27. Januar 2026 18:00

Film Team America: World Police – Die anarchische Marionetten-Satire, die niemand verschont

Eine kompromisslose Satire auf US-Außenpolitik und Hollywood

von Sascha Blöcker drucken

Marionetten posieren für ein Filmplakat.
Bildquelle: Eigenes Bild Marionetten posieren für ein Filmplakat.

Team America: World Police – Die anarchische Marionetten-Satire, die niemand verschont

Team America: World Police (2004) ist einer der provokantesten und kompromisslosesten Filme der 2000er Jahre. Unter der Regie von Trey Parker und Matt Stone – den Schöpfern von South Park – entstand eine 98-minütige Marionetten-Satire, die Action-Blockbuster, US-amerikanische Außenpolitik, islamistischen Terrorismus, nordkoreanische Diktatur und vor allem die Selbstgerechtigkeit liberaler Hollywood-Schauspieler gnadenlos aufs Korn nimmt. Der Film verbindet brutale Gewalt, derbe Sprache, Musikeinlagen und absurde Tabubrüche zu einem Werk, das gleichzeitig als dumm, genial, nihilistisch und politisch hellsichtig beschrieben wird. Er polarisiert bis heute – und genau das war beabsichtigt.

Die Handlung: Weltpolizei mit Kollateralschäden

Der Film spielt in einer überzeichneten Version der frühen 2000er Jahre, kurz nach 9/11 und inmitten des „Kriegs gegen den Terror“. Im Zentrum steht „Team America“, eine geheime, international operierende Antiterror-Eliteeinheit der USA mit Basis im Mount Rushmore. Das Team besteht aus stereotypen Actionhelden: dem toughen Chris (Matt Stone), der empathischen Psychologin Lisa (Kristen Miller), der übersinnlich begabten Sarah (Masasa Moyo), dem naiven Joe und dem charismatischen Leader Spottswoode (Daran Norris). Nach einer katastrophalen Operation in Paris – bei der das Team Terroristen ausschaltet, aber dabei den Eiffelturm, den Arc de Triomphe und den Louvre zerstört – stirbt ein Mitglied. Die Suche nach einem Ersatz führt zu Gary Johnston (Trey Parker), einem sensiblen Broadway-Schauspieler mit traumatischer Kindheit und perfekten Verkleidungsfähigkeiten. Gary soll undercover als Terrorist infiltrieren. Der wahre Antagonist ist Kim Jong-il (ebenfalls Trey Parker), der nordkoreanische Diktator, der heimlich Massenvernichtungswaffen an islamistische Terroristen liefert. Kim plant eine globale Katastrophe, unterstützt von einer absurden Allianz aus Terroristen und naiven Hollywood-Pazifisten, angeführt von Alec Baldwin und anderen realen Promis (parodiert als Film Actors Guild, kurz F.A.G.).

Die Handlung eskaliert über Schauplätze wie Kairo (wo Pyramiden und Sphinx in Schutt und Asche gelegt werden), Panama und Nordkorea. Gary erleidet einen Zusammenbruch, das Team wird gefangen genommen, Friedensdemonstrationen vor Mount Rushmore werden blutig, und eine manipulierte Weltfriedenskonferenz wird zum finalen Showdown. Der Film endet mit einer berühmten Rede Garys über die Welt als Platz mit „Dicks“, „Pussies“ und „Assholes“ – eine Metapher, die bis heute zitiert wird. Michael Werner tat dies gestern in seinem Artikel, ohne die berühmte Rede zu kennen.

Produktion: Von South Park zu Supermarionation

Die Idee entstand aus Langeweile: Parker und Stone sahen die britische Serie „Thunderbirds“ und fanden sie so ernst und langweilig, dass sie spontan eine Parodie dachten – zunächst als Live-Action-Film. Als eine echte Thunderbirds-Neuverfilmung angekündigt wurde, wechselten sie zu Marionetten. Inspiriert von Gerry Andersons „Supermarionation“-Technik (wie in Thunderbirds und Captain Scarlet) schufen sie ein komplett puppenbasiertes Action-Spektakel. Das Budget lag bei ca. 32 Millionen US-Dollar. Gedreht wurde von Mai bis September 2004 in Los Angeles mit rund 200 Mitarbeitern. Die Chiodo Brothers bauten über 270 Marionetten, darunter detaillierte Miniaturwaffen, Kostüme und Kulissen. Jede Puppe brauchte bis zu vier Puppenspieler; einfache Bewegungen dauerten Stunden. Parker und Stone nannten es ihr bisher schwierigstes Projekt – und das trotz South Park: Bigger, Longer & Uncut. Der Film wurde neunmal der MPAA vorgelegt, um von NC-17 auf R zu kommen. Der Hauptstreitpunkt war eine 90-sekündige Sexszene zwischen Gary und Lisa (als Marionetten), die ursprünglich Urophilie und Koprophilie enthielt. Nach Kürzungen blieb eine immer noch explizite, aber entschärfte Version.

