Religion und Gesellschaft 15: Freuds Mose
Mose widerruft
Die biblischen Zehn Gebote genießen einen außerordentlich guten Ruf, auch bei denen, die sie nicht mehr wie in früheren Zeiten alle auswendig hersagen können. Sogar von Kritikern der Religion werden sie gern als der Maßstab herangezogen, an dem die real existierende Religion versage. Der Ruf ist unberechtigt, wenn man den Kontext betrachtet, in welchem Gott sie Mose verkündet und in welchem Mose die Tafeln mit den zehn Geboten überbringt. Es handelt sich um die berühmte Erzählung vom Tanz um das Goldene Kalb:
„Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes. […] Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn, und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge. […] Mose [trat] in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Mose gesagt hatte; und es fielen an jenem Tage vom Volk dreitausend Mann. Da sprach Mose: Füllt heute eure Hände zum Dienst für den HERRN – denn ein jeder ist wider seinen Sohn und Bruder gewesen –, damit euch heute Segen gegeben werde.“ (2. Buch Mose bzw. Exodus, Kapitel 32, Verse 15 bis 19, nach der revidierten Luther-Fassung 2017.)
Das Bild ist drastisch: Mose zerschlägt die Tafeln mit den durch Gott gegebenen Geboten, von denen eines das Tötungsverbot enthält. Ein anderes Gebot mahnt zur Elternliebe, während Mose dazu aufruft, die Eltern, wenn sie eine andere Meinung haben als man selber, solle man kurzerhand erschlagen. Mir fällt dazu vor allem eine Parallele ein: Mao Zedongs Kulturrevolution im China Ende der 1960er Jahre. Mit der Zerschlagung hebt Mose beide Gebote sozusagen auf. Erst nach dem vollzogenen Massaker erneuert Gott die Gebote. Allerdings bleibt dennoch für alle abrahamitischen Religionen die Erlaubnis bestehen, Abtrünnige nicht nur töten zu dürfen, sondern im Auftrag des ungerechten und ungnädigen Gottes zu müssen. Dieser Gott ist nicht allgütig, sondern von einem brutalen Sadismus gekennzeichnet.
Im Koran, der die Thora nicht wie das Christentum in sich aufgenommen, sondern partiell paraphrasiert hat, sind die Zehn Gebote dem Sinne nach enthalten (Sure 6, Verse 151 bis 153, sowie Sure 17, Verse 23 bis 39). Das Tötungsverbot ist in beiden Fassungen freilich pragmatisch eingeschränkt: „Tötet nicht das Menschenleben, das Gott für unantastbar erklärt hat, es sei denn bei vorliegender Berechtigung.“ Das wirft die Frage auf, wie über die „vorliegende Berechtigung“ entschieden wird. Wer hier vorschnell eine typisch islamische Verwässerung des ursprünglich eindeutigen und radikalen Gebots zu erkennen meint, sei daran erinnert, wie Augustinus das sechste Gebot aushebelte: „Doch hat Gottes gebietender Wille selbst einige Ausnahmen von jener Anordnung, keinen Menschen zu töten, verfügt. Es versteht sich nämlich, dass wenn Gott selbst töten heißt, sei es durch Erlass eines Gesetzes, sei es zu bestimmter Zeit durch ausdrücklichen an eine Person gerichteten Befehl, solch ein Ausnahmefall vorliegt“ (De civitas Dei, 1:21). Es versteht sich nämlich, dass dann nichts mehr übrig bleibt von dem Gebot. Tomás de Torquemada, der Großinquisitor, lässt grüßen. Wer aber einwendet, Torquemada habe zwar gedacht, von Gott die Anweisung zum Töten zu erhalten, dies entspringe aber seiner Fantasie: Wo ist das Kriterium, zwischen wirklicher und vermeintlicher Anweisung durch Gott zu unterscheiden? Könnte es nicht sein, dass auch Mose sich die Anweisung nur herbeifantasiert hat und in Wirklichkeit nichts anderes ist als ein gemeiner Massenmörder? Wer erklärt mir den Unterschied ohne Rückgriff auf eine außertextliche Überlegung?
