30. Januar 2026 11:00

Aus der Zeit gefallen Es gibt kein richtiges (analoges) Leben im falschen (digitalen) (Teil 2)

Das Smartphone hat sich vom praktischen Hilfsmittel zum Machtinstrument entwickelt

von Michael Jürgen Herner drucken

Smartphone: Symbol für digitale Abhängigkeit
Bildquelle: e-Redaktion Smartphone: Symbol für digitale Abhängigkeit

Das Smartphone ist allgegenwärtig. Als technischer Allround-Helfer hat es an solch einer Fülle an Macht gewonnen, die in der Geschichte des Homo sapiens vergeblich ihresgleichen suchen dürfte: Wer einmal sein Smartphone irgendwo liegen gelassen hat und es nicht schnell genug wiederfindet, der weiß, was Ohnmacht ist. Für viele Menschen im Alltag, so mein Eindruck, ist es nicht mehr wegzudenken, so unkritisch, so selbstverständlich, so automatisiert wird es als Accessoire gebraucht, zum Beispiel in der Gesäßtasche gesteckt als Telefon, neben das Kopfkissen gelegt als Wecker oder an der Autokonsole fixiert als Verkehrslotse.

Schaut man in die jüngere Vergangenheit menschlicher Zivilisation zurück, auf die Zeit der Industrialisierung, dann lässt sich sagen: Nicht Dampfmaschinen, Blitzableiter oder Webstühle im 18. Jahrhundert, nicht Glühbirnen, Eisenbahnen oder Autos im 19. Jahrhundert, nicht Flugzeuge, Klimaanlagen oder Fernseher im 20. Jahrhundert hatten solch eine Übermacht über den Menschen, wie es das Smartphone hat im 21. Jahrhundert.

All die technischen Errungenschaften waren damals, im Zeitalter der Moderne, als Gebrauchsmittel für den Menschen nicht permanent präsent, nicht immer zu haben und vor allem: nicht unbedingt nötig gewesen. Um Wichtiges im Tagesgeschäft verrichten zu können, um überhaupt am Leben teilnehmen zu können, gab es immer noch Alternativen, auf die man zurückgreifen konnte. Sie konnte man nutzen oder auch nicht. So konnte etwa ein gewerbetreibender Weber, dem das Geld für den Kauf einer Glühbirne fehlte, noch seine Arbeit am Webstuhl verrichten, wenn er diese bei Kerzenlicht ausübte. Man hatte noch eine Wahl-Freiheit, falls einem danach war. Nimmt man eine Anleihe bei einem großen Denker, beim Philosophen Immanuel Kant und seinem Werk „Was ist Aufklärung?“, dann war der Mensch von damals jemand, dem noch das Privileg zufiel, in Wahl-Freiheit sich seines eigenen Verstandes bedienen zu können. Vorausgesetzt, er oder sie war nicht gerade der eigenen Mutlosigkeit oder Faulheit unterlegen.

Heutzutage, im Zeitalter der Postmoderne, sieht dies anders aus. Eine technische Erfindung wie das Smartphone wird immer mehr zur lebensnotwendigen Sache. Dabei erfährt es schrittweise in seiner Funktionalität eine Transformation vom Gebrauchsmittel zum Konsummittel und vom Konsummittel zum Machtmittel.

Was Konsummittel heißen kann, ist leicht in Videoclips auf YouTube anzusehen: Wo etwa mehrere Jugendliche an einem runden Esstisch in einem Restaurant sitzen und jeder in sein eigenes Smartphone schaut, anstatt sich mit anderen zu unterhalten. Seit 2015 wird so was mit dem Neologismus „Smombie“ (für Smartphone und Zombie) bezeichnet. Dabei mache, so der Psychologe Gerd Gigerenzer in der Zeitschrift „Schweizer Monat“, nicht das Smartphone dümmer, sondern das Geschäftsmodell der Social-Media-Apps, die es schwieriger machen würden, „ein intelligentes und selbstbestimmtes Leben zu führen“. Zu ähnlichen und weiteren Überlegungen kommt der Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer in seinem Buch „Die Smartphone-Epidemie“.

