Religion und Gesellschaft 16: Identität – Opposition – Zwang
Die drei Paradigmata
Die drei über die Jahrtausende maßgeblichen Richtungen der abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – markieren jenseits ihres gemeinsamen Ausgangspunkts drei sehr unterschiedliche Paradigmata der Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft.
Das Judentum stellt die vielleicht engstmögliche Verbindung von gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Entwicklung dar. Die Grundlage dafür, diese Verbindung über so lange Zeit aufrechtzuerhalten, bildet die Kombination von Ausschließlichkeit mit hohem Konformitätsdruck nach innen. Die Ausschließlichkeit ist notwendig, um die Vermischung mit anderen Kulturen, aber auch mit anderen sozialen Interessen zu verhindern. Der Konformitätsdruck wird durch die Ausschließlichkeit verstärkt, denn sie konstituiert ein starkes Bewusstsein der Angehörigen von Religion und Volk, „anders zu sein“. Die negative Reaktion der Außenstehenden wiederum verstärkt den Konformitätsdruck. Sozialhistorisch von großem Interesse ist, dass Thora und Tanach den Übergang eines Volks von der Anarchie zum Staat aufzeichnen, wenn auch aus der Perspektive der vollzogenen Installierung von Herrschaft. Die Ur-Anarchie wird aufrechterhalten durch die Institution der verwandtschaftlichen Beistandspflicht. Aus ihr resultiert das segmentäre Gleichgewicht, sodass kein gesellschaftliches Segment die Vorherrschaft erlangen kann. Die Aufkündigung der Beistandspflicht ist demnach das zentrale Moment in der Staatsentstehung. Für diese Aufkündigung stehen die Erzählung vom Tanz ums Goldene Kalb (siehe Teil 15 dieser Serie) sowie die Etablierung des unbedingten Gehorsams der Führung gegenüber (siehe die Teile 13 und 14 dieser Serie). Die Identität von Religion, Kultur und politischer Struktur im Judentum ist einzigartig. Die Bedingung dafür ist allerdings, dass die Religion sich nicht außerhalb der Grenzen des Volkes verbreitet. Freilich bedeuten diese Identität und der mit ihr einhergehende Konformitätsdruck nicht, dass eine Homogenität erreicht wird: Die endlosen Querelen und Debatten unter Juden sind sprichwörtlich.
Das Christentum, das aus einer Abspaltung vom Judentum entstand, kehrte die sozialhistorischen Bedingungen des Judentums um. Da die Hoffnung der ersten Judenchristen unerfüllt blieb, dass das jüdische Volk sich mehrheitlich ihnen anschloss, heckte der Apostel Paulus einen genialen Plan aus, der drei Teile enthielt: Erstens machte er das Christentum für Nichtjuden zugänglich. Die Attraktivität bestand darin, dass das Judentum aufgrund von Sittenstrenge gegenüber der hellenistischen Dekadenz der Kaiserzeit in hohem Ansehen stand, aber für Proselyten nicht empfänglich war. Paulus sagte: Kommt zu uns! Zweitens legte Paulus den Grundstein einer Kirchenbildung, die die Stabilität und die Homogenität des Glaubens in einer kulturell andersartigen Umgebung ermöglichte. Keine andere Religion in jener Zeit verfügte über eine solche kirchliche Infrastruktur, die gleichsam einen Staat im Staat bildete. Brüche in der Homogenität, also Abweichungen in Fragen des Glaubens oder der Gemeindeführung, führten schon bald zu heftigen, unversöhnlichen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bemerkenswerterweise führten diese Auseinandersetzungen nicht zum Niedergang des Christentums, sondern begleiteten seinen Aufstieg zur Weltherrschaft. Drittens konstruierte Paulus eine fragile Balance zwischen Widerstand gegen die herrschende Kultur, vor allem die Dekadenz, und bedingungsloser Unterwerfung unter die gegebene Herrschaft. Diese fragile Balance ist bis heute das Erfolgsrezept des Christentums im Umgang mit der Macht. Durch die Machtübernahme im römischen Reich 380 war die Kirche nun voll ausgestattet, um die Staatsmacht in ihrem Sinne einzusetzen, nämlich Abweichler in den eigenen Reihen zu töten und Zwangsmissionierung per Schwert durchzuführen. Allerdings kam es zu einem Bündnis von Thron und Altar, nicht zu einer vollständigen Fusion von kirchlichen und staatlichen Infrastrukturen. Die relative Autonomie der Kirche erlaubte es ihr auch, mit der weltlichen Macht bisweilen einen Konkurrenzkampf aufzunehmen.
