07. Februar 2026 11:00

Der zivilisierte Mensch, Teil 4 Die Kultur der Opfer

Die Entwicklung von Ehren- über Würdekulturen bis zur Opferkultur

von Ralf Blinkmann drucken

Gefangen in der Undurchsichtigkeit
Bildquelle: Eigenes Bild Gefangen in der Undurchsichtigkeit

Die Zivilisation beginnt mit der Sesshaftwerdung und erschafft eine neue Kultur. Indem die Menschen sesshaft wurden, konnten sie ihren Nachbarn nicht mehr ausweichen, um Konflikte zu vermeiden. Dies führt, wie archäologisch nachgewiesen ist, zu einer Zunahme von Konflikten und zu Innovationen in der Waffentechnologie, es werden spezielle Kriegswaffen erfunden. Da aber auch die Bevölkerungszahl stieg, sinkt die relative Gewaltopferzahl dennoch.

Der äußere Auslöser, der zur Entstehung einer neuen Kultur führt, ist die Notwendigkeit, ein Territorium zu behaupten und Fremde von dessen Nutzung auszuschließen, was ein radikaler Bruch mit den zuvor überall geltenden Anschauungen der mobilen Jäger und Sammler ist. Meller et al. (Die Evolution der Gewalt, DTV 2024) stellen dazu fest:

„All das führte zu einer grundlegenden Veränderung der sozialen Logik: Das eigene Überleben hing nun mehr an den eigenen Besitztümern als an den guten Beziehungen zu Nachbarn und anderen Gruppen“ (S. 171). „Nachbarn, einst beste Partner, konnten nun zur Bedrohung werden. An die Stelle der Solidarität traten Egoismus und Fixierung auf die eigene Abstammungsgemeinschaft. Das ist eine der folgenreichsten Mentalitätsänderungen der Menschheitsgeschichte“ (S. 207).

Der eigene Clan ist die einzige Gruppe, der man vertrauen kann, und die Konflikte stärken die Position der Männer, es entstehen patriarchale Clans. Sie sind die Grundlage einer Kultur der Ehre, deren wichtigste ethische Grundsätze die Loyalität zum Clan und die Blutrache sind. Sie lässt sich in allen archaischen (d. h. sesshaften vorstaatlichen) Gesellschaften nachweisen und existiert in einigen Regionen der Welt bis heute. Eine Ehrenkultur ist eine soziale Ordnung, in der Sicherheit, Status und Konfliktregelung primär über öffentlich verteidigte Reputation statt über abstrakte, institutionell durchgesetzte Regeln erfolgen. In Ehrenkulturen wird hypersensibel auf Beleidigungen reagiert, weil diese als Signal für Aggressionsbereitschaft interpretiert werden, was die Reaktion mit Gewalt darauf zur Präventivreaktion macht.

Die spätere Urbanisierung kollidiert allerdings mit dem Territorialprinzip. In einer Stadt gibt es kein Territorium mehr zu verteidigen, und viele Clans müssen auf engem Raum zusammenleben. Es bedarf weiterer Ordnungsprinzipien, und daraus entsteht der Staat, der allerdings die Ehrenkultur nicht zum Verschwinden bringt. Die globale geistige Bewegung der sogenannten Achsenzeit kann als ein Versuch verstanden werden, die Verengung der Ehrenkultur auf den eigenen Clan zu überwinden. Die verschiedenen großen Weltregionen mit ihren kulturellen Schwerpunkten in China, Indien und im Mittelmeerraum haben verschiedene Ideen zur Überwindung des Clandenkens entwickelt. Allen gemeinsam ist das Bestreben, den subjektiv empfundenen Selbstwert von der Fähigkeit zur Gewaltausübung zu entkoppeln, Selbstkontrolle moralisch höher zu bewerten als Durchsetzungsfähigkeit. In unserer Traditionslinie brachte diese geistige Bewegung „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ hervor. Das Gebot ist alttestamentarisch, circa 500 Jahre älter als Jesus: Levitikus 19,18.