Was Machtmittel heißen kann, ist leicht vorauszusehen: Wenn etwa die internationale Geldwirtschaft in nächster Zeit gänzlich aufs bargeldlose Bezahlen umgestellt sein wird und sämtliche Finanztransaktionen nur noch über Digitalgeld abwickelbar sind. Solch ein Zahlungssystem ist etwa von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt/Main in der Planung, wobei die Umstellung des Systems nicht abrupt, sondern peu à peu erfolgen dürfte. Wer dann weiterhin mit Bargeld beim Einkaufen bezahlen will, der wird ein immer größer werdendes Problem bekommen. Ohne Smartphone wird das, was man Wahl-Freiheit nennt, für die große Masse der Menschen in der Europäischen Union zur reinen Illusion und das, was man Wahl-Unfreiheit nennt, zur bitteren Realität werden: Wer kann sich schon als Besitzer einer kleinen Insel in der Karibik rühmen, um dort als autarker Selbstversorger einem Leben als postmoderner Robinson Crusoe den Vorzug zu geben? Gewiss, nur die allerwenigsten Menschen. Der Ökonom Thorsten Polleit warnt deshalb schon seit Jahren, was mit dem Digitalgeld freiheitlich auf dem Spiel steht und was sich geldpolitisch an Handlungsbedarf anbietet.

Was beim Aufkommen des Internets in den Anfängen der 1990er Jahre noch als aufklärerischer Impetus daherkam – mehr an Information, Partizipation, Emanzipation für die Menschen zu schaffen –, entpuppt sich nunmehr als Schimäre: Wenn menschliches Erleben und Verhalten nicht mehr unabhängig von einem digitalen möglich ist, dann ähnelt dies einer Situation, die bereits vom Philosophen Platon in der Antike als „Höhlengleichnis“ beschrieben wurde: dass aufgeworfene Schatten an einer Höhlenwand, die durch ein Feuer hinter einer Mauer herrühren, von gefesselten Insassen in der Höhle als die einzige Realität in der Welt angesehen werden.

Und heute, 35 Jahre später, greift noch ein Kult um das vermeintlich „Smarte“ (Clevere) um sich. Immer mehr verschieben sich dabei die technischen Grenzen, so dass ein Superlativ den nächsten ablöst, nicht zuletzt wegen verbesserter Technologie bei Microchips und Künstlicher Intelligenz (KI). Waren es nach der Jahrtausendwende zunächst eine „Smart Watch“, ein „Smartphone“ oder ein „Smart Notebook“, was mehr oder weniger große Begeisterungstürme im Hinblick auf Updates oder Upgrades bei Apps, Software oder Hardware in der digitalen Fangemeinde entfachen konnten, so sind es nunmehr digitalisierte Produkt- und Lebensbereiche im „Internet of Things“ (IoT), bei dem nun alles mit allem vernetzbar und integrierbar erscheint. Einschlägige Schlagwörter lauten: „Smart Home“, „Smart Driving“ oder „Smart City“. Bei alledem dürfte das Smartphone weiterhin eine zentrale Rolle in der „schönen neuen Welt der Interkonnektivität“ spielen.

Es fragt sich nur: Wie lange noch? Verfolgt man neuere Diskussionen in der Technoszene – Stichwort Transhumanismus –, dann steht auch das „Internet of Bodies“ (IoB), als Teil vom „Internet of Things“ (IoT), erst am Anfang einer Entwicklung. Bedenkt man, dass der menschliche Körper ca. 100 Billionen an Körperzellen aufweist, dann ergeben sich schier grenzenlose Visionen für die Zukunft, was aus dem Homo digitalis noch alles werden kann: ein Mischwesen, das eine Maschine und ein menschlicher Organismus zugleich ist – ein Cyborg –, dessen körperinneres Netzwerk, bestehend aus technisch aufgerüsteten Körperzellen, ein neues Universum an Optionen eröffnet. Einen Vorgeschmack darauf bietet die Forschung zum „Internet of Bio-Nano-Things“ (IoBNT), bei dem es darum geht, gesammelte Informationen aus dem Körperinneren übers Internet an Dienstleister im Gesundheitswesen zu übertragen. Spätestens mit solch einem biotechnologisch konfigurierten Internet dürfte das Smartphone obsolet sein, weil der Mensch sich selber zu dessen Ersatz transformiert hätte. Das ähnelt einem Zustand, bei dem die Menschen ihren letzten Funken an Freiheit und Würde verloren haben werden. Um mit dem Historiker Yuval Noah Harari in seinem Werk „Homo deus“ zu sprechen: „Die Menschen werden sich nicht mehr als autonome Wesen betrachten, die ihr Leben entsprechend den eigenen Wünschen führen, sondern viel eher als eine Ansammlung biochemischer Mechanismen, die von einem Netzwerk elektronischer Algorithmen ständig überwacht und gelenkt werden. Damit es so weit kommt, bedarf es keines externen Algorithmus, der mich ’durch und durch’ kennt und nie irgendwelche Fehler macht; es reicht, wenn dieser externe Algorithmus mich ’besser’ kennt als ich mich selbst und ’weniger’ Fehler begeht als ich.“ Und spätestens dann erhielte auch die digitale Vision vom Metaversum, in dem es um „Augmented Reality“ (AR), „Virtual Reality“ (VR) und „Mixed Reality“ (MR) geht, gehörigen Vorschub.

