Paradoxien liberaler Politik 03: Schule der Zentralisten
Wilhelm von Humboldt
Dass es wahre Liberale auch schon vor Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek in deutscher Sprache gab (man glaubt es kaum), dafür ist Wilhelm von Humboldt (1767–1835) der Beweis.
In seiner Frühschrift „Ideen zu einem Versuch, die Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ entwarf er 1797 das perfekte Bild eines liberalen Nachtwächter- oder Minimalstaats. Der Staat habe sich um nichts zu kümmern als darum, die innere und äußere Sicherheit zu garantieren. Freilich wurde sie erst ein halbes Jahrhundert später veröffentlicht. Zeitgenossen konnten sie nicht kennen. Die Bildungs- und Sprachtheorie Humboldts bleibt unübertroffen, und man kann seine Werke noch heute mit Genuss und intellektuellem Gewinn lesen.
Nach der historischen Niederlage des preußischen Staats gegen das Frankreich unter der Führung von Napoleon – ein Kaiser zwar, aber dennoch ein Kind der Revolution – begab sich das verbliebene Restpreußen ab 1807 in einen Prozess der sogenannten „Revolution von oben“ (ein Begriff, der uns noch weiter begleiten wird): Das waren die Stein-Hardenbergschen Reformen, die Preußen in einen modernen Staat verwandeln sollten. Rationale staatliche Verwaltung, Rechtssicherheit, wirtschaftliche Freiheit, unterstützt von massiven staatlichen Subventionen, das waren die Leitlinien dieser Reform. Sie wurde als „Reform von oben“ bezeichnet, im Gegensatz zu einer Revolution, die vom Volk ausgeht.
Die Reform des Bildungswesens wurde Wilhelm von Humboldt 1811 übertragen. Er agierte nicht einmal im Ministerrang, und das nicht einmal ein volles Jahr lang, bis er die Nase voll hatte von der Bürokratie (als Adliger war er auf den Job ökonomisch nicht angewiesen). In elf Monaten erreichte er die Institutionalisierung eines Bildungswesens, das der ganzen Welt bis heute als Vorbild dient. Es gibt wohl keinen Politiker in der neueren Geschichte, dem Vergleichbares gelungen wäre.
Was hatte Humboldt im Auge?
Als Bildungstheorie: die Bildung zum Menschen. Auch hier wieder (wie bei Jefferson) keinerlei Anzeichen davon, die Bildung solle für den Beruf oder das Leben fit machen. „Abzweckung“ der Bildung, also einen Zweck der Bildung anzusetzen, fand Humboldt abscheulich. Bildung sei Bildung um ihrer selbst willen. Der Mensch solle sich seines Mensch-Seins gewahr werden. Das stelle das alleinige Ziel der Bildung dar. Und dies lerne der junge Mensch einzig und allein durch die griechische Sprache. Alle anderen Fächer befand Humboldt für eitel. Wenn heutige Konservative die humboldtsche Allgemeinbildung als Vorbereitung auf Leben oder Beruf einfordern, muss ich schmunzeln: Humboldt hätte eine solche Argumentation verachtet.
Bildung als Organisation: Humboldt vergaß nie, dass er eine Einflussnahme des Staats auf die Bildung „eigentlich“ als außerhalb seiner rechtmäßigen Wirksamkeit betrachtete. Nur die Eltern (und die Kinder beziehungsweise Jugendlichen?) seien berechtigt, über die Bildung zu befinden.
Eigentlich. Was Humboldt als vom preußischen König beauftragter Reformer an (Aus-)Bildung, Schule und Unterricht vorfand, war ein Wust von Zuständigkeiten. Es gab kirchliche, religiöse und ethnische Einrichtungen, vor allem gab es die Handwerkszünfte, die die Berufsausbildung dominierten. Für die Wohlhabenden gab es Hausunterricht. Zudem gab es eine Unzahl von privaten Bildungsereignissen, die Klipp- oder Winkelschulen genannt wurden. Diese haben bis heute einen schlechten Ruf, der meines Erachtens zu Unrecht besteht. Die vor allem armen Eltern bezahlten freiwillig für ihn. Warum sollten sie etwas einkaufen, das schlecht für ihre Kinder ist? Es finden sich kaum valide Daten über die private Bildung vor der Zwangsinstitutionalisierung der Schule. Über einige Daten verfügen wir bezüglich der Situation in England (dank dem kanadischen Ökonomen E. G. West [1922–2001]). Bezüglich Deutschlands hätten wir mehr empirisches Material, wenn ich jemals eine Professur erhalten hätte: Die Lage der Privatschulen im 19. Jahrhundert zu erforschen, wäre mein Programm gewesen. Humboldt verabscheute samt und sonders diese Formen der Bildung, die er vorfand: Sie richteten sich auf die Weitergabe von partikularen Traditionen und auf die Vermittlung von beruflichen Fertigkeiten, beides statt allgemeiner Menschenbildung im Sinne Humboldts. Die Lehrer in all diesen Einrichtungen benutzten intuitive, vorwissenschaftliche Methoden. Die systematische Didaktik steckte noch in den Kinderschuhen.
