07. Februar 2026 21:00

Oper und Libertarismus Opern – Ein libertärer (Alp-)Traum

Part One „Und es begann zu singen ...“

von Anne-Sophie Chrobok drucken

Oper: Renaissancefeier auf der Bühne
Bildquelle: Redaktion Oper: Renaissancefeier auf der Bühne

Mögen Sie Opern? Ja, richtig gelesen: Opern! Diese „leicht verstaubten“ Musikstücke mit Gesang (meist) und Orchester (meist) und dramatischen Geschichten (immer). Sie wissen schon: „Die Zauberflöte“ (abgedrehte Geschichte) oder „Tosca“ (Spoiler – alle sterben). „La Traviata“ (mit dem besten Trinklied, das wohl jemals geschrieben wurde) und „Rusalka“ (mit einer der schönsten Arien, die bestimmt kein Auge trocken lassen).

Nach meiner – zugegeben begrenzten – Erfahrung gibt es vier typische Reaktionen, wenn man jemanden fragt, ob er Opern mag.

Zunächst wären da die Enthusiasten. Die Liebhaber. Fanatiker. Fast schon Abhängige. Kaum gestellt, wird die Frage zur Einladung: Lieblingsopern, Lieblingsarien, die letzte Aufführung, der beste Dirigent, die schlechteste Inszenierung. Spätestens nach fünf Minuten landet man bei der Gretchenfrage: Darf man am Kanon rütteln? Braucht es Regietheater? Oder ist genau das der Anfang vom Ende? (Dazu in Part 2 mehr.)

Dann gibt es die Opernhasser. Für sie ist Oper ein rotes Tuch. Eine Zumutung. Akustische Folter. Überflüssiger Luxus. „Gehört abgeschafft“, hört man nicht selten. Woher dieser Hass stammt, ließe sich vermutlich nur mit freudscher Psychoanalyse klären. Meine Arbeitsthese: frühkindliche Zwangsbeglückung. Irgendwie hat sich nämlich die Vorstellung durchgesetzt, es sei kulturell besonders wertvoll, einen Zehnjährigen in „Carmen“ zu schleppen. Trotz eher ungeeigneter Themen wie Sex, Mord, Leidenschaft, Dominanz. Aber keine Sorge: Klein-Björn wird das alles schon verarbeiten. Schließlich fördert es sein Gehirn. Und Klein-Björn braucht später einen Grund, um als Groß-Björn auf der Couch beim Psychoanalysten zu liegen.

Die größte Gruppe jedoch sind die Egalisten. Opern lösen bei ihnen nichts aus. Weder Liebe noch Hass. Opern gelten in dieser Gruppe als verstaubt, elitär, irgendwie snobistisch. Vor dem inneren Auge erscheinen dralle Blondinen mit Wikingerhelm und Brustpanzer, die Arien schmettern. Cringe, wie man heute sagt. Dass diese Menschen seit frühester Kindheit mit Opernmusik konfrontiert sind – im Stadion, in der Werbung, im Film –, ist ihnen meist nicht bewusst. Jeder kennt Opernmelodien. Jeder kann sie mitsummen. Aber der Gang ins Opernhaus wirkt fremd. Ein Ort für Eingeweihte. Für Leute, zu denen man nicht gehören möchte. Dahinter lauert die große Angst: Was, wenn ich es nicht mag? Was, wenn ich gezwungen bin, mehrere Stunden Zeit und Geld zu verschwenden? In einer Welt der Effizienz bleibt man dann lieber bei den vertrauten YouTube-Videos. Sicher ist sicher.

Und schließlich gibt es die vierte Gruppe – zu der ich mich selbst zähle. Ja, ich mag Opern. Nicht alle. Nicht jede Inszenierung. Mein Wissen über den Kanon ist solide, aber nicht tiefgelehrt. Ich habe Meinungen. Und Sorgen, wenn ich über die Zukunft der Oper nachdenke. Ich bin ihr dankbar für großartige, schöne Erfahrungen. Und ich habe durch sie auch echte Traumata erlitten (ja, ich meine dich – „Komische Oper“ 2004 in Berlin). Wir lieben uns nicht leidenschaftlich. Meine große Liebe gehört einer anderen Kunstform. Aber zwischen der Oper und mir besteht eine Art Freundschaft. Und man bleibt guten Freunden treu. Auch wenn sie Blödsinn machen. Und total seltsam sind. Macken haben. Zerrissen sind. Und irgendwie sich gerade ihr eigenes Grab schaufeln. Doch dies ist ein Thema für Part 3.

