Herrschaftsformen: Die unsichtbare Enteignung
Wie es sich anfühlt, Objekt von Bürokraten zu sein
von Oliver Gorus drucken
Um 22 Uhr sitzt der Meister noch am Küchentisch. Der Auftrag ist raus, die Halle dunkel, der Lehrling zu Hause. Der Laptop steht vor ihm, offen ist schon wieder dieses Online-Portal der Behörde. Irgendeine Frist läuft um 23:59 Uhr ab, gesetzt von Leuten, die einen Betrieb wie seinen noch nie von innen gesehen haben.
Der Abend gehört der Nachweispflicht. Schulungsprotokoll, Statistikbogen, Dokumentationskette, der dritte Anlauf für eine Genehmigung, die seit Wochen „in Bearbeitung“ steht. Draußen wartet die Maschine, die er kaufen wollte. Drinnen wartet das Formular, ohne das er sie nicht aufstellen darf.
Das Institut der deutschen Wirtschaft kommt beim Wachstum der Arbeitsproduktivität in den letzten sieben Jahren nur noch auf etwa 0,3 Prozent. Das ifo-Institut summiert den volkswirtschaftlichen Schaden der Bürokratie auf rund 146 Milliarden Euro pro Jahr. In der Innung erzählen sich das die Unternehmer und Selbständigen nicht in Milliarden. Dort heißt es: Drei Monate Wartezeit. Drei Abende die Woche am Rechner. Keine Zeit mehr für die Enkel. Arbeitsstellen, die nur noch Beauftragte und Portale bedienen.
Hinter jedem neuen Berichtszwang stehen konkrete Nutznießer. Referenten sichern sich ihre Zuständigkeit. Behörden bauen Personal auf, das wiederum seine zusätzlichen Stellen absichert und selbst wieder neue schafft. Verbände erfinden Leitfäden und Schulungen zum Leitfaden. Für die anonymen Verfasser jeder neuen Regulierung ist der Aufwand klein, für hunderttausende Betriebe wiederholt sich der Aufwand jede Woche, aber das spürt der Verfasser ja nicht. Während die Stapel wachsen, kündigt jede Regierung denselben Bürokratieabbau an und lässt nach der Wahl das nächste Portal online gehen. Da kann man nichts machen, die Richtlinie aus Brüssel muss halt umgesetzt werden.
Die neue Berichtspflicht sieht gar nicht nach Enteignung aus. Kein greifbares, physisches Eigentum wird da geraubt, kein Geld vom Konto direkt abgezogen. Abgezogen wird in Form von unvergüteter Zeit. Wer Abende in Eingabemasken und Pflichtfeldern verbringt, bildet weniger aus. Wer auf Genehmigungen wartet, schiebt die Investition nochmal ein Jahr. Wer die Nachfolge durch Steuerrecht, Berichtspflichten und Haftungsregeln ziehen muss, übergibt später oder gar nicht. Wer sich um die Anforderungen des Staates kümmern muss, kümmert sich weniger um die Anforderungen des Kunden. Die Produktivität bricht nie mit einem Knall in der Werkhalle ein, stattdessen sickert sie langsam und leise über den Schreibtisch ab.
Diese Logik ist sehr alt. Schon die preußische Registratur hat Herrschaft über Listen organisiert: Denn nur wer erfasst ist, lässt sich belasten, prüfen, verpflichten und zwingen. Heute heißen die Listen Destatis-Meldung, Transparenzregister, LUCID, ear-Register, Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten, Arbeitszeitdokumentation, Gefährdungsbeurteilung, DEÜV, Energieaudit, CSRD-Abfrage, Hinweisgeberschutzakte und GoBD-Archiv.
In manchen Betrieben hat sich deshalb eine unauffällige Disziplin eingeschlichen. Gemacht wird nur noch, was zwingend vorgeschrieben ist. Andere sammeln in kleinen Kreisen die Abkürzungen durch den Irrgarten: welcher Antrag wirklich nötig ist, welche Behörde nur Drohkulisse aufbaut, wo eine Frist tatsächlich sanktioniert wird. Ein paar verlagern Buchhaltung oder Produktion dorthin, wo weniger Reibung anfällt. Und ein paar ganz Aufgeweckte investieren Zeit, um ihre KI auf Bürokratie zu trainieren, um wenigstens ein paar Prozent des Zeitaufwands zu sparen – aber in der Praxis ändern sich die Regeln zu schnell und sind zu kleinteilig … und die Haftung bleibt beim Geschäftsführer.
Souverän bleibt der Meister, wenn er die eigene Zeit wieder als Eigentum behandelt. Manche deckeln bewusst die Betriebsgröße, um unter die nächsten Schwellenwerte zu rutschen. Manche übergeben früher an Sohn, Tochter oder einen Gesellschafter, der den kafkaesken Irrgarten noch frischer erträgt. Manche verkaufen den Betrieb an die albanische Großfamilie und gehen in den vorgezogenen Ruhestand, kümmern sich künftig mehr um den Garten und die Enkel. Das sieht von außen nach Rückzug aus, von innen ist es eine Form von Streik, die Verteidigung der letzten Linie.
Um 22:30 Uhr ist das Online-Portal immer noch offen. Der Meister könnte die Kundenanfrage beantworten, die gerade noch reingekommen ist; er könnte nochmal die Maschinenvariante durchrechnen, die er sich eigentlich anschaffen müsste, um konkurrenzfähig zu bleiben; er könnte den Erfassungsbogen im Online-Portal gerade noch rechtzeitig an die Behörde absenden, er könnte sich ein Glas Wein holen und das alles noch abarbeiten. – Oder er klappt einfach den Laptop zu und geht ins Bett.
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