Freiheitsverkostung: Die BahnCard 100 – Freiheit auf Schienen?
Auftakt der neuen Kolumne zur „Freiheitsverkostung“
von David Andres drucken
Verkostungen machen Spaß, doch um die sorgsame Prüfung von Whisky, Wein, Zigarren oder Junk Food kümmern sich bereits andere. Hier soll fortan 14-tägig getestet werden – wie viel Freiheit steckt in einer Sache?
Keine Sorge, es wird keine rein ideologische Veranstaltung. Keine neue Variante der endlosen, wenn auch berechtigten Klage gegen den Staat. Freiheit ist schließlich noch mehr als Freiheit von der Bevormundung durch die Politik. Daher habe ich mir für die „Freiheitsverkostung“ gleich vier klare Kriterien ausgedacht: den Grad der staatlichen Einmischung, den Grad der Freiwilligkeit, die Abhängigkeit und Bewegungsfreiheit sowie die Reversibilität. Gehen Sie mit mir gemeinsam durch die erste Folge, und Sie werden sehen, wie das gemeint ist.
Die BahnCard 100 – Freiheit auf Schienen?
Harald Schmidt erzählte neulich im Gespräch bei Monika Gruber von seiner Lebenskunst als echter Bahnfahrer. Im Gegensatz zu den Gelegenheitskunden habe er überhaupt nichts zu klagen über die Deutsche Bahn. Der Grund: Er besitzt eine BahnCard 100. Für ihn könne kein Zug zu spät kommen. Er gehe einfach an den Bahnsteig, und wenn dort um zehn Uhr ein Zug einfahre, der eigentlich um sechs Uhr hätte fahren sollen, dann sei das eben ein pünktlicher Zehn-Uhr-Zug. Eine gute und zugleich wahre Pointe, denn die BahnCard 100 hebt das Prinzip der Verzweckung von Zeit weitgehend auf. Man ist an keinen Zug gebunden, an keine Verbindung, an keinen Fahrplan. Man fährt, wenn man fährt. Man steigt ein, wenn man einsteigt. Dies fühlt sich in der Tat erstaunlich frei an.
Grad der staatlichen Einmischung
Zwar heißt das Unternehmen Deutsche Bahn AG, doch alle Aktien gehören dem Staat, das Schienennetz ohnehin. Wer mit der BahnCard 100 reist, bewegt sich vollständig innerhalb staatlicher Infrastruktur. Streiks, politische Entscheidungen und vor allem der ständige Investitions-Stau trotz milliardenschwerer „Sondervermögen“ für die Infrastruktur – all das entzieht sich dem eigenen Einfluss. Freiheit von Einzelpreisen und Fahrplänen findet statt, aber innerhalb eines Rahmens, der nicht selbst gestaltet werden kann.
Grad der Freiwilligkeit
Mit diesem Kriterium stelle ich die Frage, inwiefern ein Produkt dem Kunden entweder regelrecht aufgezwungen wird (der Extremfall wäre hier die Rundfunkgebühr), aber auch, inwiefern es durch Werbung und Manipulation in die Köpfe gepflanzt worden ist. Die BahnCard 100 ist teuer, speziell und wird niemandem aufgedrängt. Hier und da gibt es Werbung für sie, aber niemand wird subtil hineinmanipuliert. Allein ob des elitären Preises entscheidet sich dafür jeder bewusst – meist nach langem Abwägen angesichts der schlechten Sicherheitsbedingungen auf den Bahnhöfen. Zwar darf sich ein goldener Abonnent in spezielle DB-Lounges verkriechen, aber auf dem Bahnsteig machen Messerstecher und mörderische Schubser keinen Unterschied zwischen den Fahrklassen. Generell gilt aber: Wer die 100er besitzt, wollte sie wirklich.
Abhängigkeit und Bewegungsfreiheit
Die Karte macht mobil – aber nur, solange Züge fahren. Man kann weder Route noch Mitreisende bestimmen, ist abhängig von Technik, Personal und Systemstabilität. Im Vergleich zum Auto ist das ein Verlust an Autonomie. Gleichzeitig gewinnt man Freiheit von Parkplatzsuche, Stau und Tempolimit und kann beruflich sehr Vieles während der Fahrt bearbeiten, das abseits von Diktierfunktionen beim Autofahren liegenbleibt.
Reversibilität
Dieses Kriterium meint, inwiefern ein Kauf langfristig bindet. Der Extremfall wäre hier ein Eigenheim, das die meisten Jahrzehnte lang abbezahlen, das Gegenteil die „monthly subscription“ eines Streamingdienstes oder der sofortige Umtausch einer Ware im Handel per Kassenbon. Bei der BahnCard 100 ist die Reversibilität begrenzt. Für ein Jahr ist die Entscheidung teuer und bindend. Ein spontaner Rückzug ist nicht vorgesehen.
Das Fazit: 67 Prozent
Als Wertung greife ich auf die feine Skala von 1 bis 100 Prozent zurück, die es früher in Videospielmagazinen gab – und die auch dort unterm Strich halb aus der Intuition getroffen wurde und nicht durch knallharte Mathematik. Die BahnCard 100 ist ein paradoxes Freiheitsprodukt: maximal frei innerhalb eines hochregulierten Systems. Sie schenkt Gelassenheit, Zeit und Spontaneität – aber keine Souveränität. Freiheit auf Schienen eben. Besitzen Sie eine und stimmen Sie der Wertung zu?
Quellen:
Mit Monika Gruber und Late-Night-Ikone Harald Schmidt
BahnCard 100: 12 Monate ticketlos reisen
Deutsche Bahn AG - Bundesfinanzministerium - Themen
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