Denn was mich allgemein interessiert, ist, warum ausgerechnet dieser Freund für Libertäre ein Mahnmal sein kann. Eine Geschichte, wie es ablaufen kann. Was man vermeiden sollte. Was fördern. Deswegen kommen wir zum ersten Part: Die Entwicklung der Oper.

So, zunächst ein kleiner Einschub von mir, ich will hier keine historische Gesamtdarstellung der Oper liefern. Dazu bin ich weder geeignet, noch ist es mein Anliegen. Ein paar Einordnungen müssen dennoch sein – allein schon, um zu verdeutlichen, warum sich die Geschichte der Oper erstaunlich gut als Metapher für die aktuellen Herausforderungen des Libertarismus eignet.

Stellen Sie sich also bitte vor, dass ich, während ich über Entstehung, Komponisten, Strömungen, Widersprüche und Konflikte der Oper schreibe, permanent ein Schild mit der Aufschrift „METAPHER“ hochhalte. Ich habe es griffbereit hier neben mir liegen – Sie bringen bitte Ihre grauen Zellen mit. Dann legen wir los.

Der Grundgedanke der Oper ist so alt wie die Menschheit selbst (hust – in etwa wie Freiheit und Individuum versus Kollektiv). Er lautet schlicht: Gesprochene Worte lassen sich durch Musik vertiefen, zuspitzen, emotional aufladen – oder, wie man heute sagen würde, „based“ machen. Das wusste man bereits in der griechischen Antike. Und so entstanden zur Erbauung der Massen große Tragödien mit Chor, Musik, Tanz und Schauspiel.

Die Themen waren dabei angenehm überschaubar: Inzest, Kindermord, Wahnsinn, Elternmord, Betrug, Selbstmord. Sie wissen schon – diese leichten Stoffe, die jede Seele insgeheim braucht. Und natürlich klingt es überzeugender, wenn ein Chor singend die Götter anfleht, den Wahnsinn von einem jungen Mann zu nehmen, der von Harpyien bestraft wurde, weil er seine Mutter und deren Liebhaber erschlagen hat, nachdem diese zuvor seinen Vater ermordet hatte, weil jener die gemeinsame Tochter den Göttern geopfert hatte. Völlig logisch. Übersichtlich. Aber mit Gesang wird ein Schuh daraus. Unterhaltung pur.

Nun gibt es leider eine historische Konstante: Gute Ideen verschwinden gelegentlich für längere Zeit. Hygiene. Medizin. Freiheit. Straßenbau. Und eben auch die Idee: schmissige Songs mit dramatischen Geschichten zu kombinieren. All das dümpelt im sogenannten dunklen Mittelalter – oder auch gerne in anderen kollektivistischen Experimenten – irgendwo im Unterbewusstsein herum. Da, aber nicht wirklich greifbar.

Doch dann kommt die Renaissance. Fanfaren. Licht. Wiedergeburt. Chöre singen plötzlich wieder mehrstimmig. Mit Gefühl. Und auch außerhalb von Kirchen.

Ein kurzer Einschub sei erlaubt: Mittelalterliche Chormusik ist großartig. Wenn Ihnen einer weißmachen will, wie schlimm die Kirche alle Kunst im Mittelalter unterdrückt hat, treten Sie ihn irgendwo hin, wo es weh tut. Gregorianische Choräle sind wunderschön mit ihrer meditativen Monotonie. Die ars antiqua in Paris hat die Entwicklung der Mehrstimmigkeit vorangebracht. Und natürlich die ars nova mit ihrem komplexen Aufbau, der in dieser Konsequenz erst nach 1945 wieder zu hören sein sollte. Und in der Renaissance entsteht wundervolle säkulare Musik, siehe Giovanni Pierluigi da Palestrina.

Aber all diese nach dem großen G-Wort treibende Musik gibt uns leider nicht das, wonach wir uns insgeheim sehnen. Nein, nicht „Freiheit“ oder „Erleuchtung“, sondern „Entertainment“. Konfetti. Chorus-Lines mit langbeinigen Mädchen. Strass. Scheinwerfer. Vorhang auf: für die Entwicklung der Oper. Und natürlich kommt sie mit einem Knall.

