28. Januar 2026 18:00

Freiheit Freiheit in der Post-Wahrheits-Gesellschaft

Die Herausforderungen von Gewissheit und Wahrheit in der modernen Gesellschaft

von Joana Cotar drucken

Das fragile Gleichgewicht der Wahrheit
Bildquelle: Eigenes Bild Das fragile Gleichgewicht der Wahrheit

Freiheit in der Post-Wahrheits-Gesellschaft

Freiheit scheitert selten an der Lüge. Sie scheitert an Gewissheit. An diesem tiefen Bedürfnis, endlich auf der richtigen Seite zu stehen, moralisch unangreifbar zu sein, nicht mehr zweifeln zu müssen. Lügen lassen sich widerlegen. Gewissheiten nicht. Wer überzeugt ist, recht zu haben, hört nicht mehr zu und hat meist auch keinen Anlass mehr, anderen ihre Freiheit zuzugestehen.

Wir leben nicht in einer Zeit des Informationsmangels. Wir leben in einer Zeit der Überfülle. Nachrichten, Meinungen, Studien, Expertenaussagen sind jederzeit verfügbar. Trotzdem fällt Orientierung schwerer als früher. Es fehlen nicht die Fakten, sondern ihre verbindende Kraft. Wahrheit beantwortet heute weniger die Frage, was ist, als die Frage, wer man ist. Sie dient der Selbstverortung, nicht der Verständigung.

Der Begriff „Post-Wahrheit“ wird oft so verwendet, als lebten wir plötzlich in einer Welt ohne Wahrheit. Das ist Unsinn. Wahrheit ist überall, nur eben in vielen Versionen. Sie ist moralisch aufgeladen und fest mit Identitäten verknüpft. Man sucht sie nicht mehr, man verteidigt sie. Man prüft sie nicht mehr, man bewohnt sie.

Sobald aber Wahrheit zur Haltung wird, wird Abweichung verdächtig. Irrtum gilt nicht mehr als normaler Bestandteil eines offenen Gesprächs, sondern als Hinweis auf falsche Gesinnung. Widerspruch stört, Zweifel relativiert, Uneindeutigkeit macht angreifbar. Freiheit aber lebt davon, dass Menschen falsche Dinge sagen dürfen, ohne dafür sozial aussortiert zu werden.

Post-Wahrheit bedeutet nicht, dass Menschen plötzlich häufiger lügen. Menschen haben sich immer geirrt. Neu ist, dass die Wahrheit nicht mehr das Ergebnis eines Suchprozesses ist, sondern Ausgangspunkt einer Position. Früher wurde über Wahrheit gestritten. Man konnte falsch liegen, korrigiert werden, umlernen. Das setzte voraus, dass es etwas Gemeinsames gab, auf das man sich bezog, zumindest den Anspruch auf eine geteilte Wirklichkeit.

Dieser Anspruch ist brüchig geworden. Fakten existieren weiterhin, aber sie überzeugen nicht mehr aus sich heraus. Sie wirken nur noch innerhalb eines Rahmens, der bereits festlegt, was als relevant oder glaubwürdig gilt. Derselbe Sachverhalt kann als Beweis oder als Provokation gelesen werden, je nachdem, in welchem Deutungsraum er auftaucht.

Das hat Folgen. Wenn Wahrheit gewählt statt entdeckt wird, verändert sich der Umgang mit ihr. Zweifel gilt nicht mehr als Stärke, sondern als Schwäche. Korrektur nicht als Fortschritt, sondern als Verrat. Wer falsch liegt, ist nicht einfach schlecht informiert, sondern schlecht gesinnt. Der Streit verlagert sich von der Sachebene auf die moralische Bewertung der Person.

So entsteht eine merkwürdige Situation.

Ständig ist von Fakten die Rede, aber sie entscheiden nichts mehr, beruhigen nicht. Jede Seite verfügt über ihre eigenen Zahlen, Experten und Studien. Die Wahrheit wird nicht abgeschafft, sondern vervielfacht – und dadurch entwertet.

In diesem Klima wird Freiheit fragil. Denn Freiheit setzt voraus, dass Menschen ihre Meinung ändern können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Wo Wahrheit jedoch zur Identität wird, ist diese Beweglichkeit nicht vorgesehen. Wer sich festlegt, ist sicher. Wer offen bleibt, macht sich angreifbar. Die Post-Wahrheit ist deshalb weniger ein Erkenntnisproblem als ein kulturelles. Es geht um den Verlust der Fähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen.

So entsteht eine paradoxe Gesellschaft: laut und gleichzeitig still. Voller Meinungen, aber arm an echten Gesprächen. Voller Wahrheiten, aber unfähig zur Verständigung. Die Post-Wahrheit ist kein Triumph der Lüge, sondern ein Symptom kollektiver Überforderung.

Es gibt keinen Weg zurück zu einer Wahrheit, die alle verbindet. Es gab sie nie. Was es aber geben kann, ist eine Kultur, die Unsicherheit aushält, ohne sie moralisch zu bestrafen. Freiheit verlangt nicht, dass wir Recht haben. Sie verlangt, dass wir uns irren dürfen und anderen dieses Recht zugestehen.


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