23. November 2025 18:00

Libertarismus Milei ist kein Verräter – wir waren nur ungeduldig

Warum Libertäre sich gerade selbst zerlegen – und wie wir den Grabenkrieg sofort beenden können

von Volker Ketzer drucken

Während das Haus brennt, streiten wir uns über den Feuerlöscher. Milei löscht erst mal – und wir sollten endlich mithelfen.
Bildquelle: e-Redaktion Während das Haus brennt, streiten wir uns über den Feuerlöscher. Milei löscht erst mal – und wir sollten endlich mithelfen.

Ein Streit, der uns schwächt

Kaum ein Thema entzweit die libertäre Szene derzeit so sehr wie Javier Milei.

Für die einen ist er der Flammenwerfer, der dem Leviathan endlich ans Fell geht.

Für die anderen ist er bereits jetzt ein Verräter, ein Opportunist, ein Politiker wie alle anderen – einer, der die reine Lehre verkauft hat, bevor er sie überhaupt anwenden konnte.

Zwischen diesen Extremen sitzt die schweigende Mehrheit und fragt sich:

Warum zerlegen wir uns selbst, während der Feind kerzengerade vor uns steht?

Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Das falsche Bild vom libertären Messias

Milei hat ein Problem, das größer ist als jede Fiskalpolitik: seine eigene Fanbase.

Wir haben ihn zum Erlöser gemacht – zum Mann, der aus einem peronistisch verwahrlosten Trümmerhaufen über Nacht ein anarchokapitalistisches Labor zaubern soll.

Das ist menschlich verständlich – aber politisch naiv.

JA, wir hassen Politik! Dennoch sind wir gezwungen auf diesem Feld zu spielen und zu agieren, wenn wir an unser Ziel gelangen wollen.

Wer in einem Land antritt, das 150 Prozent Inflation, leere Kassen und eine komplett verrottete Verwaltung geerbt hat, kann die Utopie nicht sofort umsetzen. Nicht weil er nicht will. Sondern weil Realität nicht verhandelbar ist.

Im Maschinenraum der Macht gibt es keine Reinheitsgebote. Da arbeiten Menschen, Institutionen, Interessen, Bürokratien – und vor allem: die Zeit gegen dich.

Erwartet man dagegen reine Lehre, bekommt man zwangsläufig Enttäuschung. Und genau das erleben wir gerade in Echtzeit: Eine Welle aus Shitstorms, „I told you so“-Memes und neuen „besseren“ libertären Messias-Kandidaten, die natürlich nächstes Mal alles richtig machen werden – von ihrem Sofa aus.

Die Realität ist kein Buch

Viele von uns haben jahrelang in Büchern, Podcasts und Foren eine Welt ohne Staat gelebt – intellektuell.

Jetzt kommt ein Typ, der tatsächlich im realen, politischen Dreck kämpft, Allianzen mit Leuten schmieden muss, die wir gestern noch als unsere Feindbilder benutzt haben, die Hyperinflation stoppen muss, bevor überhaupt jemand zuhört.

Das fühlt sich wie Verrat an. Dabei ist es nur das erste Mal, dass unsere Theorie auf die Straße trifft – und dort vielleicht erst mal eine blutige Nase kassiert.

Politik ist kein Software-Update.

Es gibt kein Dropdown-Menü: Staat → Einstellungen → Abschaffen → Anwenden.

Wir unterschätzen häufig, wie sehr die Realität das Tempo vorgibt. Nicht die Theorie. Nicht die Moral. Nicht unser theoretischer Wunschzettel.

Politik ist ein Kampf um Zentimeter. Um Millimeter. Um jede einzelne Reduktion staatlicher Macht.

Minarchismus: der ungeliebte Zwischenschritt

Ich bin AnCap im Herzen. Punkt.

Aber ich bin nicht blind.

Es gibt einen Grund, warum die Reibung zwischen AnCaps und Minarchisten so alt ist wie die Szene selbst: Beide wollen Freiheit – nur in verschiedenen Geschwindigkeiten und mit unterschiedlichen Mitteln auf unterschiedlichen Wegen.

Der Minarchist will einen Minimalstaat. Ich halte das nicht für eine Lösung, sondern maximal für eine Übergangserscheinung – eine Art Zwischenland, durch das wir möglicherweise hindurchmüssen, bevor wir weitergehen können.

Minarchismus ist kein Ziel. Aber er ist ein Weg. Eine Brücke zu Normies, die noch lernen müssen, dass Freiheit nicht Chaos bedeutet, sondern Verantwortung.

Wer wie Hoppe die Demokratie als systemische Falle durchschaut hat, der weiß: Wahlen allein reichen nicht. Sie können sogar in die Irre führen.

Und genau deshalb ist Milei so spannend – nicht weil er das Endziel ist, sondern weil er der erste reale Stresstest für unsere Ideen unter extremsten Bedingungen ist.

Er muss erst das Feuer löschen, bevor er das Haus umbaut.

Er muss erst die Inflation killen und den Staatsapparat stabilisieren, bevor er ihn schrumpfen kann.

Das ist keine Kapitulation. Das ist notwendige Reihenfolge.

Hoppe hat uns gelehrt: Der Staat wird nicht durch Wahlerfolge kleiner, sondern durch Abspaltung, durch kulturelle und physische Trennung von seinen Blutsaugern.

Milei kann das heute noch nicht machen – aber er schafft gerade die Voraussetzung dafür, dass morgen jemand anderes es kann.

Die Entzauberung Mileis

Ist Milei ein Verräter? Nein.

