Freiheit: Warum der Staat Verantwortung systematisch ersetzt
Wie aus Bürgern Kunden und aus Freiheit Betreuung wird
von Volker Ketzer drucken
Freiheit wird heute selten offen angegriffen. Sie wird umarmt.
Der moderne Staat verbietet nicht – er hilft. Er zwingt nicht – er schützt. Er herrscht nicht – er begleitet. Und genau darin liegt das tückische Problem.
Wo fremde Hilfe zur Gewohnheit wird, verschwindet die eigene Verantwortung.
Nicht plötzlich. Nicht mit Gewalt. Sondern schleichend, höflich, professionell.
Der Staat der Gegenwart will keine erwachsenen Bürger. Er will funktionierende. Menschen, die Risiken auslagern, Entscheidungen delegieren und Verantwortung dort abgeben, wo sie unbequem wird. Was als Fürsorge beginnt, endet als Entmündigung. Nicht aus Bosheit – sondern aus schlichter systemischer Logik.
Betreuung ersetzt Freiheit
Die politische Grundannahme unserer Zeit lautet: Der Mensch ist überfordert.
Mit sich selbst. Mit Entscheidungen. Mit Unsicherheit. Mit Freiheit.
Also springt der Staat ein. Er regelt, was kompliziert ist. Er normiert, was unsicher ist. Er schreibt vor, was schiefgehen könnte. Nicht, weil er allwissend wäre – sondern weil er überzeugt ist, dass ohne ihn alles schiefgeht.
Diese Logik ist verführerisch. Wer will schon Verantwortung tragen, wenn jemand anders sie übernimmt? Wer will ein Risiko eingehen, wenn Sicherheit angeboten wird? Wer will Fehler machen, wenn es bequeme Leitplanken gibt?
So wird Freiheit nicht abgeschafft. Sie wird ersetzt.
Durch Betreuung. Durch Prävention. Durch Regulierung im Namen des Guten und Richtigen.
Aus Bürgern werden Kunden
Parallel dazu verändert sich das Verhältnis grundlegend.
Der Bürger wird zum Kunden. Der Staat zum Dienstleister.
Der Kunde fragt nicht mehr: „Was ist meine Verantwortung?“
Er fragt stattdessen: „Was steht mir zu?“
Ein Kunde ist kein freier Akteur. Er ist Empfänger. Er erwartet Leistung, Absicherung, Kompensation. Und wenn etwas schiefgeht, reklamiert er – nicht bei sich, sondern beim Anbieter.
Politik reagiert darauf zwangsläufig. Sie liefert. Mehr Regeln, mehr Programme, mehr Schutzmechanismen.
Nicht unbedingt weil sie alles kontrollieren will – sondern weil sie alles kontrollieren muss, um die Erwartungen zu erfüllen.
So entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf:
Mehr Betreuung erzeugt mehr Abhängigkeit.
Mehr Abhängigkeit erzeugt mehr Kontrolle und Betreuung.
Verantwortung ist das eigentliche Risiko
Was dabei verdrängt wird: Freiheit ist ohne Verantwortung nicht denkbar.
Wer Entscheidungen delegiert, delegiert auch Konsequenzen. Und wer Konsequenzen nicht mehr trägt, verlernt, Entscheidungen zu treffen.
Der moderne Staat bekämpft nicht direkt die Freiheit – er bekämpft das Risiko.
Doch Risiko ist kein Fehler im System der Freiheit. Es ist ihr Kern.
Ein Mensch, der nichts falsch machen darf, darf auch nichts richtig machen.
Eine Gesellschaft, die jeden Fehler verhindern will, verhindert Entwicklung.
Deshalb wirken freie Menschen heute oft „unvernünftig“. Nicht, weil sie es sind – sondern weil sie Verantwortung tragen wollen in einer Welt, die Verantwortung systematisch auslagert.
Prävention als Machtinstrument
Besonders deutlich zeigt sich das in der Präventionslogik.
Nicht erst handeln, wenn etwas passiert – sondern schon vorher. Nicht reagieren, sondern verhindern.
Was harmlos klingt, ist politisch explosiv. Denn Prävention kennt kein natürliches Ende. Wenn das Ziel lautet, Risiken zu minimieren, gibt es immer ein weiteres Risiko. Immer einen nächsten Eingriff. Immer einen neuen Grund zu regulieren.
Siehe die endlose Ausweitung von Datenschutz-, Klimaschutz- oder Gesundheitsschutzregeln: Jede neue Regel schafft neue potenzielle Gefahren, die wieder reguliert werden müssen.
So wird Freiheit nicht beschränkt, weil sie missbraucht wurde, sondern weil sie missbraucht werden könnte.
Das ist kein Ausrutscher. Das ist System.
Der fürsorgliche Staat braucht Unmündigkeit
Ein Staat, der Verantwortung ersetzt, braucht Menschen, die sie abgeben.
Nicht bewusst. Nicht aus Bösartigkeit oder Egoismus, sondern aus Bequemlichkeit.
Er belohnt Anpassung, nicht Urteilskraft.
Er fördert Absicherung, nicht Eigenständigkeit.
Er traut dir alles zu – außer, es selbst zu entscheiden.
Je länger dieses System läuft, desto fremder wirkt Freiheit.
Nicht unbedingt gefährlich, aber unpraktisch.
Nicht unmoralisch, sondern störend.
Freiheit beginnt jenseits der Betreuung
Die gute Nachricht: Dieses System ist stabil – aber nicht allmächtig.
Es funktioniert nur, solange Menschen bereit sind, Verantwortung abzugeben.
Freiheit beginnt dort, wo jemand wieder Verantwortung übernimmt.
Nicht heroisch. Nicht revolutionär. Sondern konkret.
Wer Entscheidungen trifft, ohne sie sofort abzusichern.
Wer Risiken eingeht, ohne sie zu externalisieren.
Wer Fehler aushält, ohne sie zu delegieren.
Das ist keine Absage an freiwillige Solidarität.
Es ist eine Absage an die Illusion, erzwungene Betreuung könne Freiheit ersetzen.
Das optimistische Ende: Verantwortung ist trainierbar
Freiheit ist kein Zustand. Sie ist eine Fähigkeit.
Und Fähigkeiten lassen sich trainieren.
Nicht durch große Gesten, sondern durch kleine Entscheidungen.
Durch das bewusste Tragen von Konsequenzen.
Durch das Nein zur Betreuung, wo Selbstverantwortung möglich ist.
Der Staat kann Verantwortung ersetzen.
Aber er kann sie dir nicht abnehmen, wenn du sie dir zurückholst.
Am Ende entscheidet nicht das Gesetz über Freiheit –
sondern der Mensch, der bereit ist Risiken einzugehen, Verantwortung zu übernehmen und das Ungewisse auszuhalten.
Bleib frei im Kopf.
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