Der Anthropologe Joseph Henrich (Die seltsamsten Menschen der Welt, Suhrkamp 2022) zeigt auf, wie das Christentum, in dem es die patriarchalen Clans zerschlug (mittels eines „Ehe- und Familienprogramms“), eine neue Kultur hervorbrachte, die global betrachtet in einer Minderheitsposition ist. Ihre Individuen, die westlichen Menschen, unterscheiden sich in ihrer psychischen Struktur signifikant vom Rest der Welt. Henrich nennt sie „weird“ (= seltsam, Akronym für western, educated, industrialized, rich, democratic). Nicht mehr der Clan, sondern das Individuum steht im Zentrum. Dieses hat einen inneren Wert, der ihm nicht genommen werden kann, weil er von Gott gegeben ist. Dieser unantastbare Personenwert wird als Würde bezeichnet, die darauf basierende Kultur Würdekultur. Würde ist innerlich (an die Person gebunden), unveräußerlich (kann nicht aberkannt werden), gleich (alle besitzen sie in gleicher Weise) und bedingungslos (nicht abhängig von Verhalten, Ehre, Nutzen). In einer Würdekultur ist es eine Tugend, eine Beleidigung zu ertragen, und der Grad der Selbstbeherrschung ein Statusmerkmal. Da Würde unverletzlich ist, können in einer Würdekultur bloße Worte keine Gewaltausübung sein und rechtfertigen deshalb keine Vergeltung. Aus der Sicht der Würdekultur ist Ehre eine Quelle des Übels: „Turpissimum est eam rem, quae summa omnium malorum est, honoris titulo commendari.“ („Es ist das Schändlichste von allem, dass man das größte aller Übel mit dem Namen der Ehre schmückt.“) „Bellum geritur ambitione, ira, cupiditate, gloriae studio — nihil minus quam necessitate.“ („Kriege werden aus Ehrgeiz, Zorn, Begierde und Ruhmsucht geführt – aus allem eher als aus Notwendigkeit.“ Erasmus von Rotterdam, Querela pacis, 1517)

Die Soziologen Bradley Campbell und Jason Manning (The Rise of Victimhood Culture, Palgrave Macmillan 2018) stellen fest, dass die Würdekultur in unserer Zeit im Rückgang begriffen ist. Sie wird überformt durch eine neue Kultur, die sie Opferkultur nennen und die auch als „Wokismus“ bekannt ist. Ihr zentrales, sie von der Würdekultur abgrenzendes Merkmal ist, dass bloße Worte Aggression, also Gewalt seien, auch wenn es sich ggf. um „Mikroaggressionen“ handelt. Auf den ersten Blick könnte es also so aussehen, als ob es sich um einen Rückfall in die Ehrenkultur handelt, doch dem ist nicht so. In einer Ehrenkultur haben Opfer einen sehr niedrigen Status, weil sie sich als unfähig erwiesen haben, ihre Ehre zu verteidigen. In der Opferkultur haben sie aber einen hohen Status. In der Opferkultur bringt es gesellschaftliche Vorteile, Opfer zu sein. Deshalb gibt es einen Wettbewerb um die Frage, wer das größere Opfer ist. Im Unterschied zur Ehrenkultur ist außerdem Selbsthilfe sanktioniert. Ein Opfer appelliert an andere: „Schaut alle her, was mir angetan wurde.“ Vergeltung wird, wie auch in der Würdekultur, vom Staat erwartet. Die Opferkultur setzt die Würdekultur voraus, weil nur letztere das Mitgefühl hervorbringt, welches einen Appell aussichtsreich macht.

Opfer sehen die Ursache für ihre missliche Lage nicht bei sich selbst, was ja tatsächlich für ein wirkliches Opfer zuträfe. Es ist aber auch möglich, dass ein Mensch ein nicht entwickeltes, prekäres Selbstwertgefühl hat und glaubt, ein Ereignis sei nur passiert, weil er schwach ist. Eine Mitverursachung bei sich selbst zu empfinden, ist aber sehr beschämend. Da eine derartige Scham unerträglich ist, wird sie externalisiert. In diesem Fall wird eine eigene narzisstische Kränkung einem Täter zugeschrieben, und man selbst wird so zum Opfer. Der psychologische Prozess der Umdeutung wird in der Psychologie als selbstwertdienliche Verzerrung (self-serving bias) bezeichnet. Es gibt also Menschen, die sich als Opfer fühlen, obwohl die empfundene Schädigung ein intrapsychisches Problem ist.

In der Opferkultur entsteht gesellschaftlicher Status durch die erfolgreiche Mobilisierung Dritter. Damit wird der Zusammenhang zur Abschiebung von Verantwortung klar. Opfer ist jemand (wenn es sich nicht um ein wirkliches Opfer handelt), der weder die Verantwortung für die Verteidigung seiner Ehre noch die Verantwortung für die Entwicklung eines robusten Selbstwertgefühls übernimmt. Ein derartiges Opfer ist abhängig von Dritten und, da diese oft gerade als die Täter wahrgenommen werden, vom Staat. In der Würdekultur hatte die Beschäftigung der Institutionen, insbesondere des Rechtssystems, noch zum Ziel, hochstehende moralische Prinzipien wie die Grund- und Menschenrechte zur Geltung zu bringen. Nachdem nun dies weitestgehend erreicht ist, werden die Institutionen aber weiterhin beschäftigt, und diese lehnen das auch nicht ab, weil sie damit ihre Existenz rechtfertigen und sich ausdehnen können. Das Abschieben von Verantwortung ist zu einem Selbstzweck geworden, führt zur Stärkung des Staates, zur Schwächung des Selbstwertgefühls und produziert so noch mehr ehr- und würdelose Opfer.

Quellen:

historisch-philosophische Zeitspanne von 800 v. Chr. bis 200 v. Chr. (vier Kulturen)

Linke Mythen: Die Religion ist das Opium des Volkes

Systemische Verantwortungslosigkeit


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