28. Oktober 2026 06:00

Wettbewerb der Systeme Der Kurfürst in Atlanta

Warum Kapital und Könner dahin ziehen, wo sie willkommen sind

von Oliver Gorus drucken

Standortwahl: Symbolbild einer Autofabrik im amerikanischen Süden.
Bildquelle: Redaktion Standortwahl: Symbolbild einer Autofabrik im amerikanischen Süden.

Am Samstagabend stand der Audi-Chef Döllner in Perry, Georgia, auf der Bühne einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump, zehn Tage vor den Zwischenwahlen. Der deutsche Topmanager bestätigte, was der Präsident schon ausgeplaudert hatte: Die Ingolstädter Autobauer wollen rund vier Milliarden Dollar in ihr erstes eigenes Werk in den Vereinigten Staaten stecken, etwa 4.500 Leute einstellen und von Anfang der 2030er-Jahre an bis zu 200.000 große SUVs im Jahr bauen. Und zwar ausschließlich Verbrenner, also die bösen Autos, die in Europa vom politmedialen Mittelstrahl gehasst und von Bürokraten verboten werden.

Die Amerikaner in der Halle dagegen jubelten, und der republikanische Gouverneurskandidat Jackson bedankte sich „im Namen Georgias“ für den größten Wirtschaftsdeal in der Geschichte des Bundesstaats. In Deutschland nannte IG-Metall-Chefin Benner den Auftritt „äußerst peinlich“, VW-Betriebsratschefin Cavallo sah Döllner als „Marionette“ in Trumps „Propagandashow“.

Gleichzeitig mit den Investitionen in den Vereinigten Staaten streicht derselbe Konzern in Ingolstadt und Neckarsulm bis 2029 bis zu 7.500 Stellen in Verwaltung und Entwicklung, so haben es Vorstand und Betriebsrat im März 2025 vereinbart. Was der eigentliche Grund ist, warum das Geld nach Georgia fließt, während die Stellen in Deutschland verschwinden, fragte in der Empörung kaum jemand.

Trump sagt, ohne seine Zölle von 15 Prozent auf europäische Autos gäbe es das Werk nicht. Die Zölle erklären allerdings nur einen Teil des Wegs in die Vereinigten Staaten. Für den Acker in Peach County, anderthalb Autostunden südlich von Atlanta, hat Gouverneur Kemp eine eigene Rechnung aufgemacht: Seine Leute haben die Middle Georgia Megasite gekauft und erschlossen, bevor Audi anklopfte, und als die Ingolstädter kamen, lagen die Gutachten bereits fertig auf dem Tisch. Das staatliche Programm Georgia Quick Start bildet die künftige Belegschaft auf Kosten des Bundesstaats aus, mit Kursen, die eigens auf das Audi-Werk zugeschnitten sind.

Als ersten Grund für Georgia nannte Audi selbst das in Deutschland unmögliche Tempo, und das hat dort Vorgeschichte: Hyundai stach im Oktober 2022 bei Savannah den ersten Spaten in den Boden und ließ im Oktober 2024 die ersten Elektroautos vom Band laufen. In Deutschland wäre das Risiko, dass eine verirrte Fledermaus Kotspuren auf der Baustelle hinterlässt und daraufhin ein jahrelanger Baustopp erlassen wird, unberechenbar.

Das Verfahren der Vertreibung der Besten aus Arroganz und Realitätsferne ist 341 Jahre alt. Am 18. Oktober 1685 widerrief der selbsternannte „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. in Fontainebleau das Edikt von Nantes, das den Hugenotten, den französischen Protestanten, seit 1598 ihren Glauben garantiert hatte. Er verbot ihnen nicht nur ihren Glauben, riss ihre Kirchen ein, schloss ihre Schulen, entführte ihre Kinder, um sie in katholische Schulen zu stecken, und verbot ihre Gottesdienste bei Todesstrafe, sondern er quartierte Dragoner in protestantische Familien ein, um diese zu schikanieren und zum Katholizismus zu zwingen. Er verhängte Berufsverbote und schloss sie von allen öffentlichen Ämtern aus. Und er verbot ihnen bei Strafe der Galeere, das Königreich zu verlassen.