Die Geschichte um das Goldene Kalb wird im Koran vorausgesetzt, aber nicht zusammenhängend nacherzählt (Erwähnungen in Sure 2, Verse 51 bis 56; Sure 7, Verse 148 bis 152; Sure 10, Verse 83 bis 98). Die Passage, wo es um die Tötung der Andersgläubigen geht, ist nicht so eindeutig wie in der Thora und stellt eine semantische Herausforderung dar. Sie kann als „tötet einander“ (die Standhaften sollen die Abgefallenen töten) oder als „tötet euch selber“ (Aufforderung zum Suizid) gelesen werden. Natürlich ist auch die Lesart als Aufforderung zum Suizid heikel, weil es im Koran (wie in der Bibel) ein Suizid-Verbot gibt. Vor allem aber fragt sich, was geschehen wird, wenn die zum Suizid aufgeforderten Anhänger der Kalb-Religion diesen verweigern (wovon man realistisch gesehen ausgehen kann). Moderne, mystische Auslegungen sprechen von einer Aufforderung, die Abtrünnigen sollten ihr „Ego“ auslöschen und ihre Seele „reinigen“. Diese Auslegungen zeigen, dass der ursprüngliche Sinn unerträglich geworden ist. Die historisch verbindliche und noch heute im Islamismus wirksame Auslegung mündet in die Aufforderung, Abtrünnige zu töten. Dies widerspricht der Aussage in der Sure 2, Vers 256, es gäbe im Glauben oder in der Religion keinen Zwang. Wenn sie überhaupt jemals als Aufforderung zur Toleranz ernst genommen wurde, dann nur, was den Zwang betrifft, ein Bekenntnis anzunehmen. Etwas ganz anderes sei es, das einmal angenommene Bekenntnis wieder abzulegen oder nicht haargenau so auszulegen wie die jeweils herrschende Orthodoxie. Sogar der von mir so geschätzte Thomas von Aquin saß in dieser Falle fest und statuierte, niemand dürfe zum Glauben gezwungen werden, aber wohl dazu, das einmal „Zugesagte“ auch einzuhalten. Nicht zufällig gehörte er den Dominikanern an, einem Bettelorden, der zwar die Philosophie hochschätzte, aus dem aber auch die Inquisition hervorging. Thomas hebt also für Gläubige die Freiheit auf, anstatt dass der Glaube nach dem Versprechen des Apostels Paulus die Freiheit verleiht.
Bemerkenswert an der Erzählung um das Goldene Kalb sind die beiden Punkte:
Erstens: Es ist erlaubt und darüber hinaus auch geboten, Andersgläubige zu töten.
Zweitens: Die religiös-politische Loyalität steht höher als familiäre oder freundschaftliche Verbundenheit.
Ich sage hier ausdrücklich „religiös-politische“ Loyalität. Denn mit der Erzählung um das Goldene Kalb beginnt der Kampf um ideologische Gefolgschaft, für den Religion sich von Anbeginn nur allzu bereitwillig zur Verfügung stellte. Die weitere Geschichte der Verbrechen, die im Namen des Herrn begangen worden sind, setze ich als zumindest in Umrissen bekannt voraus. Worauf mich Richard Dawkins aufmerksam machte, ist, dass es sich dabei nicht etwa um einen Missbrauch von ansonsten unschuldiger und womöglich menschenfreundlicher Religion handelt, sondern um eine wörtliche Exekution derselben (siehe Folge 12 dieser Serie). Das Verzeihende, Nachsichtige, Friedfertige, das heute von Gutmenschen gern als gemeinsames Anliegen womöglich aller Religionen deklariert wird, kommt nicht anders als durch selektives Lesen zustande. Die bewaffnete Intoleranz kann sich mit dem gleichen Recht auf die sakralen Texte berufen. Das Kriterium, nach welchem wir das eine als gut und das andere als schlecht einstufen, findet sich nicht in den Texten, sondern für das Kriterium haben wir uns außerhalb des Textes entschieden. Die Worte „außerhalb“ und „vorab“ können in diesem Zusammenhang kaum stark genug betont werden. Sie sind entscheidend für die gesamte Diskussion. Wer sie begreift, hat den Paradigmenwechsel vollzogen, zu dem die Argumentation von Dawkins meines Erachtens führen muss. Auf solche Art wird der Text zu einem Stück Ideologie: Wir suchen in ihm nach Belegstellen, welche die vorab gebildete Meinung untermauern, und blenden aber Stellen aus, die unserer Meinung widersprechen.
Manchmal verschlägt es mir schier die Sprache, wenn ich die Interpretationsgeschichte betrachte. Rabbinische Interpretationen heben neben der Schwere der Verfehlung auch die Größe der Gnade Gottes hervor. Sie drücke sich darin aus, dass Aaron trotz seiner „Sünde“ zum Hohenpriester erwählt wurde. Typisch: Da werden 3.000 Leute niedergemetzelt, der Anführer jedoch nicht nur geschont, sondern auch mit einem hohen Posten belohnt.