Der Islam, seinerseits aus einer Abspaltung von Christentum und Judentum entsprungen, machte initial die gleiche Erfahrung wie das Christentum: Die zunächst adressierte Zielgruppe, die Heiden in Mohammeds Heimatstadt Mekka, zeigte sich verschlossen gegenüber der neuen Offenbarung, die Mohammed verkündete. Dann aber kehrte Mohammed die christliche Strategie der Ausbreitung des Bekenntnisses um: Er verbündete sich mit einem ortsfremden Stamm und wurde nicht nur dessen religiöser, sondern auch weltlicher und vor allem militärischer Führer. Die Ankunft Mohammeds in Medina und die dortige Machtübernahme markieren den Beginn der islamischen Zeitrechnung. Die Ausbreitung des Islam geht von Anfang an einher mit der militärischen Eroberung. Und natürlich kam es auch im Islam sehr schnell zu Schismen. Aufgrund des frühen Zusammenfalls von weltlich-militärischer und religiöser Führung gab es im Islam weder die Gelegenheit noch die Notwendigkeit, eine autonome kirchliche Infrastruktur aufzubauen. Islamische Länder tendieren eher wie das Judentum dazu, eine Identität von Kultur und Religion herstellen zu wollen, was dort nicht gelingt, wo in bestimmten Teilen des Landes andere religiöse Bekenntnisse vorherrschen (Beispiele sind Bali als Teil von Indonesien und Penang als Teil von Malaysia). In Ländern, in denen Muslime insgesamt die Minderheit bilden, führt der Anspruch auf Beherrschung von Gesellschaft, Kultur und Politik immer noch zu fortwährenden Konflikten. Während die kirchliche Infrastruktur des Christentums die von der Aufklärung dem Christentum abgenötigte Trennung von Kirche und Staat nach einer schwierigen Übergangszeit einigermaßen gelassen hinnimmt, scheint sie den Islam vor ein größeres Problem zu stellen. Die oft herbeizitierte Toleranz islamischer Herrscher im frühen Mittelalter ist nicht nur vergessen, sondern war auch weniger ausgeprägt als immer wieder behauptet. Andersgläubige wurden mit Zusatzabgaben ausgebeutet und unterlagen meist vielfachen Repressalien. Der persische Philosoph Ibn Sina (Avicenna), von dem die abendländischen christlichen Theologen wie Thomas von Aquin sowohl Aristoteles als auch die Aufklärung durch vernünftiges Denken lernten, steht allein auf weiter Flur.
Die drei Geschichten, wie die abrahamitischen Religionen sich ausgebreitet und stabil gehalten haben, stecken den Rahmen ab, in welchem Religionen ihre soziale Rolle ausspielen:
Erstens: Identität: Kulturelle, religiöse und politische Aspekte fallen umstandslos zusammen.
Zweitens: Opposition: Die Religion steht zu manchen Aspekten der kulturellen oder politischen Gegebenheiten ihrer Umgebung in einer Spannung.
Drittens: Zwang: Übergang der Opposition zur Gewalt. Die kulturelle, religiöse und politische Identität wird erzwungen.
Kommentare
Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv nur registrierten Benutzern zur Verfügung.
Wenn Sie bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, können Sie sich mit dem Registrierungsformular ein kostenloses Konto erstellen.