Sie gingen trotzdem, nach gängigen Schätzungen um die 200.000. Und sie gingen dorthin, wo sie willkommen waren. Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg und später der Große genannt, machte den Hugenotten ein großzügiges Angebot, das sich liest wie die Broschüre einer Wirtschaftsförderung: Schiffe und Pässe ab Amsterdam, verfallene Häuser zu Eigentum samt Holz und Kalk, bis zu zehn Jahre Abgabenfreiheit, Bürger- und Zunftrecht ohne Gebühr, dazu ein Schiedsmann, der Streit „ohne einige Weitläuffigkeit“ beilegen sollte. Ungefähr 20.000 Hugenotten nahmen das Angebot an und kamen nach Brandenburg, um 1700 war grob jeder fünfte Berliner Franzose. Sentimental war daran wenig, der Kurfürst regierte nach dem Dreißigjährigen Krieg über entvölkerte Dörfer und brauchte Handwerker, die Steuern zahlen konnten.

Heute sitzt der großzügige Kurfürst in Atlanta, und an der Spree halten die Sonnenkönige Hof. Eine Arbeitsstunde im deutschen verarbeitenden Gewerbe kostete 2025 laut Statistischem Bundesamt 49,50 Euro, und Arbeitgeber und Beschäftigte führen 2026 zusammen rund 42 Prozent des Bruttolohns an die Sozialkassen ab. Je produziertem Stück zahlte die amerikanische Industrie 2024 laut Institut der deutschen Wirtschaft ungefähr ein Drittel weniger Lohnkosten als die deutsche. Vom Gewinn einer Kapitalgesellschaft kassieren der deutsche Finanzminister und die Kämmerer der Gemeinden über Körperschaft- und Gewerbesteuer knapp 30 Prozent, in Georgia kommen die Bundessteuer von 21 Prozent und die Staatssteuer von 4,99 Prozent zusammen auf etwa 25. Ja, die schwarz-rote Koalition hat versprochen, die Körperschaftsteuer ab 2028 in Trippelschritten zu senken – im Jahr 2032 wäre Deutschland bei den Unternehmenssteuern dann ungefähr dort angekommen, wo Georgia heute schon steht.

Beim Strom wird der Abstand grotesk. Größere deutsche Industriebetriebe zahlten bei Neuabschlüssen 2025 laut BDEW etwa 14,5 Cent je Kilowattstunde, Georgias Industriekunden laut Energiebehörde der Vereinigten Staaten EIA im Schnitt 7,88 US-Cent, umgerechnet grob die Hälfte. Im April 2023 ließ die Ampel-Regierung die letzten deutschen Kernkraftwerke vom Netz nehmen. Dreieinhalb Monate später ging in Georgia der neue Reaktor Vogtle 3 in Betrieb, im April 2024 folgte Vogtle 4. Und den Preis der deutschen Formulare und Berichtspflichten beziffert das ifo-Institut auf bis zu 146 Milliarden Euro entgangene Wirtschaftsleistung im Jahr.

Ludwig XIV. hielt Repressionen plus Auswanderungsverbot für eine Lösung. Am Berliner Hof und in seinen Vorzimmern bei den Gewerkschaften fällt die Antwort auf Georgia ähnlich aus: Empörung über den Abtrünnigen und der Ruf nach „verbindlichen Perspektiven“ für die deutschen Standorte, also nach Bleibegarantien per Beschluss. Die Hugenotten bauten unterdessen in Berlin ihre Kirche am Gendarmenmarkt. In Peach County beginnen im nächsten Jahr die Erdarbeiten.


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