16. Januar 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 11 Als sogar Luther ungehorsam wurde

Von der Autonomie des Gewissens

von Stefan Blankertz drucken

Jeftah: Biblische Opfergeschichte
Bildquelle: e-Redaktion Jeftah: Biblische Opfergeschichte

„Und Jeftah gelobte dem HERRN ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen.

So zog Jeftah auf die Ammoniter los, um gegen sie zu kämpfen. Und der HERR gab sie in seine Hände. …

Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen; und sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem HERRN und kann’s nicht widerrufen.

Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem HERRN, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der HERR dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern. Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen.

Er sprach: Geh hin!, und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen.

Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte.“ (Tanach bzw. Altes Testament, Buch Richter [Sefer Shoftim], Kapitel 11, Verse 30 bis 39.)

Martin Luther bestand darauf, dass für alle Fragen die Bibel selbst die ausschlaggebende Grundlage bilde – die ganze Bibel, nicht nur Ausschnitte, die von katholischer Seite für dienlich befunden werden. Dazu übersetzte er sie – die ganze Bibel. Jeder Christ sollte in der Lage sein, das Wort Gottes in seiner Ganzheit zu lesen, auch wenn er kein Latein kann. Zwar war ihm bewusst, dass reine Wörtlichkeit nicht weiterführt, denn allein das Vorliegen der Bibel in den drei Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein verbietet eine solche Wörtlichkeit. Zudem ist eine Wörtlichkeit in der Übersetzung nicht zu leisten. Es ging ihm um den Sinngehalt, den er erhalten und vermitteln wollte. Dennoch war seine Frömmigkeit strikt auf den biblischen Text ausgerichtet. Philosophische und weitschweifig allegorische Interpretationen lehnte er ab. Es kommt laut Luther immer darauf an, was „klar dasteht“. Bekannt ist, dass Luther das allegorische Verständnis des Jesus-Wortes aus dem letzten Abendmahl – „Und er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis!“ (Luk 22,19) – ablehnte, weil im Text „ist“ steht, was Gleichheit bedeutet und nicht als „ist wie …“ gelesen werden dürfe.

Die zitierte Geschichte um Jeftah und seine Tochter aber brachte sogar Martin Luther an den Rand dessen, was er gehorsam ertragen konnte. Zerknirscht und hilflos kommentierte er diese Stelle: „Man will, er habe sie nicht geopfert. Aber der Text steht da klar.“ Luther beruhigte sich mit der Interpretation, Jeftah sei durch Gott mit dem Verlust seiner Tochter für die Torheit seines Schwurs bestraft worden. Damit unterstellte Luther Gott Ungerechtigkeit und Gefühllosigkeit der Tochter gegenüber. Gott bestraft den schuldigen Vater mit dem Tod der unschuldigen Tochter, den er den Vater auch noch eigenhändig ausführen lässt. Das ist schlicht und einfach Sadismus pur.

Der Talmud lehrt, Jeftah habe nicht mehr als eine Ablösesumme in Geldform für die Tochter zu zahlen brauchen; im Übrigen wird ein derart „gesetzwidriges“ Gelübde verdammt. Das ist freilich widersinnig, denn wenn das Gelübde tatsächlich als gesetzwidrig einzustufen wäre, hätte es nicht eingehalten werden müssen; nicht einmal wäre eine Ablösesumme fällig. Irgendetwas stimmt an der Interpretation nicht. Neuere Ausleger interpretieren, das „Opfer“ habe darin bestanden, die Tochter als Tempeldienerin in die „Stiftshütte“ zu geben. Auch das ist blanker Unsinn im Angesicht des Textes: „er tat ihr, wie er gelobt hatte“. Er hatte eben nicht gelobt, sie in die Stiftshütte zu geben. Und selbst wenn diese Auslegung zutreffen sollte, ist sie zwar weniger blutig, aber nicht weniger ungerecht: Die Tochter als Dank an Gott für den Sieg des Vaters in einem Feldzug gegen ihren Willen zur ewigen Jungfrauenschaft zu verdammen, tut sicherlich nicht dem geringsten Begriff der Gerechtigkeit genüge.

Der zunächst preußische Lutheraner, dann aber zum englischen Anglikanismus konvertierte Komponist Georg Friedrich Händel schrieb 1751 ein Oratorium mit dem Inhalt der Jeftah-Erzählung, in der er der namenlosen Tochter den Namen Iphis gibt und ein Happy End anflickt: Vor dem tödlichen Schlag erscheint dem Vater ein Engel, der ihm verkündet, kein Gelübde könne das Gesetz Gottes aufheben und er möge seine Tochter schonen. Gesegnet sei der Name des Herrn. Großartig. Aber im biblischen Text ist davon nichts zu lesen. Für Händel war die Geschichte, wie die Bibel sie erzählt, offenbar unakzeptabel. Die biblische Jeftah-Erzählung verstört und fordert eine negierende Interpretation heraus, die auf einen ethischen Maßstab zurückgreift, der außerhalb des Textes generiert wird.

Die Bibel steht hier par pro toto für sakrale Texte und Luther par pro toto für Gläubige. Es gibt keinen Gläubigen, der ohne Abstriche zu einem sakralen Text stehen kann. Eine Einheitlichkeit und Eindeutigkeit kommt immer entweder durch selektives Lesen zustande (bestimmte Teile werden ausgeblendet) oder durch gewagte Uminterpretationen von Widersprüchlichkeiten. Der mittelalterliche Philosoph Peter Abaelard, für mich einer der größten Helden der Geistesgeschichte, leitete eine Revolution in Theologie und Philosophie ein, als er eine Liste mit widersprüchlichen Zitaten aus der Bibel und aus den sogenannten Väterschriften (frühchristliche und kirchenbegründende Theologen) vorlegte. Seht her, sagte er, ihr kommt ohne Interpretation nicht aus. Ohne Interpretation ist der Text nichts wert.

Gehen wir nun von der Interpretationsbedürftigkeit des Textes aus, fragt sich, von welchem Standpunkt aus wir urteilen. Wir können uns entscheiden, für die biblische Moral das Tötungsverbot des sechsten Gebots (Ex 20,13; Dtn 5,17) oder den Satz von Jesus, „wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“, mit dem er die Jünger daran hindert, seine Verhaftung mit Gewalt zu bekämpfen (Mt 26,52), zum Ausgangspunkt zu nehmen. Dann sind das Massaker an den Gläubigen des Goldenen Kalbs (Ex 32, Verse 15 bis 29) sowie die Opferung von Jeftahs Tochter nicht hinnehmbar. Oder wir erklären diese beiden Geschichten zum Ausgangspunkt, dann müssen Tötungs- und Verteidigungsverbot aufgehoben beziehungsweise eingeschränkt werden.

Für die Entscheidung über den Ausgangspunkt, von dem aus wir den Text verstehen und die Erzählungen und Gleichnisse selektieren, muss freilich ein außerhalb des Textes stehendes Kriterium herhalten. Denn der Text enthält das Kriterium nicht, ansonsten bräuchten wir uns nicht zu entscheiden, sondern die Interpretation wäre eindeutig. Nun ist die Tatsache fest etabliert, dass es nicht der textgestützte Glaube selber sein kann, der das moralische Urteil begründet, vielmehr wird der Text so genutzt und so gelesen, dass er das vorgängige moralische Urteil stützt und bekräftigt. Das Gewissen ist gegenüber der Religion notwendig autonom. An dieser spannenden Stelle geht es nächste Woche weiter.


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