralisation, mit deren Hilfe er die lokalen roten Feudalherrn entmachtete. Die fatale Dialektik von Zentralisation, um Befreiung zu ermöglichen, habe ich in dieser Serie immer wieder aufgezeigt. Die Abrüstung kam auch den USA entgegen, da Reagans Traum eines lückenlosen Abwehrschilds gegen sowjetische atomare Interkontinentalraketen sich technologisch nicht umsetzen ließ und finanziell zum Albtraum geworden war. Hier standen auf beiden Seiten weniger menschliche als vielmehr fiskalische Erwägungen im Vordergrund.
Anders als Reagan bezogen auf die USA gelang es Gorbatschow bezogen auf die UdSSR nicht, sein Land aus der militärisch-wirtschaftlichen Krise unbeschadet herauszuführen. In der UdSSR brachen lokale ethnisch-religiöse Konflikte aus. Ein Land nach dem anderen aus dem Ostblock ging an seiner wirtschaftlich und politisch maroden Struktur zugrunde. Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre schien es so, als würden politische und wirtschaftliche Freiheit, als würde die Demokratie im westlichen Sinne weltweit auf dem Vormarsch sein und sich behaupten. Ohne politischen Umsturz begann auch in der VR China nach Maos Tod 1976 eine Phase der Liberalisierung, die ein rasantes wirtschaftliches Wachstum nach sich zog.
Bei der Transformation der planwirtschaftlichen Systeme des Ostblocks entstanden allerdings megazentrale, scheinprivate Unternehmen, die kaum rücksichtsvoller agierten als die alten Parteibonzen. Keiner der politischen Akteure im Osten und im Westen war ein konsequenter Liberaler, niemand verfügte über ein gefestigtes Wissen, was liberale Ökonomie betrifft. Die wirtschaftlichen Akteure waren keine Unternehmer im kapitalistischen Sinne, sondern sie suchten nach Optimierung per Politiknähe. Auch die Hoffnung auf ein Verschwinden des West-Ost-Konflikts zerschlug sich. Es zeigte sich, dass es gar nicht um politische Systeme, schon gar nicht um wirtschaftliche Systeme ging, sondern um Geopolitik im Sinne der Imperium-Bildung.
Aus dem Zusammenbruch des Ostblocks lässt sich einerseits lernen, dass Systeme, die eine zu geringe wirtschaftliche Flexibilität erlauben, über die Jahre marode werden bis zu dem Punkt, dass es das politische System sprengt. Andererseits ist es aber auch wahr, dass für eine nachhaltige Entwicklung in Richtung echter Freiheit mehr notwendig ist, als der Zusammenbruch wirtschaftlich-politischer Systeme. Zwar setzt während der Phase des Zusammenbruchs sofort die Regeneration der spontanen Ordnung selbstorganisierter Wirtschaft und Gemeinschaft ein, doch die Restbestände des zusammengebrochenen Systems beweisen eine erstaunliche Beharrlichkeit, aus der dann die Erneuerung der Herrschaft erwächst. Um der Freiheit eine Gasse zu schlagen, bedarf es flankierend einer wirtschaftlich und politisch aufgeklärten Bewegung der Freiheit.
Kommentare
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