27. Mai 2026 14:00

Mythos Nullsummenlogik Wirtschaftskompetenz und Nullsummendenken

Warum Wirtschaftsdenken oft falsch liegt

von Andreas Tögel drucken

Nullsummendenken: Gleichgewicht und Missverständnis
Bildquelle: e-Redaktion Nullsummendenken: Gleichgewicht und Missverständnis

Die meisten Deutschen und Österreicher hätten kein Problem damit, sich in der Rolle des Fußballnationaltrainers zu sehen. Viele halten sich für Experten auf diesem Gebiet. Das Wissen um den Fußballsport scheint hierzulande kulturell tief verwurzelt zu sein. Gänzlich anders verhält es sich mit dem Wissen um ökonomische Zusammenhänge. Hier zeigen Studien, wie die 2024 für Deutschland vom „Forum New Economy“ repräsentativ durchgeführte, dass wirtschaftliche Fragen für viele Menschen schwer einzuordnen sind und dementsprechende Unsicherheiten auslösen. Regelmäßige repräsentative Umfragen wie der ARD Deutschland-Trend zeigen, dass Wirtschaft zwar zu den wichtigsten Themen zählt, aber gleichzeitig große allgemeine Ungewissheit über deren Gesetzmäßigkeiten besteht.

Für Österreich liegen zwar keine so spezifischen Erhebungen vor wie für Deutschland, doch Studien der Statistik Austria und des SORA Instituts zeigen regelmäßig, dass Wirtschaftsthemen als besonders erklärungsbedürftig gelten und als schwer durchschaubar wahrgenommen werden. Außerdem ist das Vertrauen in die wirtschaftspolitischen Akteure geringer ausgeprägt als in anderen Politikfeldern. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich schätzen viele Bürger ihr Fachwissen im Bereich der Ökonomie als gering ein.

Selbsterkenntnis mag zwar der erste Schritt zur Besserung sein, hilft aber nicht dabei, als rätselhaft beurteilte grundlegende Zusammenhänge zu erkennen. Offenbar sehen viele Mitbürger die Ökonomie ähnlich wie der schottische Historiker Thomas Carlysle (1795–1881), der sie in einer 1849 erschienenen Schrift zur „Negerfrage“ als „düstere Wissenschaft“ angeprangert hatte.

Was auch immer die Gründe für fehlendes Grundlagenwissen sein mögen: Mangelnde Kompetenz kann zu Fehleinschätzungen führen, die schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen können. Eine besonders folgenschwere ist diejenige, die in einem Gedicht aus der Feder des kommunistischen Literaten Bertolt Brecht sichtbar wird, wenn er schreibt:

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sah’n sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Darin kommt die überaus populäre, aber irrige Vorstellung zum Ausdruck, dass jedem wirtschaftlichen Gewinn der einen Seite ein gleich hoher Verlust der Gegenseite gegenüberstehen müsse. Dieses Denken grassiert bevorzugt unter zu Neidaffekten neigenden Zeitgenossen – besonders unter Sozialisten, denn das Nullsummendenken korreliert eng mit Neidgefühlen. Gerade für die Ökonomie liegt indes eine Fülle empirischer Beweise dafür vor, dass Nullsummendenken schlicht falsch ist.

Natürlich gibt es Nullsummenspiele: Beispielsweise sportliche Zweikämpfe oder Präsidentschaftswahlen. Nur einer gewinnt, der andere verliert. Im Bereich wirtschaftlicher Interaktionen aber überwiegen bei weitem jene Situationen, in denen alle Beteiligten gewinnen.

Das in Wirtschaftsfragen erkennbare Nullsummendenken manifestiert sich übrigens auch auf anderen Gebieten. So werden etwa reichen Menschen Egoismus und Gier attestiert; besonders schöne Menschen werden – wie auch Bodybuilder – mit Dummheit und Oberflächlichkeit assoziiert; Superintelligenzlern werden negative Attribute wie Weltfremdheit und soziale Unbeholfenheit zugeschrieben. Damit wird deutlich, dass Nullsummengläubige die Vorzüge bestimmter Mitmenschen als Spiegel ihrer eigenen Defizite sehen, die sie unbedingt mit negativen Zuschreibungen „ausbalancieren“ möchten.

Mehrere Untersuchungen haben festgestellt, dass Menschen mit Nullsummenmentalität häufiger als andere ihren Mitmenschen feindselige Absichten unterstellen. Da eine arbeitsteilige, marktwirtschaftliche Ordnung aber gegenseitiges Vertrauen voraussetzt, ist diese Haltung überaus schädlich.

