Freiheit: Warum Freiheit Streit braucht – und Harmonie ihr gefährlichster Feind ist
Der Ruf nach Einigkeit erstickt den freien Geist
von Volker Ketzer drucken
Freiheit ist kein ruhiger oder friedlicher Zustand.
Sie ist kein Gleichgewicht.
Sie ist kein Ort, an dem alle im Gleichtakt zustimmend nicken.
Freiheit beginnt dort, wo es knirscht.
Wer eine freie Gesellschaft will, muss akzeptieren, dass sie laut ist.
Unordentlich.
Widersprüchlich.
Manchmal dreckig.
Dass sie Menschen hervorbringt, die sich irren, provozieren, anecken. Dass sie Streit produziert – nicht als Betriebsunfall, nicht als Ausnahme, sondern als Normalzustand.
Doch genau das ist heute verpönt.
Nicht Unfreiheit gilt als Problem, sondern Dissenz und Konflikt.
Unsere Zeit hat eine neue politische Leitidee: Harmonie.
Nicht als Ideal des Zusammenlebens, sondern als Maßstab der Legitimität.
Was nicht aalglatt ist und stört, gilt als verdächtig.
Was polarisiert, als gefährlich.
Was oder vielmehr wer widerspricht, als destruktiv.
Und so entsteht ein paradoxes Bild:
Je lauter von Freiheit gesprochen wird, desto kleiner wird der Raum, in dem sie tatsächlich stattfinden darf.
Die Illusion der konfliktfreien Gesellschaft
Konflikt gilt heute als Zeichen von Versagen.
In der Politik.
In den Medien.
In Unternehmen.
In sozialen Beziehungen.
Man spricht von „Spaltung“, wenn lediglich konträre Meinungen aufeinandertreffen.
Von „Verrohung“, wenn Argumente nicht politisch korrekt weichgespült, sondern hart vorgebracht werden.
Von „Radikalisierung“, wenn jemand nicht mehr bereit ist, sich widerstandslos ein- und unterzuordnen.
Doch das ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung.
Nicht der Streit zerstört die Freiheit.
Die Angst vor dem Streit tut es.
Eine konfliktfreie Gesellschaft ist keine reife Gesellschaft.
Sie ist eine disziplinierte, verängstigte.
Denn wo Konflikte vermieden werden sollen, muss man Unterschiede einhegen.
Und wo Unterschiede eingehegt werden, braucht es Regeln.
Sprachregeln. Verhaltensregeln. Haltungsregeln.
Nicht, um die Wahrheit zu schützen –
sondern um Ruhe zu garantieren.
Man sieht genau das im Alltag: Schulen, in denen „unangenehme“ Themen vermieden werden, damit niemand „getriggert“ wird.
Unternehmen, in denen Feedback nicht mehr direkt gegeben, sondern „konstruktiv verpackt“ werden muss.
Soziale Medien, in denen Algorithmen und Moderatoren alles glätten, was Reibung erzeugen und Gefühle verletzen könnte.
Harmonie ist kein Zeichen von Freiheit
Harmonie klingt gut.
Sie verspricht Frieden, Sicherheit, soziale Wärme.
Politisch jedoch ist Harmonie ein trügerisches Versprechen.
Denn sie entsteht nicht durch Freiheit, sondern durch Anpassung.
Eine Gesellschaft ist nicht deshalb ruhig, weil alle überzeugt sind, sondern weil viele gelernt haben, zu schweigen.
Harmonie entsteht, wenn Reibung vermieden wird und Konflikte delegitimiert werden.
Wenn Meinungen nicht mehr widerlegt, sondern problematisiert werden.
Nicht: „Das ist falsch.“
Sondern: „Das spaltet.“
Nicht: „Ich widerspreche.“
Sondern: „Das ist nicht hilfreich.“
So verschiebt sich der Maßstab.
Nicht mehr Wahrheit und Fakten entscheiden – sondern Verträglichkeit und Gefühle.
Nicht mehr Argumente – sondern Atmosphäre.