Nach Interpretation von Tertullian (160–225), dem christlichen Kirchenvater, zeigt die Erzählung, dass Gold und Reichtum ebenso wie Tanzen zur Sünde verführen und aus dem Grunde abzulehnen seien. Typisch: Da werden die Reichen summarisch zum Abschuss freigegeben. Und dann ist diese Interpretation angesichts des Textes obendrein noch so absurd: Das Gold spenden die Schmuckbesitzer:innen, das heißt, sie trennen sich freiwillig von ihrem Reichtum, um die gemeinsame Sache, den Kult des Goldenen Kalbes, zu unterstützen. Ist das nicht vorbildliche Sozialorientierung des Eigentums? Altruismus?
Für ein mitfühlendes und denkendes Wesen ist die Erzählung um das Goldene Kalb unakzeptabel. So auch für Sigmund Freud. Er negierte die Erzählung um das Goldene Kalb gleich zwei Mal. In „Der Mose des Michelangelo“ (1914) bezeichnet er die Statue grandios als ein Sinnbild eines retroflektierten Zornes: Mose nehme keine Rache.
Die zwischen 1513 und 1515 entstandene Statue wurde meist darauf bezogen, dass Mose die Steintafeln von Gott erhalten hat, zum Lager der Israeliten zurückkehrt, erfährt, dass sie abgefallen sind, und sich kurz vor seinem Zornesausbruch befindet. Freud sah sie anders: als Zeichen von zurückgehaltenem (retroflektiertem) Zorn. Der Mose des Michelangelo „wollte es in einem Anfall von Zorn, aufspringen, Rache nehmen […], aber er hat die Versuchung überwunden, er wird jetzt so sitzen bleiben in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz. […] [Michelangelo] hat das Motiv der zerbrochenen Gesetzestafeln umgearbeitet, er lässt sie nicht durch den Zorn Mose’ zerbrechen, sondern diesen Zorn durch die Drohung, dass sie zerbrechen könnten, beschwichtigen oder wenigstens auf dem Wege zur Handlung hemmen […] – nicht ohne Vorwurf gegen den Verstorbenen [Papst Julius II., für dessen Grab die Statue geschaffen wurde], zur Mahnung für sich selbst, sich mit dieser Kritik über die eigene Natur erhebend.“
Damit wird die Statue zum Sinnbild dessen, was ich für das Zentrum der Toleranz (und der Schwierigkeit, sie zu üben) halte: Es geht ja nicht darum, das zu respektieren oder zu dulden, was mir gefällt oder was mir gleichgültig ist (da braucht man gar nicht von „Duldung“ zu sprechen), vielmehr in gebändigter Wut, in mit Verachtung gemischtem Schmerz sich über die eigene Natur erhebend das zu erdulden, was mir im höchsten Maße zuwider ist, was meinen tief eingewurzelten Werten und höchsten Wahrheiten widerspricht.
Danke, Sigmund, für diesen Michelangelo.
Die Freud-Forscherin Ilse Grubrich-Simitis präsentiert eine kunsthistorische Widerlegung von Freuds Sicht auf die Statue: Es sei nicht der Mose vor dem Betreten des Lagers der Israeliten, die um das Goldene Kalb tanzen, dargestellt (erste und dann zerbrochene Gesetzestafeln), sondern der Mose, nachdem er die Gesetzestafeln ein zweites Mal erhalten habe – und die Weissagung seines Todes: Er wird das Volk Israel nicht ins Gelobte Land führen. Diese Widerlegung berührt nicht, dass Freud Toleranz als Retroflektion beschreibt beziehungsweise die Fähigkeit, retroflektieren zu können, als Vorbedingung von Toleranz. Vor allem aber: Wenn Freuds Deutung richtig ist, dann fällt das Zerbrechen der Gesetzestafeln (und das Massaker an den Verehrern des Goldenen Kalbs) aus: Ein zweites Mal gäbe es dann gar nicht. Insofern wäre es folgerichtig, wenn die Mose-Darstellung ikonografische Elemente integriert, die üblicherweise erst das zweite Mal des Erhalts der Gesetzestafeln begleiten (Hörner beziehungsweise Strahlen am Kopf, Decke zum Verhüllen des Gesichts).
In „Der Mann Mose und der Monotheismus“ (1939) ergibt die Anwendung der „psychoanalytischen Methode“ auf das Textverständnis, dass nicht Mose die Kalb-Anhänger töten lässt, sondern die Kalb-Anhänger an Mose Vatermord begehen. Die überlieferte Erzählung sei die symbolische Rache der später zu erneuter Herrschaft gelangten Mose-Religion. Bezogen auf die Toleranzfrage ist mit dieser Interpretation allerdings kaum etwas gewonnen: Die Erzählung wirkt so, wie sie nun mal lautet. Doch eins wird klar: Für Freud stellt die Erzählung um das „Goldene Kalb“ ein Problem dar. Zu Recht.
Kommentare
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