Dass das Nullsummendenken gefährliche Konsequenzen zeitigen kann, beweist eine andere Untersuchung, die zeigt, dass Nullsummengläubige eher bereit sind, den Einsatz von Gewalt gegen politisch Andersdenkende zu akzeptieren.

Laienhafte Vorstellungen vom Wirtschaftsleben münden oft im Nullsummendenken und konzentrieren sich regelmäßig auf die Verteilung, nicht aber auf die Produktion von Wohlstand. Es existiert keine linke politische Partei oder NGO, die ihr Augenmerk auf die Produktion von Wohlstand richtet. Allesamt haben sie stets dessen ihrer Meinung nach „faire“ Verteilung im Sinn.

Wie unsinnig dieses Ziel ist, beweist die Wirtschaftsgeschichte: Lebten 1820 noch 80 Prozent der Menschen weltweit in extremer Armut, reduzierte sich diese Quote bis 1990 auf 37,0 Prozent. Bis 2024 sank sie auf 8,5 Prozent. Und das war nicht etwa einer „gerechteren“ Aufteilung geschuldet. Das Phänomen Wirtschaftswachstum ist dafür verantwortlich: Wirtschaft ist eben nicht mit einem immer gleich großen Kuchen vergleichbar, den es zu verteilen gilt. Der Kapitalismus ermöglicht das Backen immer größerer Kuchen – zum Vorteil aller.

Wie irrig das Nullsummendenken in wirtschaftlicher Hinsicht ist, wird am Beispiel Chinas deutlich, wo die Zahl der extrem Armen auf heute unter ein Prozent gefallen ist. Nur in den USA leben heute mehr Milliardäre als in China.

Auf der Suche nach den Gründen für die „antikapitalistische Mentalität“ (© Ludwig von Mises) stößt man alsbald auf die Unterhaltungsindustrie, die das Nullsummendenken und die Kritik am Profitstreben nach Kräften fördert. Die deutsche Krimiserie „Tatort“ schießt in dieser Hinsicht den Vogel ab. Motto: Der Mörder ist immer ein Unternehmer oder Manager, niemals der einfache Arbeiter.

Handel ist kein Nullsummenspiel: Der Bäcker gewinnt beim Verkauf eines Brotlaibes ebenso wie dessen Käufer – andernfalls das beiderseits aus freien Stücken eingegangene Geschäft unterbliebe. Dasselbe Prinzip gilt für den grenzüberschreitenden Handel. Vietnam liefert den schlagenden Beweis für die Bedeutung der Öffnung für grenzüberschreitende Waren- und Kapitalströme: 1990 war Vietnam das ärmste Land der Welt. Heute leben dort nur noch drei Prozent unter der Armutsgrenze. Die von „Attac“ und anderen Nullsummengläubigen vertretene These, wonach die Globalisierung eine Ausbeutung der Entwicklungsländer bedeutet, ist, wie Vietnam zeigt, grundfalsch.

Mit empirischer Evidenz hat der Nullsummenglaube nichts zu tun. Die Menschheitsgeschichte hat gezeigt, dass der Übergang von der Machtphase zur Marktphase (damit gemeint ist der Wandel einer Welt, die primär durch Macht, Gewalt, Herrschaft und Zwang strukturiert war, in eine Welt, die primär durch Märkte, Austausch, Verträge und freiwillige Kooperation strukturiert ist), einen gewaltigen Wohlstandsschub einleitete. Von 1750 bis 2000 – also nach dem Übergang zur Marktlogik – wuchs das Welt-BIP pro Kopf um das 37-Fache. 97 Prozent des Wohlstands wurden in den letzten 250 Jahren erzeugt.

Wie das Beispiel Venezuelas deutlich macht, kann es allerdings auch in die Gegenrichtung gehen. Dort haben die der Nullsummenlogik verhafteten Sozialisten es in 25 Jahren geschafft, eines der ehemals reichsten Länder der Welt in ein Armenhaus zu verwandeln, aus dem bereits 30 Prozent der Einwohner geflohen sind. Da diese tragische Entwicklung überall auf der Welt geschehen kann, ist ein entschlossener Kampf gegen das Nullsummendenken nötig, das den Fortschritt behindert oder gar umkehren kann.

Wer mehr zum Thema „Nullsummenlogik“ erfahren möchte, dem sei die Lektüre des jüngsten Werks aus der Feder des Historikers und Politikwissenschaftlers Rainer Zitelmann empfohlen: ZERO-SUM-MINDSET-Nullsummenfalle.

Quellen:

ZERO SUM MINDSET: Die Nullsummenfalle - warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken - Der größte Irrtum der Menschheit über Reichtum und Armut


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