Warum Freiheit Reibung braucht
Freiheit ohne Konflikt ist eine leere, bedeutungslose Hülle.
Denn Freiheit bedeutet nicht, dass alle übereinstimmen.
Sie bedeutet im Gegenteil, dass sie es eben nicht müssen.
Eine freie Gesellschaft hält aus, dass Menschen unterschiedliche Ziele verfolgen, unterschiedliche Werte haben und unterschiedliche Wahrheiten haben und behaupten.
Sie hält aus, dass diese Wahrheiten kollidieren.
Dass es laut wird.
Dass es unbequem wird.
Nicht, weil Konflikt schön ist, sondern weil er unvermeidlich ist, wenn Menschen frei handeln.
Wer Konflikt verhindern will, muss Freiheit begrenzen.
Wer Freiheit will, muss Konflikt akzeptieren.
Das ist keine moralische Frage.
Es ist eine strukturelle.
Der Markt funktioniert durch Konkurrenz.
Wissenschaft durch Widerspruch.
Demokratie durch Streit.
Selbst die Familie lebt von Auseinandersetzung – solange sie nicht unterdrückt wird.
Wer das alles glattbügeln will, tötet nicht nur den Streit.
Er tötet die Dynamik, aus der Neues entsteht.
Die neue Angst vor dem Streit
Heute wird nicht mehr gefragt: „Wer hat recht?“
Sondern: „Was macht das mit der Gesellschaft?“ und „Wem nützt dieser Konflikt?“ (Spoiler: in der Regel nutzt es laut öffentlicher Meinung stets den „Falschen“.)
Das klingt erwachsen.
Ist aber oft infantil, weil es Verantwortung verweigert und verschiebt.
Nicht mehr der Einzelne muss mit Widerspruch umgehen –
die Gesellschaft soll ihn verhindern.
So entsteht eine Kultur der Vorbeugung:
Debatten werden entschärft, bevor sie überhaupt richtig beginnen.
Positionen geglättet, bevor sie noch jemanden provozieren.
Sprache normiert, bevor sich irgendwer verletzt fühlen könnte.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Angst.
Angst vor Eskalation.
Angst vor Kontrollverlust.
Angst vor dem offenen Ausgang.
Und genau das fördert das eigentliche Motiv zutage:
das Misstrauen gegenüber freien Menschen.
Freiheit ist kein Wohlfühlprojekt
Eine freie Gesellschaft schuldet niemandem emotionale Sicherheit.
Sie schuldet nur eines: Raum.
Raum für Entscheidungen.
Raum für Irrtum.
Raum für Widerspruch.
Wer Freiheit will, muss aushalten, dass andere sie anders nutzen.
Dass sie provozieren.
Dass sie falsche Dinge sagen.
Dass sie recht haben könnten – oder eben nicht.
Der Wunsch nach Harmonie ist menschlich.
Aber politisch und gesellschaftlich ist er gefährlich.
Denn Harmonie ist nicht das Gegenteil von Gewalt.
Sie ist oft nur ihre höfliche Vorstufe.
Das leise Ende der Freiheit
Wie schon in anderem Kontext des Öfteren geschrieben, stirbt Freiheit heute nicht durch offene Unterdrückung.
Sie stirbt durch den Wunsch, es bitte ruhiger zu haben.
Nicht der Diktator ist ihr größter Feind.
Sondern der Moderator.
Der, der ständig beschwichtigt.
Der ausgleicht.
Der relativiert.
Der alles auf einen gemeinsamen Nenner bringen will.
Freiheit lässt sich aber nicht moderieren.
Man kann sie nur zulassen.
Und das bedeutet:
Streit.
Konflikt.
Reibung.
Nicht als Ausnahme –
sondern als Normalzustand einer erwachsenen Gesellschaft.
Wer das nicht aushält, will keine Freiheit.
Er will Ordnung mit gutem Gewissen.
Und Ordnung hat viele Formen.
Freiheit nur eine.
Bleib frei im Kopf.
Kommentare
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