04. März 2026 14:00

Krieg Der Peloponnes, die Ukraine und der Nahe Osten

Die Bedeutung militärischer Stärke

von Andreas Tögel drucken

Militär: Vergangenheit und Gegenwart im Konflikt
Bildquelle: e-Redaktion Militär: Vergangenheit und Gegenwart im Konflikt

Im Jahr 431 vor Christus begann der Peloponnesische Krieg, dem wachsende Spannungen zwischen Sparta (dem Peloponnesischen Seebund) und Athen (dem Attischen Seebund) vorangegangen waren. Ein interessanter Aspekt dieser kriegerischen Auseinandersetzung betrifft die Politik Athens gegenüber der kleinen Insel Melos. Athen stellte den Bewohnern der Insel ein Ultimatum: Entweder ihr bezahlt Tribute an Athen oder ihr werdet vernichtet.

Die von den Meliern daraufhin begonnenen Verhandlungen mit Athen wurden von Thukydides in seiner Geschichtsschreibung als Melierdialog überliefert. Die militärisch schwachen Melier bezogen darin einen moralischen Standpunkt, indem sie den Athenern klarzumachen versuchten, ihnen deshalb keinen Anlass für eine militärische Aggression zu geben, weil sie sich im Krieg zwischen Sparta und Athen neutral verhalten. Die Athener dagegen setzten Macht und Recht gleich und erklärten laut Thukydides den Meliern sinngemäß: „Die Gerechtigkeit gilt nur unter Gleichen. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.“

Thukydides solidarisiert sich keineswegs mit der Position der Athener, sondern bezieht in seiner Darstellung eher eine kritische Sicht auf die Hybris der Athener (die im Jahr 404 vor Christus den 27 Jahre lang dauernden Krieg nach der auf einer fatalen Selbstüberschätzung beruhenden Seeoffensive gegen Syrakus auf schmachvolle Weise verlieren).

Die entscheidende Frage lautet: Schafft Macht Recht? Im antiken Rom kommt man später zu der folgenden nüchternen Einschätzung: Macht schafft zwar kein Recht, aber sie schafft die Realität. Fakten entstehen durch Macht, nicht durch Gerechtigkeit, wenn dieser die „Hard Power“ zu ihrer Durchsetzung fehlt. Staaten handeln interessengeleitet – nach ihrem Vorteil –, nicht aber nach moralischen Grundsätzen. Fragen der Moral spielen insbesondere zwischen Ungleichen keine Rolle. Die Römer erkannten zwar an, dass Macht allein keine moralische Autorität über andere verleiht. Gleichzeitig wussten sie aber, dass moralische Autorität allein harte Macht nicht beugen kann. Um diese beiden Aspekte miteinander in Einklang zu bringen, prägten sie den berühmten Satz „Si vis pacem, para bellum“ – wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Denn wo ein Machtgefälle besteht, setzt sich der Stärkere gnadenlos durch.

Diese jahrtausendealte Erkenntnis sei all den naiven Traumtänzern ins Stammbuch geschrieben, die gegenwärtig unentwegt das Völkerrecht beschwören und die Aufrechterhaltung einer „regelbasierten Ordnung“ herbeijammern wollen, zu deren Erhalt sie keine Voraussetzungen geschaffen haben. Eine derartige Ordnung hat nämlich nur so lange Bestand, bis derjenige, der meint, über ausreichend starke Divisionen zu verfügen, sie aufkündigt. Gegenwärtig betrifft das Russland in der Ukraine und die USA im Krieg gegen den Iran.

Das erbärmliche Gewinsel der EU-Granden, die allenfalls als stille Zuschauer bei den laufenden Konflikten in Erscheinung treten dürfen, erinnert stark an die moralbasierte Haltung der Melier im Peloponnesischen Krieg. Die traf übrigens, nachdem sie auf das athenische Ultimatum nicht eingegangen waren, ein grausames Los: Alle erwachsenen Männer wurden getötet und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Wehe den Besiegten! So schlimm, so steht zu hoffen, wird es dieser Tage für die Verlierer indes nicht kommen.