Nicht ohne Grund warnte schon 1985 der Medienwissenschaftler Neil Postman mit seinem Werk: „Wir amüsieren uns zu Tode.“ Darin heißt es lapidar: „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werden kann. Im ersten Fall – Orwell hat ihn beschrieben – wird die Kultur zum Gefängnis; im zweiten Fall – ihn hat Huxley beschrieben – verkommt sie zum Varieté.“

Die digitalisierte Welt ist also keine Petitesse, keine Selbstverständlichkeit und schon gar kein Thema für Anti-Diskriminationsbeauftragte, die sich etwa für Alte in der Gesellschaft einsetzen, die kaum mit einem Smartphone umzugehen wissen, geschweige denn sich eines leisten können. Nein, hier geht es ums Freiheitliche schlechthin! Der Philosoph Alexander Grau hat schon vor ein paar Jahren formuliert, was nötig wäre: „Denn Freiheit und Autonomie in Zeiten der globalen Digitalisierung bedeuten zunächst und vor allem Freiheit von der Digitalisierung. Nur der Mensch, der die Möglichkeit hat, ein analoges Leben zu führen, ist im eigentlichen Sinne frei.“

Das Smartphone gewinnt also an existentieller Valenz; und nicht nur das: auch an narzisstischer Valenz. Mit solch einer doppelbödigen Valenz ist freilich kein guter Ausblick verbunden. Nimmt man erneut eine Anleihe bei einem großen Denker, diesmal beim Nervenarzt Sigmund Freud und seinem Werk „Das Unbehagen in der Kultur“, dann erhebt sich der mit einem Smartphone ausgestattete Mensch zu einer Art „Prothesengott“ – dem in seinem Gefühl von Allmacht nichts mit seinem „Hilfsorgan“ an Leistung unmöglich erscheint, was vorher noch als unmöglich galt. Dies gleicht einer Selbstüberhebung, basierend auf Anmaßung und Übermut, was man als Hybris bezeichnet. Davon betroffen ist nicht nur, aber vor allem ein Mensch, dem man das Attribut „narzisstisch“ anheften kann.

Ein Mensch, eingenommen mit existentieller Angst und narzisstischer Größenphantasie, dürfte ein leichtes Opfer abgeben für linke wie für rechte Ideologen mit extremem Ansinnen. Als Transhuman dürfte er, so der Ökonom Markus Krall, eine Verkörperung des „neuen Menschen“ wie im Sozialismus oder des „Übermenschen“ wie im Nationalsozialismus darstellen.

Dass menschliche Angst als „Machtmittel“ von politisch Mächtigen gerne genutzt wird, um politische Ziele zu erreichen, weiß man durch das Buch „Angst und Macht“, geschrieben vom Psychologen Rainer Mausfeld; und dass eigener Narzissmus als „Mittel zur Macht“ bei Politikern verbreitet ist, um Karriereziele zu erreichen, weiß man durch das Buch „Narzissmus und Macht“, verfasst vom Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth.

Kurzum: Je weniger Macht dem Smartphone eingeräumt würde, desto mehr Freiheit bliebe übrig. Damit ist zugleich ein Menschenbild angesprochen, das auf einem Individualismus gründet, bei dem nicht der Mensch der Technik, sondern die Technik dem Menschen zu dienen hat und bei dem es nicht um ein optionales „Entweder-Oder“, sondern um ein optionales „Sowohl-als-Auch“ zu gehen hat. Es geht also um einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone, indem es wieder als gelegentliches Gebrauchsmittel gehandhabt wird, indem es nicht mehr als ständiges Konsummittel missbraucht wird und indem es nicht mehr als mögliches Machtmittel zu autoritären oder totalitären Herrschaftszwecken einer Verwendung zugeführt wird. Es geht also, wie immer im Leben, ums rechte Maß. Darauf legte übrigens schon der ordoliberale Ökonom Wilhelm Röpke in seinem Buch „Maß und Mitte“ wert und warnte: „Vom prometheischen zum luziferischen Menschen ist der Schritt nicht weit.“

Deshalb sollte jedem Menschen, ob alt oder jung, ob dumm oder schlau, ob reich oder arm und so weiter, ein Recht auf ein analoges Leben, verstanden als ein universell gültiges Menschenrecht und als ein staatlich garantiertes und damit einklagbares Grundrecht, eingeräumt werden. Ich bin da guter Dinge, dass dies nicht nur ein Wunsch bleiben wird: Noch steht die Freiheitsstatue „Lady Liberty“ auf einem Eiland im Hafen von New York; noch hält sie fest die Fackel als Symbol für Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit in der rechten Hand – wenn das keine Zuversicht macht, was denn sonst?

(Fortsetzung folgt)


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