Imperien im Abstieg: Zeit der Monster
Historische Muster von Großmächten bis heute
von Andreas Tögel drucken
Ein von der Verhaltensbiologie gut belegtes Phänomen ist das besonders aggressive Verhalten, das in die Enge getriebene Wildtiere an den Tag legen. Das betrifft nicht nur Raub-, sondern auch Beutetiere. Tiere, die keinen Fluchtweg mehr sehen, schalten oft von Flucht auf Kampf um. Aggression wird zu ihrem letzten Versuch, sich zu verteidigen.
Ein ähnliches Muster ist auch bei wankenden oder um ihre Hegemonie fürchtenden Imperien zu beobachten, wie die Geschichts- und Politikwissenschaftler Herfried Münkler und Johannes Preiser-Kapeller feststellen. Mit aggressiver, ja kriegerischer Politik wird versucht, Herausforderern zu begegnen und dem eigenen Abstieg entgegenzuwirken. In seinem Buch „Imperien“ argumentiert Münkler, dass diese in einer Phase des Niedergangs oft versuchen, ihren Einfluss durch den Einsatz militärischer Mittel zu bewahren. Er erklärt diese Dynamik mit Blick auf historische Beispiele wie das römische und das osmanische Reich, aber auch anhand des Verhaltens zeitgenössischer Großmächte wie der USA und Russlands.
Johannes Preiser Kapeller beschreibt die USA als ein „Imperium auf dem absteigenden Ast“, das seine Glaubwürdigkeit als Schutzmacht bedroht sieht und deshalb zu härteren außenpolitischen Mitteln greift.
Die Forschung nennt mehrere Gründe, die zu einer zunehmenden Aggression im Abstieg befindlicher Imperien führen:
- Den Versuch, schwindende Macht durch Gewalteinsatz zu kompensieren
- Militärische Interventionen, um die Peripherie zu stabilisieren
- Außenpolitische Aggression als Mittel zur innenpolitischen Konsolidierung einer – zunehmend infrage gestellten – Herrschaft
- Die Angst vor dem Verlust des Status einer globalen Ordnungsmacht.
Der britische Historiker Niall Ferguson („Der Falsche Krieg“) benennt die Teilnahme der Briten am Ersten Weltkrieg als schweren strategischen Fehler, der durch die Angst vor dem Aufstieg des kontinentalen Herausforderers Deutschland bedingt war. Ab den 1890er-Jahren begann die deutsche Industrieproduktion jene Großbritanniens zu übertreffen. Die Angst der Briten vor der erstarkenden deutschen Wirtschaftskraft war so groß, dass mit dem „Merchandise Marks Act“ von 1887 der Schriftzug „Made in Germany“ auf deutschen Importprodukten vorgeschrieben wurde, um – so der Plan – britische Verbraucher vor vermeintlich minderwertigen deutschen Importwaren zu warnen. Dass diese diskriminierende Bezeichnung sich letztlich zu einem internationalen Gütesiegel für deutsche Industrieerzeugnisse entwickelte, ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte.
Jedenfalls waren es wohl eher wirtschaftliche Gründe und nicht die gerne als Kriegsgrund genannte Herausforderung durch die ambitionierte Flottenbaupolitik des deutschen Kaisers, die hinter den Aktivitäten der nicht wenigen britischen Kriegstreiber am Vorabend des Ersten Weltkriegs steckte. Denn die Stärke der deutschen Kriegsflotte war jener Großbritanniens bei Kriegsausbruch anno 1914 in allen Schiffsklassen weit unterlegen.
Die Briten hatten, neben dem 1914 gefassten Entschluss, ihre männliche Jugend für die Neutralität Belgiens sterben zu lassen, eine zweite Chance, ihr Imperium zu verspielen. Sie nutzten sie, indem sie im Jahr 1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten. Diesmal – vorgeblich – um ihre Beistandsverpflichtung gegenüber Polen einzulösen. Interessanterweise war diese Beistandsverpflichtung keinen Pfifferling mehr wert, als die Rote Armee am 17. September – also etwas mehr als zwei Wochen nach der deutschen Wehrmacht – in Polen einmarschierte. Offenkundig ging es der britischen Regierung 1939 nur um einen weiteren Krieg gegen den Festlandrivalen Deutschland, nicht aber um die als Kriegsgrund vorgeschobene Bewahrung der Integrität Polens. Die Bewahrung der Demokratie in Europa war zwar ein am Ende durch die britische Hartnäckigkeit erreichtes Ergebnis. Als Grund für seine Kriegsbeteiligung war das indes weitgehend irrelevant.
Fazit: Großbritannien hat zwar zwei Weltkriege gewonnen, aber mit dem Ende der Kolonialherrschaft über Indien im Jahr 1947, spätestens aber mit dem „Suez-Debakel“ 1956, sein Empire verloren und als Großmacht abgedankt. Antworten auf was-wäre-gewesen-wenn …?-Fragen müssen stets spekulativ bleiben. Mit einiger Berechtigung kann aber angenommen werden, dass die Briten ihr Empire noch immer beherrschten, hätten sie ihre Kräfte nicht in zwei Weltkriegen verausgabt.
Dass das US-Imperium, das von 1945 bis 1949 als unangefochtener Welthegemon herrschte, seit dem 1953 beendeten Krieg auf der koreanischen Halbinsel keinen militärischen Konflikt mehr im Sinne einer dauerhaften Befriedung des Kriegsgebietes gewonnen hat – verwiesen sei auf Vietnam, Irak, Somalia, Afghanistan, Iran (die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) –, gibt zu denken. Und das nicht nur den US-Vasallen in Euroland, sondern neuerdings auch den US-Verbündeten auf der arabischen Halbinsel, die dank der US-Intervention im Iran plötzlich unversehens unter Beschuss geraten sind und daraus ihre Schlüsse ziehen werden. Auch in Israel wird nach den jüngsten Aussagen führender US-Politiker der eine oder andere beginnen, sich Gedanken über die unverbrüchliche Zuverlässigkeit der Unterstützung durch die USA zu machen.
Résumé: Imperien kommen und gehen. Das gilt nicht nur für solche der Neuzeit! Selbst für das Reich des Alten Ägypten, das 3.000 Jahre lang bestand, das Chinesische Reich, das 2.100 Jahre überdauerte, und für das rund zwei Jahrtausende existierende Römische Reich war an einem bestimmten Punkt Schluss.
Wir leben heute, ob es uns passt oder nicht, in Zeiten, die immer „interessanter“ werden, weil die nach dem Zweiten Weltkrieg lange bestehende uni- und bipolare Ordnung einer neuen Kräfteverteilung weicht, deren Balance von Tag zu Tag instabiler wird.
Der visionäre italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891–1937) schrieb in seinen Gefängnisheften den berühmten Satz: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.“ Möge er sich geirrt haben!
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