Der Grundsatz, sich auf den Krieg vorzubereiten, um ihn damit zu vermeiden, hat viel für sich. Im Fall der Schweiz hat er während des Zweiten Weltkriegs offenkundig funktioniert. Aufgrund des starken Geländes und der starken Armee des kleinen neutralen Landes wurde der von der deutschen Wehrmacht zu zahlende „Eintrittspreis“ als zu hoch eingeschätzt. Allerdings steht das Schweizer Beispiel alleine auf weiter Flur.

Ein Wort zum Wert der politischen „Neutralität“, die in Österreich einen völlig übersteigerten Kultstatus genießt: Die Neutralität Belgiens war anno 1914 keinen Pfifferling wert. Die Neutralität der Niederlande, Dänemarks und Norwegens bewahrte diese Länder im Jahr 1940 nicht vor der Invasion durch die deutsche Wehrmacht. In all diesen Fällen war das militärische Übergewicht des Deutschen Reiches einfach zu groß. Zu glauben, die Neutralität würde vor militärischer Aggression schützen, erwies sich schon im Jahr 431 vor Christus als Illusion, und sie ist bis heute eine geblieben. Ist damit aber zugleich die uneingeschränkte Gültigkeit des „si vis pacem para bellum“ bewiesen?

Keineswegs, denn beispielsweise handelte es sich bei Frankreich im Mai 1940 um einen beim Vergleich der verfügbaren Kampfstärke ebenbürtigen Gegner des Deutschen Reiches. Von einer in der militärischen Literatur vom Angreifer geforderten 3:1-Überlegenheit der Wehrmacht über die Verteidiger war keine Rede. Es spielen also eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle – insbesondere auch die Möglichkeit einer Fehleinschätzung, wie sie etwa dem „Unternehmen Barbarossa“, dem am 22. 6. 1941 erfolgten Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, zugrunde lag.

Dass sich Westeuropa seit 1945 zu seinem Schutz auf die von den Amerikanern dominierte Nato verlassen hat und nach dem Zerfall der UdSSR an ein „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) glaubte, erweist sich spätestens seit der zweiten Amtszeit Donald Trumps als Fehler. Die nun von den stark verschuldeten Staaten Eurolands eingeleitete Aufrüstung sollte dennoch gut durchdacht sein.

Russland als Schreckgespenst zu beschwören, um jede noch so hanebüchene Geldverschwendung zu rechtfertigen, ist – angesichts dessen verlustreicher Bilanz nach vier Jahren Krieg in der Ukraine – ein reichlich dubioses Argument. Die stark geschwächten und sämtlicher Verbündeter verlustig gegangenen Russen werden in den kommenden Jahren andere Sorgen haben als einen Krieg gegen die Nato vom Zaun zu brechen. Eine vernünftige Kooperation der europäischen Staaten bei den geplanten Rüstungsprojekten wäre daher keine üble Idee.

Ein Beispiel: Die Amerikaner verfügen mit dem M1-Abrams über genau einen Kampfpanzertyp, der in entsprechend großen Stückzahlen gebaut wird. Und Europa? Die Briten setzen auf den Challenger, die Franzosen auf den Leclerc, Deutschland und einige andere Staaten Europas auf den Leopard II, Italien nutzt gegenwärtig den Ariete und hat soeben 380 Stück des völlig neuen KF-51 Panther (Rheinmetall) bestellt, während Polen 250 Stück des M1-Abrams kauft. Ein Albtraum, sich im Fall der Fälle die Ersatzteillogistik für eine derart zersplitterte Modellpalette auszumalen (die schon für die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ein schwerwiegendes Problem darstellte).

Nicht anders verhält es sich bei Luft-Luftabwehr- und Marinerüstung: Jede Nation kocht, mit politisch-wirtschaftlichem Hintergrund, ihre eigene Verteidigungssuppe und verzichtet damit auf kostenschonende Skaleneffekte.

Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln (Carl von Clausewitz) ist im 21. Jahrhundert leider wieder in Mode gekommen. Es gilt, dieser Tatsache mit Umsicht und möglichst ohne die Vergeudung knapper Mittel und – in Zeiten eines dramatischen Geburtendefizits – noch knapperen Militärpersonals Rechnung zu tragen.


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