03. Juni 2026 18:00

Freiheit Widerstand ist zwecklos

Über das Kollektiv und individuelle Freiheit

von Joana Cotar drucken

Freiheit: Kollektiv versus Individuum
Bildquelle: e-Redaktion Freiheit: Kollektiv versus Individuum

„Niemand ist frei allein, frei sind wir nur als wir.“ Das sagte Franziska Brantner vergangenes Wochenende beim grünen „Impuls-Forum“ in Berlin-Neukölln, einer ausverkauften Veranstaltung mit Eintritt, Eventlocation und dem festen Vorsatz, endlich auch mal liberal zu klingen. Freiheit, so die Grünen-Chefin, sei der „Treibstoff“, das große verbindende Thema. Aber Freiheit brauche Zugehörigkeit, Geschwisterlichkeit und ein warmes „Füreinander-Einstehen“.

Man muss diesen Satz ein paar Mal lesen, damit die Kälte unter der Wärme durchkommt.

„Frei sind wir nur als wir“. Es ist ein vollständiges Programm in sieben Wörtern.

Die Literatur kennt diesen Gedanken erstaunlich gut. Wer ihn für originell hält, hat Jewgenij Samjatin nicht gelesen. Der russische Ingenieur schrieb 1920 mit "Wir" den Urtext aller Dystopien, lange vor Orwell, lange vor Huxley. In Samjatins Einzigem Staat tragen die Menschen keine Namen mehr, sondern Nummern. Sie wohnen in gläsernen Häusern, damit niemand etwas zu verbergen hat, sie marschieren im Gleichschritt, und das Wort „Ich“ gilt als Krankheit. Das „Wir“ ist heilig, das „Ich“ ein Defekt, den der Wohltäter höchstpersönlich auszubrennen weiß. Brantner hätte an diesem Roman ihre helle Freude.

Orwell formulierte es zwei Jahrzehnte später knapper. Über dem Wahrheitsministerium prangen drei Parolen, eine davon lautet: „Freiheit ist Sklaverei.“ Bei Huxley wiederum ist das Motto des Weltstaats „Gemeinschaft, Identität, Stabilität“, und jeder gehört jedem, niemand gehört sich selbst.

Die großen Dystopien des 20. Jahrhunderts haben alle etwas gemeinsam. Am Anfang steht bei ihnen kein Stiefel im Gesicht, am Anfang steht ein freundliches Versprechen von Zusammengehörigkeit. Erst kommt das Wir, dann der Wohltäter, dann die Mauer. Wie in der Realität.

Das Muster ist nicht neu. Der gedankliche Stammvater heißt Jean-Jacques Rousseau. Von ihm stammt der berühmte Satz, dass man den Einzelnen, der sich dem Gemeinwillen widersetzt, eben „zwingen müsse, frei zu sein“. Ein Satz, der die halbe Schreckensgeschichte der Moderne in sich trägt. Wo immer eine politische Bewegung beschloss, sie kenne den wahren Willen des Volkes besser als das Volk selbst, war Rousseaus Gemeinwille der Türöffner. Die Jakobiner haben damit das Fallbeil legitimiert, die Bolschewiki das Lager.

Isaiah Berlin, einer der klarsten Köpfe des vergangenen Jahrhunderts, hat diese Falle beschrieben. Er unterschied zwischen negativer und positiver Freiheit. Negative Freiheit heißt schlicht: Man lässt mich in Ruhe. Niemand schreibt mir vor, was ich zu denken, zu sagen, zu tanken oder wie ich zu heizen habe. Positive Freiheit klingt edler, sie will mich zu meinem „höheren Selbst“ befähigen. In dem Moment aber, in dem ein anderer definiert, was mein höheres Selbst zu wollen hat, leben wir in Tyrannei. Berlin wusste, wohin die positive Variante kippt, sobald man sie einem Kollektiv überlässt.

Hayek hat dann den Rest beschrieben. Sobald sich eine Instanz anmaßt, das gemeinsame Ziel über die Ziele der Einzelnen zu stellen, ist der Weg zur Knechtschaft eröffnet, ganz gleich, wie geschwisterlich die Reise beginnt.

Wer es weniger akademisch mag, dem sei die populärste Form dieses Prinzips empfohlen. Es gibt eine Spezies, die „frei sind wir nur als wir“ zur Staatsdoktrin erhoben hat: die Borg aus Star Trek. Ein einziger Schwarm, ein einziges Bewusstsein, kein Ich, nur ein ewiges „Wir sind die Borg“. Drohnen, die ihre Individualität abgegeben haben und dafür vollständige Zugehörigkeit erhielten. Sie sind nie allein, nie ausgeschlossen, nie einsam. Geschwisterlichkeit total. Ihr Begrüßungsspruch ist legendär: „Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert.“ Man könnte ihn ohne große Mühe auf ein grünes Wahlplakat drucken, ein Herzchen daneben, fertig.

Aber, echte Freiheit braucht keine Erlaubnis des Kollektivs.

Ein freier Mensch darf und kann sich einem „Wir“ anschließen, einer Familie, einem Verein, einer Gemeinde, einer Nation. Er tut es freiwillig, und das macht es wertvoll. Verbundenheit, die ich wähle, ist ein Geschenk. Verbundenheit, die zur Voraussetzung meiner Freiheit erklärt wird, ist dagegen eine Geiselnahme.

Das „Wir“ bei Brantner ist kein Angebot, das wissen wir. Es fußt auf Bedingungen. Solidarisch sein, die richtige Haltung zeigen, mehr „beitragen“ und natürlich die richtigen Plattformen meiden. Wer sich dem Wir verweigert, fällt heraus, und draußen, das ahnt man, ist es kalt.

Eine Freiheit aber, die man sich durch Wohlverhalten verdient und bei Abweichung wieder verlieren kann, ist keine Freiheit. Freiheit gehört dem Einzelnen, sonst niemandem. Man kann sie teilen, man kann sie verschenken, man kann sie gemeinsam verteidigen. Besitzen aber kann sie immer nur ein "Ich". Das "Wir" kann vieles sein. Heimat, Halt, Wärme, aber niemals kann es der Souverän meiner Freiheit sein.

„Niemand ist frei allein“, sagt Frau Brantner.

Doch, Frau Brantner.

Genau so.

Und nur so.


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