Er ist ein Politiker in einem Staat, der seit Jahrzehnten systematisch verrottet ist. Er kämpft nicht gegen einen Gegner, sondern gegen eine komplette Kultur – mit Werkzeugen, die ihm die Realität gerade lässt.

Er kann nicht anarchokapitalistisch regieren, weil Argentinien nicht anarchokapitalistisch ist.

Man trägt ein einstürzendes Hochhaus nicht von oben nach unten ab.

Man stabilisiert erst die tragenden Wände, bevor man die überflüssigen Stockwerke entfernt.

Milei ist kein Heilsbringer.

Er ist ein Werkzeug. Ein Hebel. Ein Stresstest für die Macht.

Wer ihn als „Verräter“ beschimpft, erwartet von einem einzelnen Mann, was eigentlich Aufgabe einer ganzen Gesellschaft ist: die Bereitschaft, Freiheit zu erkämpfen und zu leben.

Und genau das ist der blinde Fleck vieler Kritiker: Sie wollen, dass ein Präsident die Gesellschaft verändert – dabei muss erst die Gesellschaft bereit sein, damit ein Präsident etwas verändern kann.

Der wahre Konflikt: Ideal vs. Wirklichkeit

Der Streit um Milei ist psychologisch, nicht politisch.

Puristen wollen Reinheit.

Pragmatiker wollen Schritte.

Beide wollen Freiheit – und reden doch aneinander vorbei.

Der Purist sagt: „Wenn er nicht alles ändert, ändert er nichts.“

Der Pragmatiker sagt: „Wenn er nichts ändern kann, kann niemand etwas ändern.“

Beide haben recht. Und keiner hat recht.

Denn Freiheit ist kein Schalter, kein Zustand. Sie ist ein Weg.

Und jeder Weg hat zwei Dimensionen: Richtung und Geschwindigkeit.

AnCaps bestimmen die Richtung.

Pragmatiker bestimmen das Tempo. Und die Mittel und Werkezuge.

Wir brauchen beide – und wir brauchen vor allem Geduld.

Wer jetzt „Akzelerationismus!“ ruft und hofft, dass alles noch schlimmer werden muss, hat nicht verstanden: Argentinien war schon am Boden. Und am Ende stand nicht die Anarchie, sondern ein Kerl mit Kettensäge, der aufräumt.

Das ist der Beweis: Selbst aus dem Kollaps kommt nicht automatisch Freiheit – aber manchmal ein erster Schritt.

Vier Lösungen, die sofort funktionieren würden

Erstens: Realitätsschock

Wir müssen endlich akzeptieren: Unsere Utopie scheitert nicht an den Gegnern, sondern an unseren überzogenen Erwartungen. Wer auf absolute Reinheit wartet, wird nie anfangen. Wer sofortige Anarchie verlangt, wird immer enttäuscht sein. Am Ende verliert die Freiheit nicht durch Unterdrückung – sondern durch libertäre Ungeduld.

Zwitens: Keine Erlöser – nur Wegbereiter

Freiheit hat keinen Messias. Sie hat Schrittmacher.

Wenn wir Milei als Etappenarbeiter sehen statt als Heilsbringer, verschwindet 90 Prozent des Streits. Er ist der Mann, der ein kaputtes System gerade mal um ein paar Grad in die richtige Richtung dreht. Und genau das reicht, um Geschichte zu schreiben.

Dritens: Strategische Arbeitsteilung

Der Purist bewacht die Vision und verhindert, dass wir uns mit halben Sachen zufriedengeben.

Der Pragmatiker öffnet Türen und schafft Momentum.

Der Minarchist übersetzt unsere Ideen für die Normies und baut Brücken.

Milei liefert den realen Beweis, dass Veränderung möglich ist.

Das ist kein Widerspruch – das ist perfekte Arbeitsteilung. In jedem anderen politischen Lager wäre das selbstverständlich. Nur wir Libertäre veranstalten daraus einen Wettbewerb in Selbstsabotage.

Viertens: Einigkeit ohne Uniformität

Wir müssen uns nicht lieben. Wir müssen uns nicht in allem einig sein. Wir müssen nicht mal dieselbe Sprache sprechen.

Aber wir müssen die Richtung teilen – und das eigene Ego disziplinieren.

Denn Ego spaltet. Der Leviathan profitiert nur, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen.

Und bevor sich Stimmen erheben: Nein! Das ist nicht Kollektivismus! Das ist Strategie, Sinn und Verstand.

Am Ende zählt der Fortschritt

Milei ist nicht das Ziel.

Er ist ein Schritt. Ein kleiner. Ein wichtiger.

Freiheit kommt selten als großer Knall.

Meist kommt sie als leiser Fortschritt – Zentimeter für Zentimeter.

Ja, mit und durch Milei stehen wir zum ersten mal im Fokus und müssen liefern.

Ja, wir stehen vor dem Risiko in eine Situation zu geraten wie die Sozialisten, die immer wieder beteuern müssen, dass der Sozialismus ja einfach noch nie RICHTIG umgesetzt wurde.

Aber genau deshalb sollten wir Milei feiern, konstruktiv kritisieren, unterstützen – aber vor allem: nutzen.

Denn dieses Momentum ist so viel wertvoller und größer, als das oben genannte Risiko.

Und wenn wir dieses Momentum durch interne Grabenkämpfe ersticken, dann sind nicht die Peronisten, die Sozialisten und Etatisten unsere größte Gefahr, sondern wir selbst.

Bleib frei im Kopf.


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