Ziehen Sie sich schick an – wir befinden uns auf dem It-Ereignis der Renaissance. Ja, richtig: DER Medici-Hochzeit von 1600 in Florenz. Einer Hochzeit, bei der man von der „ersten“ Oper fast gar keine Notiz nahm. Denn, nun ja: Es gab Unmengen von Wein. Riesige Zucker- und Marzipanskulpturen. Triumphzüge. Fliegende „Götter“. Modernste Bühnentechnik. Und selbstverständlich auch die ersten Ballette – die größte aller Performance-Künste, wie wir ja wissen, denn wahre Kunst braucht ja bekanntlich nur Körper und Musik, nicht vulgären Gesang oder gar Worte.

Kurz: Es war das Großereignis seiner Zeit. Ein sorgfältig choreografiertes Spektakel der Macht. Und zugleich die kreative Wiederentdeckung einer Idee, die sich nicht mehr aufhalten ließ.

(Und ja, für die Opern-Nerds unter Ihnen: Ich weiß, dass „Euridice“ nicht die erste Oper war. Bereits 1598 gab es „Dafne“. Aber wie so oft gilt: Geschichte erinnert sich nicht an das Erste – sondern an das, was gespielt wurde. Und zwar auf der Medici-Hochzeit.)

Wir haben also eine großartige Idee.

Was macht man damit? Natürlich – man überlässt sie dem Markt. Ein kapitalistischer Traum.

In Venedig wurde 1637 das erste öffentliche Opernhaus gegründet: das Teatro San Cassiano. Mit einer ebenso einfachen wie radikalen Idee: Jeder kann eine Oper sehen – sofern er den Eintritt bezahlt. Adeliger. Bürger. Tagelöhner. Für ein paar Stunden machte die Oper alle gleich. Das war neu. Das war radikal. Und es funktionierte.

Die Folge: eine boomende Industrie. Innerhalb weniger Jahre entstanden mehrere Opernhäuser allein in Venedig, dann in Norditalien, schließlich in ganz Europa. Gespielt wurde, was das Publikum sehen wollte. Nicht, was belehren sollte. Nicht, was legitimierte. Sondern das, was begeisterte.

So bildet sich eine sexy – und lukrative – Idee aus, die sich weiterentwickelt. Kreative Strömungen entstehen nicht aus Programmen, sondern aus Nachfrage:

„Wir wollen etwas Ernstes, etwas Erhebendes.“

→ Kein Problem: opera seria.

„Jetzt wollen wir lachen.“

→ Willkommen bei der opera buffa.

„Wir wollen es verständlich – besonders hierzulande.“

→ Das Opernhaus Ihres Vertrauens entwickelt das Singspiel.

„Und jetzt bitte richtig groß. Action. Spektakel.“

→ Voilà: grand opéra.

Sie verstehen. Das Publikum sehnte sich nach etwas – und die Kunst reagierte. Der Markt regulierte. Ideen atmeten. Entwickelten sich. Ersetzten einander.

Natürlich hörte man weiterhin Claudio Monteverdi und sein L’Orfeo.

Aber ständig? Ausschließlich? Mit immer denselben Stimmen, denselben Formen, denselben Erwartungen?

Nein.

Ideen wollen sich bewegen. Sie wollen atmen, sich verwandeln, sich reiben. Sie wollen dem Publikum gehören – nicht archiviert, verwaltet und mit Samthandschuhen konserviert werden.

Also, liebe Traditionalisten: Wir lieben euch. Wirklich. Aber nehmt euch nicht zu wichtig. (Dies ist ein METAPHER-Moment. Schild hoch.)

Im zweiten Teil werden wir genau hier ansetzen.

Wir werden uns fragen, wie oft man einem Publikum dieselben 30 Werke servieren kann, bevor aus Liebe Routine wird. Warum es inzwischen einem Sakrileg gleicht, zwei Kerzen nicht anzuzünden. Warum man bei einer Carmen-Inszenierung im Jahr 2018 plötzlich innerlich schreien möchte: Lasst sie sterben! Und wie es gelingt, die Bohème des 19. Jahrhunderts in einen intergalaktischen Fiebertraum zu verwandeln.

Willkommen auf dem Battlefield of Love … Nein – auf dem Schlachtfeld der Werktreue.


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