Humboldts Plan: Der Staat setzt ein einheitliches System durch. Es beginnt mit der Elementar- (Grund-)Schule, es schließt sich das Gymnasium an, und es mündet in die Universität. Die Elementarschule interessierte Humboldt wenig, sie sollte die für die Erlernung des Griechischen nötigen Vorkenntnisse vermitteln. Er votierte dafür, die sogenannte „mechanische Methode“ von Johann Pestalozzi (1746–1827) für alle Grundschullehrer verbindlich zu machen. Pestalozzi hatte seine Methode im Kontext des von ihm geführten Waisenhauses entwickelt und praktizierte sie, während er ein fast übermenschliches Engagement für das Wohl der ihm anvertrauten Kinder zeigte. Diese Methode einerseits zu dogmatisieren, andererseits in die Hände von beamteten Lehrern zu legen, war durchaus brenzlig und vielleicht sinnwidrig. Das kümmerte Humboldt, der Pestalozzis Methode einige Jahre zuvor Goethe gegenüber in einem Brief als geistlos gegeißelt hatte, nicht. Alle Lehrer sollten die Methode lernen und einsetzen. Basta. Im Gymnasium sollten einzig Sprachen und zuvörderst das Griechische im Zentrum stehen.
Übrigens hatte Humboldt alles andere als ein dreigliedriges System aus Volks- und Realschule sowie Gymnasium im Sinn. Das Gymnasium war von ihm als konkurrenzlos weiterführende Schule gedacht, wenn auch natürlich nicht alle Kinder bis zum Abitur bleiben sollten. Für einige Wenige schloss sich die Universität an. Selbstredend war auch die Universität auf Sprachen ausgerichtet. Naturwissenschaften hielt Humboldt für nicht bildend, wenn auch vielleicht aus pragmatischen Gründen notwendig. Was kümmerten einen Adeligen die Notwendigkeiten des schnöden Gelderwerbs! Als Mensch musste man darüber stehen.
Und wenn dieses wunderbare humanistische System der Bildung dereinst vollständig durchgesetzt und von allen widerspruchslos akzeptiert sein wird, dann, ja dann kann man es getrost aus den Händen des Staats in die der Nation zurückgeben, so träumte Humboldt. Dies ist das vielleicht erste Mal, dass etwas in der Art gedacht wurde, wie es später W. I. Lenin mit und nach der Russischen Revolution 1917 versuchte: Zunächst wird das gesamte Leben in der Staatsgewalt vereinigt, um dann in den endzeitlichen Kommunismus ohne Staatsgewalt übergehen zu können. Während Lenin den Kommunismus 1920 als Sowjetmacht (rätedemokratische Organisation) plus Elektrifizierung des ganzen Landes definierte, definierte Humboldt die Bildung als allgemeine Griechischkenntnisse plus elterliche Hoheit über die Schulbildung (freilich ohne Einspruchsmöglichkeit gegen das Griechische als primären Gegenstand des Unterrichts).
Was wurde aus Humboldts Ideen? Sie setzten sich weitgehend, aber nicht vollständig durch. Dass sich neben dem Gymnasium Volks- und Realschulen etablieren konnten, widersprach seinen Vorstellungen. Das typisch deutsche dreigliedrige Schulsystem folgte pragmatischen, an den ökonomischen Erfordernissen orientierten Gegebenheiten. Humboldt wollte, dass der Schulunterricht nicht kostenlos sei, damit die Eltern bei einer zukünftigen Reprivatisierung keinen Schock erleben mögen. Doch die Tatsache, dass die Direktoren der Gymnasien auf Einnahmen angewiesen waren, zwang sie dazu, die Kinder aller zahlungsbereiten Eltern aufzunehmen. So konnten sie keine sozial diskriminierende Selektion vornehmen. Also führte man unter Bismarck die Schulgeldfreiheit ein. Das durch einheitliche Struktur, einheitliche Methode, einheitlichen Lehrplan sowie durch Steuergelder finanzierte System wurde zum Vorbild für die ganze Welt, wenn auch Details der Struktur, der Methode und des Lehrplans vielfältigen nationalen, zeitbedingten und ökonomischen Erfordernissen angepasst wurden.
Dennoch. Mit Beginn der 1970er Jahre, als in der Bundesrepublik Deutschland das Fieber der sozialdemokratischen Bildungsreform ausbrach, angeheizt von „der Wirtschaft“ im Ruf nach einer modernen, den ökonomischen Notwendigkeiten untergeordneten Bildung, da schrieb der konservativ-marxistische Bildungstheoretiker Heinz-Joachim Heydorn (1916–1974), ausgestattet mit großer Sympathie auch für den Anarchismus, das Humboldt’sche Gymnasium habe Revolutionäre hervorgebracht, die Gesamtschule werde nur Konformisten produzieren. Eine bessere Würdigung Humboldts ist nicht denkbar.
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