Figuren und Stimmen: Trey Parker und Matt Stone übernehmen fast alles

Gary Johnston / Kim Jong-il / diverse Promi-Parodien (Trey Parker)

Chris / George Clooney / Martin Sheen u. a. (Matt Stone)

Lisa Jones (Kristen Miller)

Sarah Wong (Masasa Moyo)

Spottswoode (Daran Norris)

Alec Baldwin, Matt Damon, Sean Penn, Susan Sarandon, Michael Moore u. v. a. (meist Parker/Stone)

Viele Prominente werden karikiert und sterben auf grausame Weise – ein Running Gag. Kim Jong-il singt mit vertauschten „L“ und „R“ („I'm so ronery“), Michael Moore wird als der verfressene Sozialist dargestellt, der er nun mal ist.

Musik: Der Soundtrack als Waffe

Der Film ist teilweise ein Musical. Trey Parker komponierte die meisten Songs, darunter:

„America, Fuck Yeah!“ – Hymne auf amerikanische Werte (Freiheit, Pornografie, McDonald’s, Liberty, Internet …)

„I'm So Ronery“ – Kim Jong-ils trauriges Liebeslied

„Everyone Has AIDS“ – bitterböse Parodie auf Musicals

„Freedom Isn't Free“ – patriotischer Marsch

„Only a Woman“ – Garys Liebeslied

Der Score stammt von Harry Gregson-Williams. Weitere Tracks sind „Derka Derk (Terrorist Theme)“ und „The End of an Act“. Der Soundtrack erschien 2004 und ist bis heute Kult.

Rezeption: Gelobt und gehasst

Bei Erscheinen (Oktober 2004) erhielt der Film gemischte bis positive Kritiken: 77 Prozent auf Rotten Tomatoes (Durchschnitt 7,0), 64/100 auf Metacritic. Gelobt wurden die technische Raffinesse, die Songs und die schonungslose Satire. Kritisiert wurden der „nihilistische“ Humor, die vermeintlich flache Botschaft und der „both-sides“-Ansatz: Beide Seiten – Kriegsbefürworter und -gegner – werden gleichermaßen lächerlich gemacht. Konservative Kreise feierten den Film als Verteidigung amerikanischer Macht (er landete auf Listen der „besten konservativen Filme“). Liberale fanden ihn oft zynisch. Roger Ebert gab nur 1 Stern und nannte ihn „nihilistisch“. Peter Travers (Rolling Stone) lobte die „ruthless cleverness“. Weltweit spielte er 50,8 Millionen Dollar ein (32,9 Millionen in den USA) – solider Erfolg bei 32 Millionen Budget.

Kontroversen: Sean Penns Hassbrief und MPAA-Kämpfe

Der Film löste sofort Empörung aus:

Sean Penn schickte einen wütenden Brief an Parker und Stone („Fuck you“).

Matt Damon war verwirrt über seine Darstellung (er wird als Idiot verspottet).

Alec Baldwin fand es „so funny“ und wollte seine Stimme beisteuern.

George Clooney sagte, er wäre beleidigt gewesen, wenn er nicht parodiert worden wäre.

Nordkorea versuchte, den Film in Tschechien verbieten zu lassen.

Die MPAA-Kämpfe um die Sexszene wurden legendär.

2004 wurde er von Bush-Regierungssprechern als „Krieg gegen den Terror“-Verhöhnung kritisiert – was Parker und Stone als kostenlose Werbung sahen.

Vermächtnis: immer noch relevant

20 Jahre später (2026) gilt Team America als Klassiker der politischen Satire. Songs wie „America, Fuck Yeah“ und die „Dicks-Assholes-Pussies“-Rede sind Internet-Memes. Der Film wurde 2014 nach der Sony-Hack-Nordkorea-Krise (wegen „The Interview“) wieder gezeigt – als Protest gegen Zensur. Er bleibt ein Spiegel der US-amerikanischen Hybris, der Hollywood-Heuchelei und der Absurdität globaler Politik. Parker und Stone sagten später, sie wollten niemanden verschonen – und genau das macht den Film bis heute so unangenehm ehrlich und unterhaltsam. Ein anarchischer, dreckiger, genialer Film – für alle, die Satire vertragen. Dass ich mit dem Wort „anarchistisch“ arbeite, hat seinen Grund: Trey Parker selbst ist bekennender Libertärer. Diesen Umstand merkt man auch immer wieder in der Serie „South Park“ und natürlich auch in „Team America“.

Fazit

Ich habe Michael Werner gestern einige Szenen gezeigt, weil sein Artikel mich an den Schlussmonolog erinnerte. Er hat sehr gelacht, und vielleicht habe ich es endlich mal geschafft, meinem Freund einen Film so schmackhaft zu machen, dass er ihn sich ansehen wird. Die Tatsache, dass er mit Marionetten dargestellt wird, macht ihn für einige wahrscheinlich schwer zugänglich. Dennoch möchte ich Ihnen dieses Stück Filmkunst wärmstens empfehlen. Ich habe ihn mir heute Morgen noch mal angesehen, und er ist immer noch verdammt gut. Einiges ist heute gar besser als 2004. Die gesamte Story um die Hollywooddarsteller bekommt durch den Ricky-Gervais-Monolog bei den Golden Globes 2020 einen noch härteren Punch.


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